Kurzinhalt:
Aus der Zeitung erfährt Miss Marple, dass Jason Rafiel – mit dem gemeinsam sie sich vor rund zwei Jahren in der Karibik auf Mörderhatz begeben hat – verstorben ist. Ein paar Tage später erreicht sie zuerst ein geheimnisvoller Brief von ihm, und dann eine Nachricht von seinen Anwälten, die sie bitten, sie in ihrem Büro in London zu besuchen. Dort macht man ihr ein ominöses Angebot: Sie soll Mr. Rafiel einen letzten Gefallen erweisen, dann wartet auf sie eine Belohnung. Allerdings erfährt sie im ersten Moment nicht, worum genau es sich dabei handelt. Sie schließt zwar aus ihrer früheren, gemeinsamen Erfahrung, dass es etwas mit einem Mord zu tun hat, kann aber noch nicht genau zuordnen, welchen Fall genau sie untersuchen soll. Erst als sie sich, auf Rafiels Geheiß, einer Reisegruppe anschließt, beginnt sich langsam ein Bild zu formen: Vor Jahren wurde Jason Rafiels Sohn des Mordes an seiner damaligen Freundin angeklagt. Seither sitzt er im Gefängnis. Jane erkennt, dass sie aufklären soll, ob Michael den Mord wirklich begangen hat, und wenn nicht, seine Unschuld beweisen und den wahren Täter zur Strecke bringen soll…
Review:
Eigentlich war "Das Schicksal in Person" der letzte Fall, den Agatha Christie für Miss Marple geschrieben hat. Da jedoch nach ihrem Tod dann noch der bisher unveröffentlichte Roman "Ruhe unsanft" erschienen ist (der, wie man bei der Referenz auf den König von England merkt, zeitlich früher angesiedelt ist), stellte dieser, zumindest wenn man nach dem Erscheinungsdatum geht, den eigentlichen Abschluss der Reihe dar. So oder so: Viel wichtiger als letzter Fall oder nicht ist letztendlich, dass die Königin des Krimis mit "Das Schicksal in Person " wieder zu alter Stärke zurückfand. Um den einen relevanten Kritikpunkt gleich aus der Welt zu schaffen: Ja, es wirkt doch ziemlich konstruiert, dass Jason Rafiel ihr nicht von vornherein sagt, worum es geht, sondern sie ohne weitere Anweisungen auf die Reise schickt, darauf vertrauend, dass seine Vorausplanung sie letztendlich auf die richtige Spur führen wird. Zudem fand ich diesen Teil, eben aufgrund der damit einhergehenden Ziellosigkeit, noch nicht ganz so packend. Wovon aber "Das Schicksal in Person " enorm profitiert, ist, wie Dame Agatha Christie ihre Titelheldin diesmal von Beginn an ins Rampenlicht stellt, und bis zuletzt auch nicht mehr aus den Augen verliert. Kein Vergleich zum Vorgänger "Bertram's Hotel", wo man die Szenen mit der cleveren alten Dame fast schon mit der Lupe suchen musste.
Aber auch der Fall ist – eben von der anfänglichen Ziel- und Ratlosigkeit abgesehen – diesmal deutlich interessanter, und wartet mit einigen wunderbar ausgeklügelten, rückblickend aber auch völlig logischen Wendungen und Offenbarungen auf (ich denke hier nur an die Identifikation der Leiche). Die Auflösung hatte ich zwar noch aus der TV-Adaption mit Joan Hickson in Erinnerung (wo man aus mir unerfindlichen Gründen diesen Fall vor "Karibische Affäre" adaptierte), das machte sie aber um nichts weniger gefällig. Vor allem auch, da er halt auch wirklich phänomenal aufgebaut ist, und man im Nachhinein die zahlreichen Hinweise erkennt (bzw. sich die wahre Bedeutung hinter einzelnen Aussagen – wie die warnenden Worte über die Liebe – erst danach erschließt). Und nicht zuletzt bezieht "Nemesis" auch aus dem Sequel-Charakter einiges an Reiz. Ja, letztendlich ist der Fall hier völlig unabhängig von "Karibische Affäre", aber da wir dort Jason Rafiel kennen- und im Idealfall trotz (oder gerade wegen?) seiner ruppigen Art schätzen gelernt haben, fiebert man hier wenn es darum geht, die Unschuld seines Sohnes zu beweisen, bei Jane Marples Ermittlungen entsprechend mit. Einzig aus dem Rest der Reisegruppe hätte Christie vielleicht noch ein bisschen mehr herausholen können. Bzw. genauer gesagt wäre es vielleicht besser gewesen, diese zu verkleinern, und dem Rest dafür mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist aber wirklich nur ein kleines Manko.
Fazit:
"Das Schicksal in Person" erweist sich (wenn man die zweite Kurzgeschichtensammlung, sowie den zuvor geschriebenen, jedoch erst posthum veröffentlichten Roman "Ruhe unsanft" ausblendet) als mehr als würdige Abschiedsvorstellung für Miss Jane Marple. Zwar bleiben "Mord im Pfarrhaus", "Ein Mord wird angekündigt" und (auch wenn ich hier gegen den Strom schwimme) "Mord im Spiegel" für ihn (und für mich) außer Reichweite – dafür sorgt nicht zuletzt der noch etwas gemächlich-konfus-ziellose Einstieg (der für mich auch nicht wirklich Sinn ergeben wollte). Sobald dann aber mal offenbart wird, welchen Fall "Nemesis" Miss Marple für Jason Rafiel aufklären soll, dreht "Das Schicksal in Person" so richtig auf. Der Roman profitiert darüber hinaus stark davon, dass Miss Marple hier so präsent ist wie nie zuvor. Und auch der wunderbar ausgeklügelte Fall – bei dem es Dame Agatha Christie wieder einmal auf absolut bestechende Art und Weise gelang, Hinweise auszustreuen, die im Nachhinein ein stimmiges Gesamtbild ergeben, jedoch ohne die Auflösung je zu offensichtlich zu machen – hatte es mir angetan. Etwas gestrafft hätte das tatsächlich einer der besten, wenn nicht gar der beste "Miss Marple"-Roman überhaupt sein können. Ein wirklich toller Krimi – und ein wunderbarer Schlusspunkt für die Abenteuer der Figur – ist er aber auch so.