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Miss Marple, verzweifelt gesucht Kategorie: Literatur & Comics - Autor: Christian Siegel - Datum: Sonntag, 04 Oktober 2026
 
Titel: "Bertram's Hotel"
Originaltitel: "At Bertram's Hotel"
Bewertung:
Autorin: Agatha Christie
Übersetzung: Anna Leube
Umfang: 265 Seiten (E)
Verlag: Atlantik (D), HarperCollins (E)
Veröffentlicht: November 1965 (E)
ISBN: 978-0-00-819661-5 (E)
Kaufen: Taschenbuch (D), Taschenbuch (E)
 

Kurzinhalt: Nach ihrem Aufenthalt in der Karibik spendiert Raymond seiner Tante Jane Marple einen weiteren Urlaub. Diesmal steht ein nostalgischer Trip ins Bertram Hotel in London auf dem Plan, welches sie als Kind mit ihren Eltern oft besucht hat. Auf den ersten Blick scheint sich seit damals nichts verändert zu haben. Miss Marple genießt ihren Aufenthalt, und auch, die anderen Gäste zu beobachten, und teilweise auch näher kennenzulernen. Dies betrifft nicht zuletzt die weltberühmte Abenteurerin Bess Sedgwick, ihre Tochter Elvira Blake, deren Vormund Colonel Luscombe, sowie den vergesslichen Domherrn Pennyfather. Als letzterer von einer Reise zu einer Konferenz in der Schweiz nicht wie angekündigt wieder ins Hotel zurückkehrt, ruft dies die Polizei auf den Plan. Mit Hilfe von Jane Marple beginnt Inspektor Davy seine Ermittlungen, im Zuge derer sich die schöne, makellose Fassade des Bertram Hotels als Lügengespinst offenbart…

Review: Nachdem ich von der Verfilmung mit Joan Hickson in der Titelrolle (als Teil der ersten "Miss Marple"-Serie) sehr angetan war, hatte ich die Hoffnung, dass es "Bertram's Hotel" gelingen würde, über die vorherige, doch eher nur mittelmäßige "Karibische Affäre" hinauszukommen. Stattdessen war leider das genaue Gegenteil der Fall, fand ich die Vorlage noch vielmehr noch eine Spur schlechter als den unmittelbaren Vorgänger. Dabei beginnt alles grundsätzlich recht vielversprechend: Die Idee, dass Miss Marple hier ein altes Hotel besucht, welches sie aus ihrer Kindheit kennt, ist zweifellos sehr interessant. Zumindest in Ansätzen widmet sich Dame Agatha Christie hier auch der oftmals nostalgischen Verklärung der Vergangenheit, vor allem aber der altbekannten Weisheit "Man kann nie zurück" – nicht nur, weil sich die Welt verändert, sondern weil sich auch wir verändern. Zwar widmet sich Christie diesem Grundsatz hier in weiterer Folge nicht ganz so sehr, wie ich mir das gewünscht hätte, dennoch sehe ich darin noch die größte Stärke von "Bertram's Hotel". Die Figurenriege ist grundsätzlich auch nicht schlecht, wobei ich vor allem die ungewöhnliche Mutter-Tochter-Konstellation interessant fand. Und nicht zuletzt, dass es hier im Endeffekt um mehr als ein Verbrechen geht, stach bei der Auflösung am Ende dann durchaus hervor. Wie auch, dass eine bestimmte Person die Schuld am Mord auf sich nimmt, um eine andere zu beschützen.

Insgesamt überwiegen bei "Bertram's Hotel" für mich ab er leider die Schwächen. Diese beginnen schon dabei, dass die Titelheldin hier wieder einmal nur sehr sporadisch zum Einsatz kommt. Damit verzichtet Christie hier, nicht zum ersten Mal innerhalb der Reihe, für einen Großteil der Geschichte auf ihre größte Stärke. Noch schlimmer ist aber, dass sie letztendlich hier abseits einer Beobachtung – ein Gespräch, dass sie zufällig mitangehört hat – nichts zu den Ermittlungen beiträgt, und Inspektor Davy unabhängig von ihr die gleichen Schlüsse zieht. Das macht sie für das Geschehen hier so gut wie überflüssig. Überhaupt, Inspektor Davy. Der ist zwar keinesfalls schlecht, aber irgendwie gibt es da nichts, dass ihn hervorstechen und damit sorgen würde, dass er länger in Erinnerung bleibt. Er wirkt letztendlich wie ein sehr 08/15-Polizist/Ermittler. Und dann ist da noch der Fall an sich. Aufgrund der gleich mehreren Verbrechen die hier zusammenkommen zwar durchaus komplex, aber irgendwie auch sehr zerfahren, und nie wirklich interessant. Es hilft auch nicht, dass der Mord erst relativ spät geschieht, und Christie davor von einer Figur zur nächsten hüpft – es dabei irgendwie aber dennoch nicht schaffen wollte, bei mir eine Bindung zu ihnen aufbauen zu lassen. Vor allem dem parallelen Abenteuer von Pennyfather widmet sie sich meines Erachtens zu ausführlich. Und generell droht man auf den ersten hundert Seiten teilweise doch etwas den Überblick zu verlieren. Der Mord geschieht dann wie gesagt überraschend spät, und auch wenn es schwer zu beurteilen ist, wenn man so wie ich die Serienadaption kennt, hielt ich die Auflösung etwas gar offensichtlich. Auch das hat Christie schon mal (teilweise sogar weitaus) besser hinbekommen.

Fazit: Nach einem noch durchaus netten und vielversprechenden Auftakt aus Miss Marples Perspektive verliert Agatha Christie ihre Titelheldin hier im weiteren Verlauf des Geschehens für meinen Geschmack viel zu sehr aus den Augen. Nicht nur muss man deswegen auf eine der sonst größten Stärken dieser Romane – Janes Gedanken und Einsichten – verzichten, letztendlich spielt Marple hier noch dazu bei der Auflösung so gut wie keine Rolle. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Krimi ursprünglich von der Marple-Reihe losgelöst sein, Inspektor Davy als neuen Ermittler etablieren, und Christie erst recht spät ihre Meinung geändert und sie doch noch eingebaut hat. Mehr noch als daran litt "Bertram's Hotel" aber unter dem ziemlich konfusen Fall, der leider eher verwirrend als komplex ist, und mich nie so recht zu packen vermochte. Das vor allem in der ersten Hälfte konstante hin- und herspringen zwischen verschiedenen Figuren trug hier sicherlich auch seinen Teil dazu bei. Letztendlich wirkt alles an "Bertram's Hotel" auf mich so, als hätte sich Christie hier, nachdem sie bereits unzählige Krimis vorgelegt hatte, doch ordentlich anstrengen müssen, um sich einen weiteren einfallen zu lassen. Das Endergebnis wirkt doch eher verkrampft und bemüht, und kommt leider nicht an die besseren, geschweige denn besten, "Miss Marple"-Romane heran.

Bewertung: 2/5 Punkten
Christian Siegel
(Cover © 2022 HarperCollins)





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