Kurzinhalt:
Miss Jane Marple wurde von ihrem Neffen Raymond West ein Urlaub in der Karibik geschenkt. Während ihres Aufenthalts im Golden Palm-Hotel, welches vom Ehepaar Tim und Molly Kendal geführt wird, lernt sie nacheinander die anderen Besucher kennen, darunter auch Major Palgrave. Dieser erweist sich als geschwätziger älterer Herr, der jeden, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt, mit Geschichten aus seinem Leben . Eines Tages erwischt es Miss Marple. Sie hört nur mit einem Ohr zu, als er auf das Foto eines Mörders zu sprechen kommt, welches sich in seinem Besitz befindet. Er will es ihr soeben zeigen, als er plötzlich innehält, es wieder in die Tasche steckt, und rasch das Thema wechselt. Irgendetwas – oder irgendjemand – scheint ihn erschreckt zu haben. Am nächsten Morgen wird er tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Angesichts der Tabletten, die in seinem Badezimmer gefunden werden, vermutet man, dass er an Bluthochdruck litt, und so wird von einer natürlichen Todesursache ausgegangen. Doch Jane Marple ist sich dessen nicht so sicher. Zusammen mit dem reichen, im Rollstuhl sitzenden Ungustl Jason Rafiel nimmt sie die Ermittlungen auf…
Review:
Nach sechs Romanen in und rund um St. Mary Mead, jedenfalls aber immer im Setting einer vermeintlich verschlafenen englischen Kleinstadt, hielt Dame Agatha Christie die Zeit gekommen, ihre gerissene ältere Dame mal in einer anderen Umgebung ermitteln zu lassen. Die beiden mir bislang bekannten Verfilmungen des Falls, 1x mit Helen Hayes und 1x mit Joan Hickson in der Hauptrolle, konnten von eben diesem Setting auch durchaus profitieren. Beim Roman war das in meinen Augen leider nur bedingt der Fall. Paradiesische Landschaften zu sehen, wird halt nun mal immer stärker wirken, als sie in einem Text beschrieben zu bekommen. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum mich "Karibische Affäre" leider nicht ganz so begeistern konnte – im Übrigen insofern sehr zu meiner Überraschung, als mir der Fall in den beiden Verfilmungen eigentlich recht gut gefallen konnte (wenn ich ihn auch nicht zu meinen Favoriten unter den Marple-Geschichten zählen würde), vor allem aber Miss Marple hier im Vergleich zu einigen früheren Romanen von Anfang bis Ende durchgehend präsent ist, und im Mittelpunkt steht; das war ja nicht immer so. Aber irgendwie, obwohl Jane Marple hier eine große Rolle spielt, bekam sie für meinen Geschmack in früheren Geschichten, selbst wenn sie sich dort um einiges rarer gemacht hat, mehr hervorstechendere Momente.
Aber auch im Hinblick auf ihre Überlegungen und Beobachtungen haben frühere Fälle, nicht zuletzt der Vorgänger "Mord im Spiegel", mehr geboten. Zu Beginn stechen noch ihre Gedanken hervor, während Major Palgrave seine Lebensgeschichte erzählt, und sie nur mit einem Ohr zuhört. Danach sind es dann in erster Linie ihre Gespräche mit Jason Rafiel, die sich positiv bemerkbar machen, und mit der einen oder anderen netten Dialogzeile bestechen. Wie ihre Dynamik den Roman generell für mich merklich aufwertete. Insgesamt schien mir Agatha Christie mit ihrer Titelheldin hier aber irgendwie nicht so recht etwas anzufangen zu wissen. Und dann ist da noch der dritte Mord (im Übrigen täte der Reihe in meinen Augen mal eine Abwechslung von diesem Muster gut), der auf mich doch ein bisschen konstruiert wirkte. Dass das dem Mörder/der Mörderin echt nicht aufgefallen sein soll?! Nun will ich "Karibische Affäre" deshalb nicht schlechtreden (bzw. -schreiben). Der Fall ist wieder ziemlich nett ausgeklügelt, und überzeugt mit der richtigen Mischung aus "echten" Hinweisen und roten Heringen, wobei ich vor allem eine falsche Fährte rund um den Inhalt des von Major Palgrave eben nicht hergezeigten Fotos ziemlich effektiv fand. Vor allem aber gefiel mir an "Karibische Affäre", wie der Roman aufzeigt, wie leicht es – im Hinblick auf die Blutdrucktabletten – ist, Gerüchte zu streuen, so dass auf einmal alle etwas glauben, was eigentlich gar nicht wahr ist. Von diesem netten Detail abgesehen kam mir die durchaus kritische Betrachtung mit der menschlichen Natur diesmal aber doch ein bisschen zu kurz.
Fazit:
Bereits die Verfilmung mit Joan Hickson fand ich doch eher nur durchschnittlich (jene mit Helen Hayes zumindest eine Spur besser), und auch die Romanvorlage würde ich nur auf diesem Niveau einstufen. Im Hinblick darauf, dass Miss Marple hier eigentlich die ganze Zeit vor Ort ist, und dementsprechend im Mittelpunkt steht, fand ich es vor allem enttäuschend, wie wenige wirklich gute, hervorstechende Momente (und/oder Gedanken bzw. Sprüche) sie hier spendiert bekommt. Nur zu Beginn gibt es ein paar nette Überlegungen von ihr; danach glänzt sie in erster Linie nur noch im Duett mit Jason Rafiel. Der Mordfall ist zwar wieder durchaus nett ausgeklügelt, dennoch würde ich ihn nicht zu den besseren bis besten der Miss Marple-Reihe zählen. Und im Gegensatz zu den Verfilmungen, die mit den entsprechenden paradiesischen Landschaften auftrumpften, kann die Romanvorlage leider auch aus dem Setting kaum einen Vorteil ziehen. All dies macht "Karibische Affäre" zwar noch lange nicht schlecht; für mich handelt es sich hier aber um den bisher schwächsten der Miss Marple-Krimis.