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Mord im Spiegel Drucken E-Mail
Lässt den Lansbury-Film klar hinter sich Kategorie: Literatur & Comics - Autor: Christian Siegel - Datum: Sonntag, 09 August 2026
 
Titel: "Mord im Spiegel"
Originaltitel: "4.50 from Paddington"
Bewertung:
Autorin: Agatha Christie
Übersetzung: Ursula Gail
Umfang: 280 Seiten (E)
Verlag: Atlantik (D), HarperCollins (E)
Veröffentlicht: November 1962 (E)
ISBN: 978-0-00-819659-2 (E)
Kaufen: Taschenbuch (D), Taschenbuch (E)
 

Kurzinhalt: Die Aufregung in St. Mary Mead ist groß, als die bekannte Schauspielerin Marina Gregg in die Kleinstadt zieht, und das ehemalige Anwesen von Dolly Bantry übernimmt. Nach einem Zusammenbruch hatte sich Marina aus den Augen der Öffentlichkeit – und ihrer Profession – zurückgezogen. Nun ist sie davon überzeugt, in St. Mary Mead ihre neue Heimat gefunden zu haben, und möchte auch als Schauspielerin wieder durchstarten. Nach dem Einzug lädt sie zu einem großen Empfang, zu dem jeder in der Kleinstadt herzlich eingeladen ist. Einem Ruf, dem u.a. auch Heather Babcock folgt, eine junge Frau, die Zeit ihres Lebens ein großer Fan der Schauspielerin ist, und sie auch einst kurz getroffen hat. Kurz nachdem sie von eben diesem Erlebnis berichtet, bricht sie plötzlich zusammen. Die Obduktion ergibt, dass sie vergiftet wurde. Allerdings kann sich niemand ein Motiv vorstellen, warum jemand Heather Babcock ermorden sollte. Dann jedoch erinnern sich die Anwesenden daran, dass Marina zuvor ihren Drink verschüttet, und die beiden daraufhin die Gläser getauscht hatten…

Review: Dank der Verfilmung mit Angela Lansbury in der Hauptrolle war "Mord im Spiegel" der zweite von Agatha Christie für Miss Marple geschriebene Fall, mit dem ich in Berührung kam (denn von den vier Margaret Rutherford-Filmen basierte ja nur der erste, "16 Uhr 50 ab Paddington", auf eine entsprechende Vorlage; und auch das nur recht lose). Im Vergleich von den damaligen Poirot-Filmen, zuerst mit Albert Finney und später dann insbesondere Peter Ustinov in der Hauptrolle, war ich von "Mord im Spiegel" schon immer eher weniger begeistert. Zwar ist der Fall durchaus dramatisch, und mit dem vermeintlich falschen Opfer clever ausgeklügelt, in Anbetracht der Tatsache dass Miss Marple darin im Vergleich zu anderen Fällen eine vergleichsweise kleine Rolle spielt fand ich ihn aber als ersten Marple-Kinofilm nach einer rund sechzehnjährigen Pause eher unglücklich gewählt. Auch der TV-Adaption mit der wunderbaren Joan Hickson wollte es nicht gelingen, über die Hürde, dass Miss Marple eher nur eine Nebenrolle spielte, da die Ermittlungen in erster Linie in der Hand des Patensohns ihres guten Freundes Sir Henry Clithering (weshalb er sie liebevoll als Tante bezeichnet) liegen, drüberzukommen. Insofern hatte ich mir auch von der Vorlage nicht übermäßig viel erwartet – und war insbesondere von den ersten rund zwanzig Seiten positiv überrascht.

Denn im Gegensatz zu einigen früheren Romanen, die sich mit dem Auftritt von Miss Marple Zeit lassen, dominiert sie hier die ersten paar Seiten, und lernen wir das Kleinstadtleben in St. Mary Mead aus ihrer Perspektive kennen. Ihre entsprechenden Gedanken, die sowohl wunderbar offenherzig und clever sind, sich andererseits aber auch wieder durch einen feinen Humor auszeichnen, waren für mich das Highlight des Romans. Beispielhaft sei folgende Passage hervorgehoben: "St. Mary Mead was not the place it had been. In a sense, of course, nothing was what it had been. You could blame the war (both the wars) or the younger generation, or women going out to work, or the atom bomb, or just the Government – but what one really meant was the simple fact that one was growing old." Wunderbar auch wieder, wie sie zwischen den neuen Personen in St. Mary Mead immer wieder Parallelen zu früheren Personen aus ihrem Leben zieht, da, wie sie nicht müde wird zu betonen, die menschliche Natur immer gleich ist, egal welche Zeit und welcher Ort (sprich, sei es nun eine Kleinstadt wie St. Mary Mead, oder die "große weite Welt"). Wunderbar fand ich darüber hinaus die Anspielungen auf frühere Fälle, wie "Mord im Pfarrhaus" und insbesondere "Die Tote in der Bibliothek" – nicht zuletzt spielen die Ereignisse hier ja im früheren Anwesen von Dolly Bantry, die auch selbst wieder mit von der Partie ist. Vor allem aber trumpften insbesondere die ersten paar Seiten mit ein paar wirklich wunderbar geschriebenen Passagen (wie u.a. eben auch dem oben angegebenen Zitat) auf.

Eventuell lag es daran, dass Agatha Christie hier früher als üblich meinen Durst nach Jane Marple stillte, aber aufgrund dieses Prologs fand ich es hier nicht so auffällig bzw. störend, dass sie danach eher in den Hintergrund rückt, als in den Adaptionen. Eher im Gegenteil; insofern, als sie ja zumindest im Kinofilm (bei der TV-Verfilmung erinnere ich mich leider nicht mehr) persönlich bei der Party anwesend war, und das Ereignis mitverfolgte. Demgegenüber muss sie sich hier an die verschiedenen Zeugenaussagen halten, was die Lösung des Falls natürlich ungleich herausfordernder macht. Interessant fand ich auch, wie früh Christie hier eigentlich die Karten aufdeckt. Also natürlich soll die Auflösung am Ende überraschen, aber rückblickend wird uns das Motiv für den Mord bereits überraschend früh offenbart – allerdings so gut versteckt, dass man es wenn man die Geschichte noch nicht kennt nicht bemerkt. Das war schon wirklich sehr clever aufgebaut. Zugegeben, wenn man den Fall natürlich schon kennt – sei es, weil man den Roman schon gelesen hat, oder halt mit einer der Adaptionen vertraut ist – macht sich die Tatsache, wie lang hier in Richtung des falschen vermeintlichen Opfers ermittelt wird, ein bisschen negativ bemerkbar. Christies überaus gefällige Schreibweise und die immer wieder eingestreuten Auftritte von Miss Marple halfen aber zumindest mir über diesen potentiellen Kritikpunkt größtenteils hinweg. Und der tragische Ausgang des Geschehens (dessen genaue Hintergründe offen bleiben) tut dann sein Übriges.

Fazit: Da mich sowohl der Film mit Angela Lansbury als auch die TV-Umsetzung mit Joan Hickson nicht wirklich begeistern konnten, hatte ich mir von "Mord im Spiegel" nicht viel erwartet – und wurde überaus positiv überrascht. Hauptverantwortlich dafür dürfte der Einstieg gewesen sein. Die beiden erwähnten Adaptionen litten ja darunter, dass Miss Marple dort eine relativ geringe Rolle einnahm. Dies ist in weitere Folge zwar durchaus in der Vorlage der Fall; der auf Jane Marple fokussierte – und die Veränderungen in St. Mary Mead auf wunderbar aufmerksame und zugleich amüsante Art beschreibende – Prolog machte jedoch ihre spätere Abwesenheit für mich irgendwie verschmerzbarer. Auch der Fall ist wunderbar ausgeklügelt – auch wenn Dame Agatha Christie vielleicht der im Mittelpunkt stehenden falschen Fährte ein bisschen zu viel Zeit bzw. Seitenzahl widmet. Ihr wunderbarer Schreibstil (inkl. – für die Reihe ungewöhnlich – Referenzen auf das titelspendende Gedicht von Alfred Tennyson), die immer wieder eingestreuten Auftritte von Miss Marple, sowie insbesondere dann auch die tragische Auflösung sollten "Mord im Spiegel" dann letztendlich aber, zu meiner eigenen Überraschung, zu einem meiner (bisherigen) Lieblingsromane der Miss Marple-Reihe machen.

Bewertung: 4/5 Punkten
Christian Siegel
(Cover © 2022 HarperCollins)





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