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16 Uhr 50 ab Paddington Drucken E-Mail
Hält dem Vergleich mit Pollocks Film nicht stand Kategorie: Literatur & Comics - Autor: Christian Siegel - Datum: Sonntag, 12 Juli 2026
 
Titel: "Das Geheimnis der Goldmine"
Originaltitel: "4.50 from Paddington"
Bewertung:
Autorin: Agatha Christie
Übersetzung: Ulrich Blumenbach
Umfang: 281 Seiten (E)
Verlag: Atlantik (D), HarperCollins (E)
Veröffentlicht: November 1957 (E)
ISBN: 978-0-00-819658-5 (E)
Kaufen: Taschenbuch (D), Taschenbuch (E)
 

Kurzinhalt: Elspeth McGillicuddy fährt mit dem Zug nach St. Mary Mead, um ihre Freundin Jane Marple zu besuchen. Während der Fahrt beobachtet sie, wie in einem Abteil des parallel fahrenden Zuges – der um 16 Uhr 50 von Paddington abgefahren ist – eine junge Frau von einem Mann erwürgt wird. Sie informiert sofort den Schaffner, der daraufhin die Polizei alarmiert. Diese kann jedoch im betreffenden Zug, als dieser an der nächsten Station hält, keine Leiche entdecken – weshalb man in Verbindung mit dem Kriminalroman, den sie gerade gelesen hat, davon ausgeht, dass Miss McGillicuddy sich den Vorfall nur eingebildet hat. Dieser Annahme widerspricht jedoch ihre Freundin Miss Marple entschieden – wenn auch nicht aus ganz charmanten Gründen, würde es Elspeth doch ihrer Ansicht nach an Fantasie und Vorstellungskraft mangeln, um so eine Geschichte zu erfinden. Sie vermutet, dass die Leiche irgendwo zwischen der Stelle wo Elspeth den Mord beobachtete und der nächsten Station aus dem Zug geworfen wurde. Als die Suche parallel zur Stecke ebenfalls nichts offenbart, deutet alles darauf hin, dass die Leiche irgendwo im Anwesen Rutherford Hall versteckt wurde – woraufhin Jane ihre Freundin Lucy Eyelesbarrow darum bittet, sich dort als Dienstmädchen anstellen zu lassen…

Review: Zugegebenermaßen gibt es keine Garantie dafür, dass bloß weil "16 Uhr 50 ab Paddington" die allererste Miss Marple-Verfilmung – mit der wunderbaren Margaret Rutherford in der Hauptrolle – war, ich ihn tatsächlich auch als erstes gesehen habe, und dies dementsprechend auch wirklich meine erste Begegnung mit Agatha Christies wunderbarer Figur war. So oder so: Ich war von der Verfilmung – trotz (oder vielleicht auch wegen) der Freiheiten, die man sich dabei genommen hat, schon immer begeistert. Ungeachtet Christies eigener Meinung, sowohl zur Adaption als auch der Interpretation von Margaret Rutherford, ist er bis heute mit Lieblingsfilm mit der rüstig-cleveren alten Dame. Dementsprechend schwer hatte es zugegebenermaßen die Vorlage – nicht zuletzt eben auch deshalb, als mir die deutlich werkgetreuere TV-Adaption mit Joan Hickson die Unterschiede zwischen dem von mir so geliebten Film und der Vorlage bereits deutlich machte. Mit am Wichtigsten ist dabei zweifellos, dass Miss Marple in der Rutherford-Verfilmung nicht etwa Lucy Eyelesbarrow vorschickt, sondern die Ermittlungen selbst in die Hand nimmt. Da die Titelfigur für mich – ganz egal ob in der Vorlage und/oder in einer der diversen Interpretationen/Adaptionen – immer zu den größten Stärken dieser Fälle gehört, ist das gleich mal ein dickes Plus. Ich muss aber auch gestehen, dass mir die Falle, die Miss Marple dem Mörder in der Verfilmung von George Pollock stellt, letztendlich besser gefallen konnte als in der Vorlage. Einfach, weil das nicht wirklich ein stichhaltiger Beweis war (bei jedem ähnlich aussehenden Mann bzw. Hinterkopf hätte Elspeth wohl genauso reagiert), vor allem aber, weil Jane hier auf ein etwas zu übertrieben exaktes und glückliches Timing angewiesen war. Da fand ich die Falle, die Margaret Rutherford dem Täter im Film legt, deutlich cleverer, pfiffiger, und überzeugender.

Was hingegen egal in welcher Version der Geschichte besticht, ist die großartige Grundidee, die für mich dann neben Miss Marple auch die zweite wesentliche Stärke von "16 Uhr 50 ab Paddington" darstellt. Auf die Idee muss man erst mal kommen! Das war wirklich verdammt clever ausgedacht. Allerdings: Nach diesem auch hier wirklich coolen Setup schlief die Vorlage für mich doch ein bisschen ein. Es dauert vergleichsweise lange, bis Lucy Eyelesbarrow überhaupt mal in Rutherford Hall ankommt, geschweige denn die Leiche entdeckt. Aber auch danach nehmen die Ermittlungen einen vergleichsweise geringen Teil der Handlung ein; von Miss Marples eigener Beteiligung ganz zu schweigen. Nun mag das insgesamt dramatischer klingen, als es eigentlich ist. Ich mag Dame Agatha Christies Schreibweise nun einmal, und auch hier fängt sie das Landleben (im gehobeneren Bereich), mit all seinen Licht- aber auch Schattenseiten – und die Abgründe, die unter der hübschen Fassade lauern – sehr schön ein. Auch die Romanze zwischen Lucy und gleich zwei jungen Männern (für welchen davon – wenn überhaupt – sie sich entscheidet, lässt die Autorin bewusst offen) stach für mich insofern positiv heraus, als solche bei den Marple-Romanen ja doch nicht an der Tagesordnung sind. Und zum Ende hin, wenn Miss Marple selbst dann doch nochmal in den Fall involviert ist, dreht "16 Uhr 50 ab Paddington" – abseits der mich wie schon erwähnt nicht gänzlich überzeugenden Falle für den Mörder – nochmal auf. Für mich bleibt George Pollocks Verfilmung mit der unvergleichlichen Margaret Rutherford in der Hauptrolle für die Romanvorlage aber außer Reichweite.

Fazit: Zugegebenermaßen hatte es "16 Uhr 50 ab Paddington" ganz besonders schwer, tritt Agatha Christies Romanvorlage doch gegen meinen absoluten Marple-Lieblingsfilm an, mit dem mich rund vierzig Jahre nostalgische Erinnerungen verbindet. Und wer weiß, vielleicht würde ich es, wenn ich den Film erst vor kurzem gesehen – und vor allem erst, nachdem ich den Roman gelesen – hätte, anders sehen. Weil tatsächlich nahmen sich George Pollock und seine Drehbuchautoren hier einige Freiheiten. Allerdings sehe ich die beiden wesentlichen Änderungen – statt einer Freundin, die den Mord sieht, ist es vielmehr Miss Marple selbst, die daraufhin zudem auch selbständig die Ermittlungen übernimmt; sowie die Falle für den Mörder – als Verbesserung im Vergleich zur Vorlage an. Diese ist zwar ebenfalls keineswegs schlecht, und lebt nicht zuletzt von der extrem pfiffigen und einfallsreichen Grundidee, die einen als Leser:in sofort abholt. Auch konnte mir Christies Schreibweise hier wie immer sehr gut gefallen. Dass ihre Titelheldin hier aber doch wieder eine vergleichsweise kleine Rolle spielt, führte in Verbindung mit der etwas zu großzügigen Seitenzahl dafür, dass ihre Romanvorlage für mich an Pollocks Filmadaption nicht heranreicht.

Bewertung: 3/5 Punkten
Christian Siegel
(Cover © 2022 HarperCollins)





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