Kurzinhalt:
Miss Jane Marple bekommt Besuch von einer alten Schulfreundin, Ruth van Rydock. Diese erzählt ihr, dass sie sich Sorgen wegen ihrer Schwester Carrie Louise macht. Es wäre ihr recht, wenn sich Jane unter einem Vorwand für ein paar Tage auf das Anwesen von Carrie Louise und ihrem Ehemann Lewis Serrocold einladen lassen würde, um nach dem Rechten zu sehen. Das Gelände ist dabei zweigeteilt: Ein großes Haus beheimatet das Ehepaar und ein paar bei ihnen wohnende Verwandte, daneben gibt es aber auch noch ein Jugendheim, in dem straffällig gewordene Jugendliche wieder auf den rechten Weg zurückgebracht werden sollen. Jane wird von Carrie Louise herzlich begrüßt, und danach herumgeführt. Doch bereits am darauffolgenden Abend kommt es zu einem tragischen Vorfall, als zuerst ein lauter Streit zwischen Lewis und einem der Jugendlichen, Edgar, zu hören ist, und kurz darauf in einem nahegelegenen Zimmer Christian, Carrie Louise Stiefsohn aus einer früheren Ehe, über eine Schreibmaschine gebeugt erschossen aufgefunden wird…
Review:
Zu "Fata Morgana" habe ich neben der Adaption mit Joan Hickson in der Hauptrolle auch davor bereits eine Verfilmung mit Helen Hayes gesehen. Insofern war mir die Auflösung, als ich nun zum ersten Mal das Buch in die Hand nahm, natürlich schon bekannt. Angesichts der Tatsache, dass ich bei "Mord mit doppeltem Boden" allerdings gleich als das "Theater" losgeht wusste, was hier gespielt wird, bin ich mir ziemlich sicher, den Braten auch wenn der Roman mein erster Kontakt zu diesem Kriminalfall gewesen zu wäre gerochen zu haben. Das ist dann auch gleich mein einzig nennenswerter Kritikpunkt an "Fata Morgana": Agatha Christie scheint sich hier förmlich abzumühen, die krimierfahrenen Spürnasen mit der Fülle an Figuren und Motiven von der Fährte abzubringen, und die offensichtliche Wahrheit zu kaschieren – nicht unähnlich dessen, was sich in der Geschichte selbst im Hinblick auf die Inszenierung des Vorfalls im Studienzimmer zuträgt. Nur: Wenn die Täuschung nicht gelingt, offenbaren sich die ganzen Versuche, die Tatsachen zu verstecken, als ein bisschen überflüssig und zweckmäßig. Allerdings will ich diesen Kritikpunkt jetzt auch nicht unverhältnismäßig aufblähen.
Denn wie ich ja immer gerne festhalte: Natürlich sind die einfallsreichen Whodunit-Rätsel eine wesentliche Stärke von Agatha Christies Krimis – aber eben bei weitem nicht die Einzige. Wie schon der Roman zuvor profitiert auch "Fata Morgana" enorm davon, dass Miss Marple nicht, wie in einigen "ihrer" ersten Abenteuer, wie eine Randfigur behandelt wird, sondern vielmehr von Beginn an in Erscheinung tritt, und stellenweise sogar im Mittelpunkt steht. Das Geschehen zumindest teilweise aus ihrer Perspektive zu verfolgen (wenn Christie auch das Format des neutralen Erzählers beibehält) gab "Fata Morgana" definitiv nochmal einen zusätzlichen Reiz. Zumal sie auch wieder mit ihrer Meinung gegenüber bestimmten Personen nicht hinterm Berg hält. Und nicht zuletzt: Dass es sich bei Carrie Louise um eine alte Bekannte aus Jane Marples Kindheitstagen handelt, sorgte ebenfalls für einige sehr nette Momente. Darüber hinaus gibt es hier wirklich eine Fülle an Figuren, die dem Fall eine gewisse Komplexität geben. Zumal mir auch die Dynamik, die teilweise zwischen ihnen herrscht, gut gefallen konnte. Und auch mit dem sowohl sympathisch als auch kompetent wirkenden Inspektor Curry wurde ich rasch warm. All dies machte "Fata Morgana" trotz der etwas offensichtlichen Auflösung für mich wieder zu einem vergnüglichen Kriminalroman.
Fazit:
"Fata Morgana" leidet in meinen Augen ein bisschen darunter, dass für alle Krimi-erfahrenen Leser:innen die Auflösung sehr früh erahnen dürften (so ging es zumindest mir, als ich die erste Adaption mit Helen Hayes in der Titelrolle das erste Mal sah). Irgendwie war die Ablenkung etwas zu deutlich als solche (und als Inszenierung) erkennbar, und von dort aus der Weg zur Klärung des Falls ein sehr kurzer. Mir scheint auch, dass sich Agatha Christie als Autorin eines ähnlichen Tricks bedient, wie der Mörder/die Mörderin (ich will hier bewusst nichts vorwegnehmen) – und uns mit einer Fülle an Figuren und damit Verdächtigen abzulenken versucht; was jedoch, wie ich behaupte, bei den Wenigsten funktionieren dürfte. Insofern, so clever ausgeklügelt es grundsätzlich auch ist, würde ich die Auflösung eher zu den Schwächen als Stärken von "Fata Morgana" zählen. Was aber insofern nicht weiter tragisch ist, als sie durch die zahlreichen und interessanten Figuren, die nette und spannende Dynamik am Stonygates-Anwesen, Christies gewohnt gefällig-humoristische Schreibweise, vor allem aber eine wieder sehr präsente Miss Marple mehr als kompensiert wird.