Kurzinhalt:
James Bond, früher Offizier in der britischen Marine, ist vor kurzem dem Geheimdienst beigetreten, genauer gesagt dem sogenannten ODG – Overseas Development Group – die direkt dem Außenministerium unterstellt ist, und deren Agenten außerhalb des britischen Hoheitsgebiets Carte Blanche genießen. Eben diese muss sich der Agent mit der Designation 007 auch zunutze machen, als es gilt, einen Anschlag in Serbien zu verhindern. Kurz darauf zeigt sich, dass dieser nur Teil eines größeren Plans ist, mit dem der geheimnisvolle Geschäftsmann Severan Hydt – Eigentümer einer weltweit operierenden Recycling-Firma – in Verbindung gebracht wird. Worin diese besteht, und vor allem auch, was genau er plant, gilt es herauszufinden. Dafür gibt sich James Bond als potentieller neuer Geschäftsmann aus, der die Standorte von Massengräbern in Afrika kennt, und die Leichen gerne durch Green Way International entsorgen lassen würde, damit dort neue Wohnprojekte entstehen können. Dann jedoch muss 007 erkennen, dass er hinters Licht geführt wurde…
Review:
Nach dem einmaligen Einsatz von Sebastian Faulks, der mit der Figur zurück in die 60er ging, schlägt "Carte Blanche" nun genau die gegenteilige Richtung ein: Er transportiert den Geheimagenten in die damalige Gegenwart, kappt jedoch zugleich jegliche Verbindung zur Vergangenheit. Sprich, Deavers Roman ist keine Fortsetzung der früheren Werke von Ian Fleming, John Gardner und Raymond Benson, sondern startet seine eigene Kontinuität. Ein Schritt, der auf der einen Seite insofern nur logisch war, als es zu dem Zeitpunkt die einzig glaubwürdige Art und Weise war, 007 in die Gegenwart zu bringen (sonst wäre der Charakter an dieser Stelle schon mindestens achtzig Jahre alt gewesen) – sich aber wohl letztendlich doch als etwas zu radikal erweisen sollte. Zumindest folgten die bislang erschienenen weiteren Bond-Romane diesem Muster nicht (außer vielleicht "On His Majesty's Secret Service, dort ging Charlie Higson letztendlich aber kaum näher auf frühere Missionen ein, wodurch er die Frage, ob wir uns immer noch im alten Fleming-Kanon befinden, geschickt umschiffte; es wird spannend sein, zu sehen, wie er in seinem nächsten – und dann auch vollwertigen – 007-Roman damit umgehen wird). Ich gebe zu: Ich habe auch ein bisschen gebraucht, mich darauf einzulassen. Und ich verstehe auch jeden, der es als Blasphemie empfindet, zwar Ian Flemings Figur zu übernehmen, aber davon abgesehen alles, was von ihm geschrieben wurde, zu ignorieren. Gelingt es einem, darüber hinwegzusehen, wird man allerdings in meinen Augen mit einem 007-Abenteuer belohnt, dem es deutlich besser gelingt, den üblichen Stil von Ian Fleming einzufangen, als das bei vielen anderen nach seinem Tod entstandenen Bond-Romanen der Fall war.
Vor allem die Quintessenz der Hauptfigur fängt er in meinen Augen wunderbar ein. Er schafft es dabei, James Bond leicht zu modernisieren – insbesondere in seinem Umgang mit Frauen – ohne dass es aufgesetzt oder gar belehrend rüberkommen würde. Aber auch sonst ist hier wirklich alles vorhanden, was man sich von einem Bond-Abenteuer erwartet. Und auch der Schreibstil erinnerte mich stark an Ian Fleming. Vor allem aber ist Jeffrey Deavers Roman überaus kurzweilig. Ich muss gestehen, als ich das Buch in die Hand nahm aufgrund der Länge sehr skeptisch gewesen zu sein, beträgt die Seitenzahl doch ungefähr das Doppelte des Durchschnitts der Fleming-Bücher. Aber "Carte Blanche" ist tatsächlich von der ersten bis zur letzten Seite unterhaltsam, und erwies sich damit – sowie der flotten Erzählweise – als echter "page-turner". Zumindest bei mir kam jedenfalls keine Sekunde (oder Seite) Langeweile auf – zugleich hatte ich aber auch nie das Gefühl, dass durch die Handlung gehetzt wird, und/oder es zu oberflächlich werden würde. Es gibt immer wieder auch ruhigere Charaktermomente, die insbesondere das Innenleben von James Bond näher beleuchten. Und die Action ist sehr gut dosiert (und platziert), abwechslungsreich, und packend beschrieben. Wenn es etwas gibt, dass ich kritisieren würde, dann ist es der End-Twist, der nicht nur wenig Bond-typisch wirkt, sondern vor allem auch (für mich) sehr vorhersehbar war. Zudem bleiben alle Nebenfiguren abseits von 007 selbst doch ein bisschen blass, und verspürte ich zu ihnen keine Bindung (weshalb mir auch ihr Schicksal egal war). Und auch wenn Deaver Hydt durchaus ein paar hervorstechende Eigenschaften (bzw. Eigenheiten) gibt, so würde ich ihn doch nicht zu den besten Bond-Bösewichten zählen. Insgesamt halte ich "Carte Blanche" aber für ein Abenteuer, dem es sehr gut gelingt, Ian Flemings Figur in die (damalige) Gegenwart zu übertragen.
Fazit:
Mit "Carte Blanche" wagte Jeffrey Deaver einen radikalen Schnitt – der sich wohl für viele Bond-Fans als ein bisschen zu radikal erweisen sollte: Er übernimmt zwar den Hauptcharakter (und auch einzelne Nebenfiguren) in 2010er, ignoriert jedoch alles, was zuvor über den Geheimagenten geschrieben wurde, inklusive der Romane von Ian Fleming. Ich gebe zu, auch wenn ich den Grund auf rationaler Ebene verstehen kann (und sogar zustimme), da es irgendwann nicht mehr glaubwürdig ist, immer noch von der gleichen Person wie sie von Fleming in den 50ern geschaffen wurde zu lesen, mir mit diesem Reboot-Ansatz anfänglich auch ein bisschen schwer getan zu haben. In meinen Augen gelang es Deaver allerdings ungleich besser, Bond in die Gegenwart zu holen, als Kim Sherwood mit zumindest mal dem ersten Teil ihrer geplanten Trilogie. Denn trotz des inhaltlichen Neustarts und leichten, dem Zeitgeist geschuldeten Anpassungen bei der Figur (und Geschichte), bleibt Deaver dem Ton, Stil und Ansatz von Ian Flemings 007-Abenteuern treu. Dabei begeisterte mich vor allem, wie kurzweilig "Carte Blanche" dank des hohen (jedoch auch nie zu hohen) Erzähltempos war. Zu den allerbesten Bond-Romanen – egal ob von Fleming oder von anderen Autoren – würde ich das Endergebnis zwar nicht zählen; einerseits aufgrund von kleineren Kritikpunkten, und andererseits, als das Abenteuer zwar höchst unterhaltsam ist, aber wenig an ihm hervorsticht und/oder in Erinnerung bleibt. Dennoch finde ich es schade, dass Deaver (bislang?) nicht die Gelegenheit bekam, diese neue 007-Kontinuität fortzusetzen.