Kurzinhalt:
Die beschauliche englische Kleinstadt Clipping Cleghorn wird von einer höchst mysteriösen Anzeige im Lokalblatt in Aufruhr versetzt. Dort wird im Haus Little Paddocks für Freitag, den 29. Oktober um 18:30 Uhr ein Mord angekündigt. Manche glauben, dass es sich um ein Krimidinner handeln könnte, doch die Besitzerin des Hauses, Letitia Blacklock, behauptet, nichts davon zu wissen. Andere wiederum werden von Neugier angelockt. Und so treffen kurz nach sechs Uhr abends einige ihrer Nachbarn bei Mrs. Blacklock ein. Um Punkt 18:30 gehen die Lichter aus, und ein Mann mit einem ausländischen Akzent verlangt, dass sie die Hände hochnehmen. Kurz darauf ertönen drei Schüsse. Als das Licht wieder angeht, ist Mrs. Blacklock am Ohr verletzt, und der Einbrecher liegt tot am Boden. Obwohl der Fall klar zu sein scheint, kommt Miss Marple, als sie davon hört, einiges am Vorfall seltsam vor, weshalb sie beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln…
Review:
Nachdem ich von "Die Schattenhand" nicht ganz so angetan war, konnte mich "Ein Mord wird angekündigt" wieder so richtig begeistern. Und das, obwohl ich – natürlich – nicht nur die Auflösung aus der Verfilmung mit Joan Hickson bereits kannte, sondern selbst dort sehr früh den Täter/die Täterin identifiziert hatte. Sprich: So ausgeklügelt der Fall auch sein mag (dazu kommen wir gleich noch), so gelang es Dame Agatha Christie hier nichtsdestotrotz mal nicht, mich auf eine falsche Fährte zu führen, und dementsprechend mit ihrer Auflösung am Ende dann zu überraschen. Wie ich aber bei ihren Werken (und Verfilmungen) auch immer gerne festhalte, ist das für mich kein großes Drama, da ihre Erzählungen eben weitaus mehr zu bieten haben, und dementsprechend auf diesen Clou am Ende nicht zwingend angewiesen sind. Auffällig ist bei "Ein Mord wird angekündigt" jedenfalls, dass sie (ab?) hier die bisherige Erzählweise verlässt. Denn waren die Ereignisse bislang – rückblickend – aus der Ich-Perspektive einer am Geschehen beteiligten Person geschildert, die sich eben daran erinnerte, so kommt hier nun der "klassische" allwissende (oder neutrale; jedenfalls aber am Geschehen unbeteiligte) Erzähler zum Einsatz. Im ersten Moment fand ich das zwar – auch wenn ich mit der Wahl der Erzähler in den letzten Büchern nicht immer 100%ig glücklich war – schon ein bisschen schade. Es macht Christie allerdings zugleich im Hinblick darauf, aus welchem Blickwinkel sie die Geschichte erzählt, freier, was zweifellos da und dort seine Vorteile hatte. Vor allem aber gebe ich zu, dass ich im ersten Moment auch nicht wüsste, welche Figur in diesem Fall als Erzähler tauglich gewesen wäre; insofern kann ich die Entscheidung definitiv nachvollziehen.
Angetan hat es mir nicht zuletzt die interessante Grundidee einer solchen Ankündigung per Anzeige in einem Lokalblatt. Der Mord selbst wird dann auch sehr spannend geschildert. Man ertappt sich als Leser:in dabei, alles genau zu "beobachten" und nach Hinweisen Ausschau zu halten. Das Mysterium ist dabei wie für Christie gewohnt sehr gut und vor allem auch fair aufgebaut. Die Auflösung kommt nicht aus dem Nichts, sondern wird – auch abseits des eigenen, persönlichen Verdachts (mir erschien es einfach logisch, dass eigentlich nur eine bestimmte Person dahinterstecken kann, aber das war natürlich nur eine Vermutung ohne jeglichen Beleg) – mit subtil gestreuten Hinweisen sehr gut vorbereitet. In weiterer Folge kommt es dann auch noch zu zwei weiteren Morden. Während einen der erste mangels Kenntnis des und damit Verbindung zum Opfer nicht tangiert, haben mich die anderen beiden durchaus getroffen. Auch dies stach für mich durchaus positiv hervor. Die Auflösung mag dann zwar wie gesagt keine große Überraschung für mich gewesen sein (ja selbst dann nicht, wenn ich die TV-Adaption noch nicht gesehen hätte), war aber sehr gut aufgebaut, durchaus komplex, und vor allem auch restlos überzeugend. Ein ganz großes Plus ist auch, dass Miss Marple hier praktisch von Anfang an dabei ist, und dementsprechend eine deutlich größere Rolle spielt, als bei (insbesondere) "Die Schattenhand". Dementsprechend kann Dame Agatha Christie hier eine der wesentlichen Stärken dieser Bücher – nämlich eben Miss Marples wunderbare Persönlichkeit – deutlich besser ausspielen, als beim Vorgänger. Die letzte wesentliche Stärke ist dann, wie bei allen ihren Romanen, Christies wunderbarer Schreibstil, der konstant zwischen Gesellschaftskritik und feinem Humor hin- und herwechselt. Neben den ausgeklügelten Kriminalfällen ist es vor allem dieser Aspekt, der ihre Bücher für mich zu so einem (Lese-)Genuss macht.
Fazit:
In "Ein Mord wird angekündigt" hat Miss Marple eine so große Rolle wie in keinem "ihrer" Romane zuvor. Das ist für mich dann auch gleich einer der größten Pluspunkte. Mir gefiel aber auch die Ausgangssituation rund um die mysteriöse Anzeige in der Zeitung, sowie die Auflösung. Und auch, dass mich hier der eine oder andere (spätere) Mord emotional berührte, stach positiv hervor. Davon abgesehen ist alles wie gewohnt: Der Roman ist kurz und -weilig, sehr gut geschrieben, und sowohl mit feinem Humor als auch einer ordentlichen Portion Gesellschaftskritik durchzogen. Vor allem aber wartet er wieder mit einem verzwickten Fall auf, wobei es Agatha Christie wieder einmal versteht, uns zwischendurch immer wieder Hinweise einzustreuen, so dass aufmerksame Leser:innen eine faire Chance haben, ihn ebenfalls zu knacken. So muss das sein!