Kurzinhalt:
Jerry Burton ist Pilot, der kürzlich bei einem Absturz schwer verletzt wurde. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde, zieht er auf Anraten seiner Ärzte mit seiner Schwester Joanna in die kleine ländliche Gemeinde Lymstock. Das beschauliche Leben, das ihn dort vermeintlich erwartet, ist genau das, was er braucht, um vollständig zu genesen. Doch nur kurz nach ihrer Ankunft wird die Idylle von einem anonymen Schmähbrief gestört, der behauptet, dass die beiden in Wahrheit nicht Bruder und Schwester wären, sondern vielmehr ein Liebespaar, das in wilder Ehe lebt. Zwar wird der Brief von beiden belächelt, und als harmloser Streich abgetan, dann jedoch erfahren sie, dass fast alle Bewohner von Lymstock in letzter Zeit regelmäßig solche Briefe erhalten. Kurz darauf führen diese dann auch zu einem großen Unglück, als sich Mrs. Symmington nach dem Erhalt eines weiteren solchen Briefes das Leben nimmt. Die Polizei intensiviert daraufhin ihre Ermittlungen, kommt jedoch keinen entscheidenden Schritt weiter. Erst Miss Marple, die von der Frau des Pfarrers zu Rate gezogen wird, vermag schließlich Licht ins Dunkel zu bringen…
Review:
Dem Vernehmen nach ist "Die Schattenhand" einer der Favoriten von Dame Agatha Christie aus ihrem umfangreichen Werk. Zwar schäme ich mich ein bisschen, der Königin der Krimis hier widersprechen zu müssen, aber leider hat mich das Buch im Vergleich zu den ersten beiden "Miss Marple"-Romanen irgendwie nicht so recht abgeholt, und würde ich es definitiv als das bisher schwächste der Reihe einstufen – was natürlich noch lange nicht heißt, dass es per se schlecht wäre. Die kritische Betrachtung des Kleinstadtlebens hatte es mir auch hier ebenso wieder angetan, wie der immer wieder eingestreute, feine Humor. Der Fall an sich ist ja ebenfalls wieder recht nett ausgeklügelt, gerade auch im Hinblick auf den Selbstmord, der sich dann vielmehr als Mord entpuppt. Natürlich war mir die Auflösung bereits aus der TV-Serie mit Joan Hickson bekannt (und aus dieser noch in Erinnerung), dennoch konnte ich die Art und Weise wertschätzen, wie Agatha Christie hier die verschiedenen Hinweise ausstreut, und den Leser/die Leserin dazu einlädt, den Fall aufzuklären. Was sie dabei hier wie immer auszeichnet, ist, wie fair sie dabei spielt. Hier werden nicht in letzter Sekunde irgendwelche an den Haaren herbeigezogenen Hinweise, von denen wir nichts wissen konnten, aus dem Hut gezaubert, nur um uns krampfhaft zu überraschen (und/oder den im Mittelpunkt stehenden Ermittler clever aussehen zu lassen). Und vor allem das letzte Viertel hatte es mir dann durchaus angetan, und sorgte für gute Unterhaltung.
Was leider im Umkehrschluss bedeutet, dass es den rund 150 Seiten davor nicht so recht gelingen wollte, mich zu packen. Zuerst einmal: Christie behält hier die Erzählperspektive der ersten beiden Romane bei. Sprich: Auch hier gibt es wieder einen Erzähler, der uns – rückblickend – durch die Ereignisse führt. Nach Reverend Clement in "Mord im Pfarrhaus" und Sir Clithering in "Die Tote in der Bibliothek" schlüpft hier nun Jerry Burton in die Rolle. Dies mag zwar den – und einzigen – Vorteil haben, dass hier ein Außenstehender auf die Ereignisse (und das Leben) in Lymstock blickt. Leider aber fand ich ihn als Charakter nicht wirklich interessant. Zudem fehlte mir bei seinen Überlegungen im Vergleich zu insbesondere Reverend Clement der nötige Witz; Jerry analysiert das ganze halt doch eher trocken. Die sich entwickelnde Romanze mit Megan Hunter machte auf mich zudem einen sehr klischeehaften Eindruck – insbesondere auch im Hinblick darauf, wie sich das hässliche Entlein binnen Stunden in einen hübschen Schwan verwandelt – und nahm vor allem im Mittelteil auch viel zu viel Raum ein, und drängte so die eigentlichen Ermittlungen in den Hintergrund. Vor allem aber störte ich mich daran, dass Miss Marple hier erst im letzten Viertel des Buchs – und selbst dann nur in einer enttäuschend kleinen Rolle – auf den Plan tritt. Wenn ich "The Moving Finger" nicht bereits bei der "Miss Marple"-Serie gesehen und dementsprechend gewusst hätte, dass es sich hier auch wirklich um ein Miss Marple-Abenteuer handelt, hätte ich wohl beim Lesen mehrmals auf die Titelseite geblickt, um mich des "Miss Marple"-Schriftzugs zu vergewissern. Da eben diese neugierig-gewitzt-clevere alte Dame die größte Stärke der Romane ist, muss "Die Schattenhand" hier – ohne Not – die längste Zeit eben ohne diese auskommen, was ihm in meinen Augen doch ordentlich geschadet hat.
Fazit:
Für mich hielt "Die Schattenhand" dem Vergleich mit den ersten beiden "Miss Marple"-Abenteuern leider nicht ganz stand. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil es eigentlich nicht wirklich ein "Miss Marple"-Abenteuer ist – da die Titelfigur leider erst viel zu spät und in viel zu kleiner Rolle auftritt. Generell hat mich die Story hier im Vergleich zu den ersten beiden Romanen nicht so recht angesprochen. Die Romanze wirkte auf mich zudem sehr klischeehaft. Und Jerry Burton war für mich der bislang schwächste Erzähler der Reihe. Zwar ist auch "Die Schattenhand" längst nicht schlecht. Einerseits, weil es Agatha Christie auch hier wieder versteht, mit ihrer gewitzten Schreibweise und der kritischen Betrachtung des Lebens in einem kleinen Dorf für Unterhaltung zu sorgen. Und auch der Fall ist wieder gut ausgeklügelt. Trotzdem: Der Einschätzung der Autorin, welche "Die Schattenhand" zu ihren Favoriten zählt, kann ich leider nicht zustimmen; eher im Gegenteil.