Kurzinhalt:
Als ihr Hausmädchen aufgeregt an die Tür ihres Schlafzimmers klopft, und etwas von einer Leiche faselt, die in der Bibliothek liegen soll, glauben Dolly und Arthur Bantry ursprünglich an einen schlechten Scherz – bis sie diese mit eigenen Augen sehen. Keiner der beiden kennt die Junge frau, und sie sind auch völlig ratlos, wie diese – bzw. ihre Leiche – in das Haus gelangt ist. Im Wissen, dass das Gerede in St. Mary Mead groß sein wird – und sich alle über eine mögliche Affäre zwischen Arthur und dem Mädchen das Maul zerreißen werden – bittet Dolly ihre Freundin Jane Marple um Hilfe. Sie soll den Fall so rasch als möglich aufklären, damit daraufhin dann wieder Ruhe im Bantry-Haushalt einkehren kann. Parallel dazu ermittelt natürlich auch die Polizei, angeführt von Inspektor Slack, im Mordfall. Und auch Sir Henry Clithering, ehemals Chef von Scotland Yard, und ein Freund von Miss Marple, schaltet sich ein. Der Fall erweist sich als deutlich verzwickter, als ursprünglich gedacht, weshalb Jane Marple ebenfalls eine Weile braucht, ehe sie diesen aufgeklärt hat. Die größere Herausforderung ist jedoch, den oder die Täter – ohne eindeutigen Beweis – dingfest zu machen…
Review:
Im Vergleich zum ersten Roman mit Miss Marple wechselt Dame Agatha Christie hier die Erzählperspektive. Nun hatte ich nicht erwartet, dass sie die Geschichte aus der Perspektive von Jane Marple selbst erzählen würde; dies wäre für einen solchen Roman ja auch höchst ungewöhnlich. Ich denke aber, dass mir Dolly Bantry doch eine Spur besser gefallen hätte, als Sir Henry Clithering. Dieser wurde zwar in "Der Dienstagabend-Klub" etabliert, und ist grundsätzlich kein schlechter Erzähler – aber halt lange Zeit relativ weit von Miss Marple weg, was bedeutet, dass sie auch hier eine vergleichsweise kleine Rolle spielt. Dies gilt insbesondere für den Mittelteil, wo wir auf die Ermittlungen der Polizei fokussiert sind. Und generell hatte es mir Reverend Clement als Erzähler im Roman davor irgendwie mehr angetan. Trotz dieses Mankos erweist sich auch "Die Tote in der Bibliothek" wieder als gelungene Krimi-Unterhaltung. Der Fall ist dabei sogar noch eine Spur ausgeklügelter als beim Vorgänger, nicht zuletzt, als es noch einige mehr Verdächtige gibt. Als jemand, der sich letztes Jahr die Serie mit Joan Hickson angesehen hat, war mir die Auflösung natürlich noch in guter Erinnerung, dies tat dem Unterhaltungswert des Romans aber keinen Abbruch. Natürlich, hätte ich die Episode nicht gesehen, hätte ich so richtig Mitraten können, und dementsprechend der Whodunit-Aspekt noch etwas besser funktioniert. Doch so gut Christie auch darin ist, eben diese auszuarbeiten (vor allem auch, weil sie dabei immer fair vorgeht, und uns die gleichen Informationen gibt, die auch Miss Marple hat, um den Fall zu lösen), liegen die Stärken zumindest der Marple-Erzählungen für mich letztendlich eher in den wunderbaren Charakteren, und insbesondere natürlich der schrulligen Titelfigur. Eben deshalb hätte ich mir aber halt gewünscht, dass sie im Vergleich zu "Mord im Pfarrhaus" hier doch noch etwas stärker in den Vordergrund rückt, was jedoch erst im letzten Drittel der Fall war. Wobei die Geschichte dort dann einen in meinen Augen rückblickend doch eher unnötigen Haken rund um einen Roten Hering schlägt, der für Christie-Verhältnisse ziemlich konstruiert daherkommt (jja, die Rede ist davon, dass zwei Figuren ihre Hochzeit geheim halten, weil sie mit ihrer angeblichen wilden Ehe im verschlafenen Dorf für Wirbel sorgen wollen; das hat mich nun echt nicht überzeugt). Davon abgesehen war aber auch "Die Tote in der Bibliothek" wieder ein unterhaltsamer Krimi.
Fazit:
Mir persönlich hat der Vorgänger "Mord im Pfarrhaus" eine Spur besser gefallen. Zwar ist der Fall diesmal noch eine Spur ausgeklügelter (und bietet vor allem mehr Verdächtige, denen man sich zudem auch etwas näher widmet), dafür hatte für mich die Erzählperspektive – mit Reverend Clement, statt wie hier Sir Henry – dort mehr Charme. In beiden Fällen macht sich Miss Marple die längste Zeit (und da sie die Titelheldin ist auch erstaunlich) rar, worunter bei "Die Tote in der Bibliothek" vor allem der (frühe) Mittelteil, mit den Befragungen durch die Polizisten, etwas litt (und meines Erachtens auch stärker als der Vorgänger, der dank dem Reverend auch die längste Zeit gut ohne Jane Marple ausgekommen ist). Erst im letzten Drittel dreht "Die Tote in der Bibliothek" – von einem narrativ ziemlich unnötigen und konstruiert wirkenden Umweg mal abgesehen – dann nochmal so richtig auf, eben weil Miss Marple dort dann endlich so richtig in den Mittelpunkt rückt. Und sowohl die Auflösung, als auch die Art und Weise, wie hier der/die Täter/in gestellt wird, wussten zu gefallen. Trotz des insgesamt eine Spur besseren (und auch stärker im Mittelpunkt stehenden) Falls hat für mich im direkten Vergleich aber "Mord im Pfarrhaus" knapp die Nase vorn.