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Mord im Pfarrhaus Drucken E-Mail
Miss Marples erster großer Fall Kategorie: Literatur & Comics - Autor: Christian Siegel - Datum: Samstag, 24 Januar 2026
 
Titel: "Mord im Pfarrhaus"
Originaltitel: "The Murder at the Vicarage"
Bewertung:
Autorin: Agatha Christie
Übersetzung: Melanie Steinmetz/Irmela Brender
Umfang: 304 Seiten (E)
Verlag: Scherz Verlag (D), HarperCollins (E)
Veröffentlicht: 20. Oktober 1930 (E)
ISBN: 978-0-00-819651-6 (E)
Kaufen: Taschenbuch (D), Taschenbuch (E)
 

Kurzinhalt: Die vermeintlich beschauliche und friedliche Gemeinde St. Mary Mead wird von einem Mord erschüttert. Reverend Leonard Clement wurde zu einem seiner "Schäfchen" gerufen, und als er wieder ins Pfarrhaus zurückkehrt, findet er Colonel Protheroe erschossen vor. Angesichts der vom Opfer verfassten Nachricht scheint sich der Mordzeitpunkt sehr genau eingrenzen zu lassen. Was jedoch den ermittelnden Beamten, wie Inspektor Slack, nicht bewusst ist, Pfarrer Clement jedoch zum Nachdenken anregt: Sie dort vermerkte Uhrzeit passt nicht mit der – bewusst um eine Viertelstunde vorgestellte – Uhr im Zimmer zusammen. Doch das ist nicht das einzige seltsame Vorkommnis, welches den Fall schließlich verzwickter macht, als es anfänglich den Anschein hat. So stellt sich Lawrence Redding am nächsten Tag der Polizei, um den Mord zu gestehen – allerdings verstrickt er sich dabei in Widersprüche. Als Protheroes Witwe, Anne, vom Geständnis erfährt, gibt sie wiederum zu, ihren Mann selbst erschossen zu haben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Lawrence und Anne eine Affäre hatten – und nun offenbar versuchen, die Schuld für den jeweils anderen auf sich zu nehmen. Doch wenn die beiden es nicht waren, wer könnte es dann gewesen sein? An Verdächtigen mangelt es nicht, immerhin war Colonel Protheroe alles andere als beliebt. Doch wer könnte einen derartigen Groll gegen ihn gehegt haben – und hatte darüber hinaus die Gelegenheit – um ihn zu ermorden? Zu den Personen, die sich in St. Mary Mead mit dieser Frage beschäftigen, gehört auch die lebensweise alte Jungfer Miss Jane Marple…

Review: Ich habe wie gesagt die "Miss Marple"-Romane bislang nicht gelesen, sondern kannte nur einige der Filme (und zuletzt habe ich mir eben zum ersten Mal die TV-Serie mit Joan Hickson in der Hauptrolle vorgeknöpft). Insofern war ich auf "Mord im Pfarrhaus" schon sehr gespannt. Unter anderem auch, weil sich mir die Frage nach der Erzählperspektive stellte. John Watson und Captain Hastings sind zwar auch aus den Verfilmungen kaum wegzudenken, haben aber in den literarischen Vorlagen eine noch entscheidendere Funktion: Sie sind (überwiegend) die Erzähler der Geschichte, und zugleich als "Ottonormalsterbliche" unsere Stellvertreter, wenn sie (so wie wir) die genialen Detektive Sherlock Holmes und Hercule Poirot bei ihren Ermittlungen begleiten. Zumindest aus den Verfilmungen heraus hätte sich bei Miss Marple aber für mich im ersten Moment keine ähnliche Figur angeboten (Mr. Stringer aus den Filmen mit Margaret Rutherford war ja ein neu erschaffener Charakter, mit dem man nicht zuletzt ihrem Wunsch nachkam, eine Rolle für ihren Gatten zu finden). Nach "Mord im Pfarrhaus" vermute ich mal, dass der Erzähler von Buch zu Buch wechseln wird; hier ist es jedenfalls mal Reverend Leonard Clement. Nun macht dies angesichts der Tatsache, wo sich der Mord zugetragen hat, voll und ganz Sinn. Umso mehr, als der Geistliche in dieser Kleinstadt natürlich eine Ansprechperson ist, der sich viele anvertrauen. Da er jedoch kein direkter Bekannter/Vertrauter von Miss Marple ist, ergibt sich der einzige kleine Kritikpunkt, den ich gegenüber "Mord im Pfarrhaus" vorzubringen habe: Denn Jane Marple selbst spielt hier – ähnlich wie zuvor in der Kurzgeschichtensammlung "Der Dienstagabend-Klub" – doch eher nur eine untergeordnete Rolle.

Etwas, dass ich allerdings deutlich kritischer sehen würde, wäre das Buch nicht auch so herrlich unterhaltsam. Dafür sorgt nicht zuletzt die Riege an interessanten, teils seltsamen und eigenwilligen, in jedem Fall aber angenehm unterschiedlichen (und damit hervorstechenden) Figuren, die ihn (bzw. die fiktive Kleinstadt St. Mary Mead) bevölkern. Darüber hinaus zeichnet sich "Mord im Pfarrhaus" auch wieder durch einen wunderbaren, und vereinzelt auch durchaus bissigen Humor aus. Mir gefiel dabei vor allem, wie Agatha Christie hier die Abgründe, die hinter der hübschen Fassade des Kleinstadtlebens verborgen sind, zum Vorschein bringt (etwas, dass teilweise ja auch bereits in "Der Dienstagabend-Klub" der Fall war, und für mich dort zu den größten Stärken gehörte). Wobei Christie in meinen Augen vor allem auch keinen Hehl daraus macht, was sie von Leuten hält, die andere vorschnell verurteilen (sei es generell fälschlicherweise, oder auch aus einer vermeintlich moralischen Überlegenheit heraus, die einer genaueren Betrachtung selten stand hält). Eben darin unterscheidet sich Miss Marple auch von den anderen Tratschtanten in St. Mary Mead: Sie mag genau wissen, was alles so vor sich geht (besser als die meisten anderen), aber sie verurteilt nicht. Außer natürlich eben, wenn es um etwas wie einen Mord geht. Womit wir beim letzten Punkt sind: Der Fall ist herrlich ausgeklügelt, was nicht zuletzt auch damit zu tun hat, dass es eine Reihe von Lügen, Missverständnissen und Zufällen gibt, die nicht unmittelbar mit dem Mord in Verbindung stehen, und damit die Ermittlungen verkomplizieren. Zwar war mir die Auflösung noch aus dem TV-Film mit Joan Hickson in Erinnerung (ist ja jetzt noch nicht so lang eher, dass ich ihn gesehen habe), wie so oft bei Agatha Christie tat dies jedoch dem Unterhaltungswert – aufgrund ihrer wunderbaren Figuren und dem gewitzten Schreibstil – keinen Abbruch.

Fazit: "Mord im Pfarrhaus" hat mich ausgesprochen gut unterhalten. Dame Agathe Christie gelingt es hier hervorragend, uns in das Leben der fiktiven Kleinstadt St. Mary Mead eintauchen zu lassen, und uns die verschiedenen Figuren welches die Gemeinde bevölkern – und die hier rund um den Mord an Colonel Protheroe in den Fokus geraten – vorzustellen. Als Erzähler fungiert dabei Reverend Leonard Clement, aus deren Sicht wir die Vorgänge verfolgen. Miss Jane Marple spielt hier eine relativ kleine Rolle – was auch so ziemlich mein einziger Kritikpunkt ist – vermag es dafür wenn dies der Fall ist umso mehr zu glänzen. Und es ist hier insofern kein so großes Drama, als der Roman auch abseits ihrer Figur stets unterhaltsam war. Nicht zuletzt, als Reverend Clement eine durchaus charmante Hauptfigur ist, und ich auch alle anderen Charaktere sehr interessant (und präzise gezeichnet) fand. Darüber hinaus wusste ich vor allem den feinen Humor, sowie die Darstellung des (damaligen) Lebens in einer englischen Kleinstadt, zu schätzen. Und auch der Fall war angenehm komplex, und wusste mit einigen spannenden Wendungen zu überzeugen. Insofern gab Miss Marple hier, trotz ihrer vergleichsweise kleinen Rolle, einen überaus gelungenen (Roman-)Einstand.

Bewertung: 4/5 Punkten
Christian Siegel
(Cover © 2022 HarperCollins)





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