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Der Vorleser Drucken E-Mail
Die Literaturverfilmung in der Kritik Kategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Donnerstag, 19 Februar 2009
 
Der Vorleser
(The Reader, USA/Deutschland 2008)
 
Der Vorleser
Bewertung:
Studio/Verleih: The Weinstein Company
Regie: Stephen Daldry
Produzenten: U.a. Anthony Minghella, Sydney Pollack, Bob & Harvey Weinstein
Drehbuch: David Hare, nach dem Roman von Bernhard Schlink
Musik: Nico Muhly
Kamera: Roger Deakins & Chris Menges
Schnitt: Claire Simpson
Genre: Geschichtsdrama/Romanze
Kinostart (Deutschland): 26. Februar 2009
Kinostart (USA): 09. Januar 2009
Laufzeit: 124 Minuten
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren
Homepage: klick
Trailer: klick
Kaufen: DVD, Roman
Mit: David Kross, Kate Winslet, Ralph Fiennes, Bruno Ganz, Lena Olin, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Alexandra Maria Lara u.a.


Kurzinhalt: ImageMitte der 50er beginnt der 15-jährige Michael eine Affäre mit der deutlich älteren Hanna Schmitz. Der junge Mann ist dieser leidenschaftlichen und wunderschönen Frau wie verfallen, er vernachlässigt Schule und Freunde, um bei ihr sein zu können. Neben Sex finden die beiden schon bald eine weitere Beschäftigung: Hanna liebt es, wenn Michael ihr jene Werke vorliest, die er gerade im Unterricht lernt. Doch die Beziehung der beiden ist nicht von langer Dauer. Michael ist zunehmend hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Hanna und seinen Schuldgefühlen, und Hanna scheint mit der Zeit mit den großen Gefühlen die ihr der Junge entgegenbringt nicht mehr so recht umgehen zu können. Schließlich verlässt sie plötzlich und ohne Vorwarnung ihre Wohnung und zieht in eine andere Stadt um – ohne sich bei Michael zu verabschieden. Jahre später hat Michael seine Liebe zu Hanna immer noch nicht vergessen. Er studiert nun an der Universität und stürzt sich verbissen auf seine Arbeit. Um das Thema Schuld zu behandeln, nimmt sein Professor ihn und den Rest der recht kleinen Gruppe an Studenten zu einer Verhandlung mit, in der ehemalige Verbrecher das Nazi-Regimes vor Gericht stehen. Michael kann es nicht fassen, als er unter den Angeklagten auf einmal Hanna erkennt...

Review: "Der Vorleser" ist ein sehr durchwachsener Film. Die ersten 30 Minuten, in der man uns die Liebesgeschichte von Hanna und Michael erzählt, konnten mich nicht wirklich überzeugen. Irgendwie ist das ganze sehr klischeehaft und gewöhnlich; "Die Reifeprüfung" nur halt im Deutschland der 50er Jahre angesiedelt. Die Liebesgeschichte ist nicht unbedingt schlecht, aber das Tempo war mir hier viel zu gering, es passiert einfach zu wenig. Zudem fiel es mir schwer, Michaels Gefühlswelt so richtig nachzuvollziehen, einfach, da er selbst so zerrissen scheint. Einerseits ist er Hanna mit Haut und Haar verfallen, andererseits beginnt er dann im Endeffekt auch den Streit, der zu ihrer Trennung führt. Das Einzige, was diesen Teil der Handlung halbwegs rettet, ist Kate Winslet (und damit meine ich jetzt nicht mal ihre Nacktszenen). Zwar spielt auch David Kross nicht schlecht, aber es ist ihre Leistung, die wirklich zu bestechen vermag. Trotzdem hält man sich alles in allem zu lange mit diesen Teil der Handlung auf, der zwar sicherlich für den weiteren Verlauf des Films wichtig war, aber nichtsdestotrotz entweder etwas kürzer oder zumindest gehaltvoller hätte sein sollen. Denn es ist einfach nichts, dass man so nicht schon unzählige Male in anderen Filmen (und dort zumeist besser) gesehen hätte...

ImageNachdem wir ein paar Jahre in die Zukunft gesprungen sind, zu Michaels Studienzeit, beginnt der beste Teil des Films, der vor allem mit drei starken Aspekten besticht. Einerseits ist da die philosophische Diskussion rund um die Verhandlungen und den zweiten Weltkrieg. Einer der Studenten gibt ein überzeugendes und packendes Plädoyer ab, dass die Angeklagten vor allem deshalb so dämonisiert werden, damit all die anderen, die sich nicht gegen das Regime gewehrt sondern still all die Gräueltaten akzeptiert haben, jemanden haben auf den sie mit dem Finger zeigen können und sagen "Ihr wart das! Ich kann ja nichts dafür, ich hab nur zugesehen..." Hier steht die Frage im Raum, ob man es sich bei der Verfolgung nicht zu leicht gemacht hat, und ob nicht eigentlich das gesamte deutsche und österreichische Volk der Mittäterschaft bezichtigt werden könnte. Es ist vielleicht kein neuer, aber ein sehr interessanter Gedanke, und ist vermutlich der einzige Moment des Films, der wirklich zum Nachdenken anregt.

Die zweite Stärke ist Hanna's eigenwilliges Ehrgefühl. Dass sie in regelmäßigen Abständen Juden zur Vergasung auswählen musste, scheint für sie relativ normal und logisch zu sein – immerhin kamen ständig neue nach, wohin also mit allen? Es musste halt einfach Platz geschaffen werden. Bei ihrer Aussage wird deutlich, dass sie nicht aus Angst mitgemacht hat, sondern weil sie es als ihre Aufgabe empfand – "wenige" opfern zum Wohle der Anderen. Eine ähnlich fragwürdige Moral stellt sie zur Schau, als sie mit einem Vorfall konfrontiert wird, bei dem zahlreiche Gefangene auf der Flucht nach einem Angriff in einer Kirche elendig verbrannt sind, weil keiner der Wächter bereit war die Tür zu öffnen und sie in die Freiheit zu entlassen. Sie waren nun mal die Wächter dieser Gefangenen, und die Aufgabe der Wächter ist es, aufzupassen dass diese nicht entwischen, und nicht sie freizulassen. Auch hier scheint sie die Frage zu stellen: "Was hätten wir denn sonst tun sollen?". Und dann kommt es zum Bericht. Die anderen Frauen werfen ihr vor, sie hätte ihn geschrieben, und sie wäre für all die Opfer allein verantwortlich. Doch Hanna kann ihn gar nicht geschrieben haben – sie ist Analphabetin. Doch statt dies dem Gericht gegenüber zuzugeben, nimmt sie lieber die gesamte Schuld auf sich. Sie scheint sich nicht unbedingt für ihre Taten zu schämen, aber sie schämt sich, dass sie nicht Lesen und Schreiben kann. Wahrlich eine faszinierende Figur...

ImageDie letzte Stärke dieses Mittelteils ist dann das moralische Dilemma, vor dem Michael steht. Er kennt Hanna's Geheimnis, er weiß dass sie den Bericht nicht geschrieben haben kann. Soll er das Gericht darüber informieren, auch wenn er damit Hanna's Stolz verletzt? Hat er nicht in gewisser Weise sogar eine moralische Verpflichtung dazu, angesichts der Tatsache dass Hanna sonst der ganze Zorn des Gerichts treffen und sie lebenslang hinter Gitter kommen wird? Andererseits... kann man angesichts ihrer Taten, an denen sie zumindest mitschuldig ist, wirklich von einer moralischen Verpflichtung ihr gegenüber sprechen, dies aufzuklären? Hat sie das Urteil in Wahrheit nicht trotzdem verdient? Und dann ist da noch die Tatsache, dass Michael verzweifelt versucht, diese Frau in die er sich mit 15 Jahren verliebt und die er angebetet hat, mit der Angeklagten die all diese Gräueltaten mitverantworten muss in Einklang zu bringen. Wie kommt es, dass er sie nicht für das erkannt ist was sie ist, und sich tatsächlich in sie verlieben konnte – und sie in gewisser Weise trotz ihrer Taten immer noch liebt? Er scheint hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zu Hanna und seinen Schuldgefühlen deswegen – weshalb er ihr auch nicht unter die Augen treten kann, um mit ihr über das Urteil zu sprechen. Und so schweigt er...

Danach macht "Der Vorleser" einen weiteren Sprung in die Zukunft – wobei dies nicht der erste ist. Bereits zuvor wurde uns mit Ralph Fiennes der zukünftige, von Schuldgefühlen geplagte Michael gezeigt – und wann immer das der Fall war blieb der Film angesichts der bedeutungsschwanger-kitschigen Inszenierung förmlich stehen. Nun, da wir erneut in diese Zukunft springen, gibt es die einzige wirklich gute Szene dieser Zeitebene zu sehen: Michael schnappt sich seine Büchersammlung und beginnt, diese laut vorzulesen und auf Tonband aufzuzeichnen – die er dann an Hanna ins Gefängnis schickt. Für einen kurzen Moment flackert die Handlung hier noch einmal hell auf – ehe der Film dann endgültig in sich zusammenfällt, als Michael 8 Jahre später, kurz vor Hanna's Freilassung, aufgefordert wird ins Gefängnis zu kommen – immerhin ist er Hanna's einziger Bekannter, und soll ihr bei der Eingewöhnung in die normale Welt helfen. Alles an diesem Teil der Handlung fand ich schwach bis richtiggehend grauenhaft. Das Zusammentreffen zwischen Hanna und Michael fühlt sich völlig unnatürlich und unglaubwürdig an. Die schlimmste Szene ist aber jene kurz darauf, als Michael nach New York reist, um mit der Tochter der einzigen Überlebenden des "Kirchen-Massakers" zu sprechen. Seine Motivation war mir in dieser Szene absolut unklar. Was erwartet, erhofft er sich davon? Absolution für Hanna? Vergebung für seine eigene "Sünde", diese Frau geliebt zu haben und immer noch zu lieben? Es ist eine völlig konstruierte und absolut grauenhafte Szene, die mich völlig aus dem Film gerissen hat. Nach einer kurzen, etwas drangepappt wirkenden Szene mit Michael und seiner Tochter ist es dann schließlich vorbei.

ImageEinen großen Anteil daran, dass die letzte halbe Stunde nicht wirklich überzeugen kann, hat meines Erachtens Ralph Fiennes. Zumindest ich empfand seine schauspielerische Leistung als ungewöhnlich schwach. Vielleicht ist es ja auch nur mein Eindruck, aber irgendwie schien er sich mit dieser Rolle nicht so recht anfreunden und sie nicht wirklich verinnerlichen zu können. Alles wirkte sehr verkrampft und unnatürlich. Deutlich besser ist da schon David Kross als junger Michael, wenn mich auch seine schauspielerische Leistung nicht gänzlich überzeugt hat. Allerdings leidet er meines Erachtens auch darunter, dass seine Rolle nicht wirklich gut geschrieben wurde. Es fällt schwer, in diese zwiespältige Figur einzutauchen und mit ihr mitzufühlen – mit all seinen Schuldgefühlen, Selbstvorwürfen und dem Selbstmitleid ist Michael nicht unbedingt jemand, für den man Sympathie empfindet. Die beste Leistung vollbringt ohne jeden Zweifel Kate Winslet. Es ist eine großartige, sehr subtile Performance, wo man aber trotzdem immer die im Hintergrund brodelnden Emotionen erkennen kann. Im Gegensatz zum Film an sich hat sie sich die Oscar-Nominierung jedenfalls wirklich verdient. Abschließend sei auch noch Bruno Ganz als Philosophielehrer aus der Darstellerriege positiv hervorgehoben.

Die Inszenierung von Stephen Daldry ist wahrlich kein Highlight. Er verlässt sich fast ausschließlich auf seine Schauspieler, und macht von den inszenatorischen Möglichkeiten des Mediums Film kaum Gebrauch. "Der Vorleser" hätte zum überwiegenden Teil genauso gut als Theaterstück umgesetzt werden können, so bieder und gewöhnlich ist seine Inszenierung. Wenn z.B. Hanna und die anderen Angeklagten ihre Taten schildern, gibt es nicht etwa Rückblenden zu sehen, stattdessen lauschen wir nur ihrer Schilderung – damit hat "Der Vorleser" selbst fast ein wenig etwas von einem Hörspiel. Man könnte die Augen schließen und würde nicht viel verpassen. Etwas irritierend fand ich auch die Entscheidung, alle Schauspieler und –innen mit falschem deutschen Akzent sprechen zu lassen (Anm.: Ich habe mir "Der Vorleser" im O-Ton angesehen), wohl damit die echten deutschen Darsteller nicht negativ hervorstechen. Leider gibt dies dem gesamten Film irgendwie eine unnatürliche Note. Entweder, man dreht gleich komplett in deutsch, oder man dreht ganz normal in englisch, aber das mit dem Akzent macht für mich nicht wirklich Sinn. Der letzte große Kritikpunkt, der den Film die ganze Zeit über plagt, ist die fehlende Chemie zwischen den Darstellern. Kate Winslet liefert für sich genommen eine tolle Performance ab, und auch David Kross ist nicht schlecht, doch ihre Liebesbeziehung fühlte sich für mich extrem unnatürlich und absolut nicht glaubwürdig an. Die Szenen zwischen Winslet und Fiennes waren diesbezüglich sogar noch schlimmer. Es gibt keine Funken, kein Gefühl der Verbindung zwischen diesen Figuren, alles bleibt gefühllos und unnahbar. Dadurch hält "Der Vorleser" den Zuschauer die ganze Zeit über auf Distanz, statt ihn ins Geschehen hineinzuziehen.

ImageVermutlich gerade deshalb ist der Mittelteil als einziger Teil des Films noch recht gut gelungen – er lebt von Ideen und aufgeworfenen Fragen und Gedanken, und ist damit generell eher analytisch und emotionslos; ganz im Gegensatz zu den gefühlsbetonten ersten und letzten 30 Minuten. Daher fällt diese Unnahbarkeit in diesem Teil der Handlung wohl nicht so unangenehm auf. Schade ist dies allemal, denn "Der Vorleser" hätte sicherlich das Potential besessen, zu berühren. Doch dafür hätte es einer ausgefeilteren Inszenierung und vor allem einer besseren Chemie zwischen den Darstellern bedurft. So reduziert sich der Film auf einen steril-akademischen Diskurs zum Thema Schuld und Sühne, wobei ihn vor allem die letzten 20-30 Minuten enorm runterziehen und ihn rückwirkend betrachtet schlechter erscheinen lassen als er eigentlich war...

Fazit: "Der Vorleser" leidet vor allem unter dem zu gemächlichen Einstieg, dem wenig überzeugenden Schlussdrittel, der simplen Inszenierung sowie der fehlenden Chemie zwischen den Darstellern. Was ihn noch halbwegs rettet ist der Mittelteil des Films, in dem ein paar interessante moralische Fragen aufgeworfen werden, sowie Kate Winslet's großartige schauspielerische Leistung. Doch trotz ein paar guten Momenten hie und da, insgesamt betrachtet ist "Der Vorleser" schon eine ziemliche Enttäuschung. Ein unausgegorener und unausgewogener Film, der sich nicht entscheiden kann, was genau er sein will, und enorm darunter leidet. Zudem erstickt die wenig überzeugende Romanze teilweise jene Elemente, die gelungen und interessant sind. Trotz seiner Schwächen ist "Der Vorleser" sicher kein schlechter Film - nur ist er halt leider auch kein guter, und von allen Oscar-Kandidaten in der Kategorie "bester Film" definitiv der Schlechteste und Unwürdigste...

Wertung:5 von 10 Punkten


Christian Siegel
(Bilder © Senator Film)

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