Kurzinhalt:
1943: Indy staunt nicht schlecht, als er ohne ersichtlichen Grund von Gangstern in Chicago gefangen genommen wird. Dabei geht es ihnen gar nicht um ihn, sondern um eine Erfindung seines Kollegen. Dieser soll mit Dr. Jones als Druckmittel dazu überredet werden, sie ihnen herauszurücken. Nur mit knapper Not können Indy und sein Freund den Gangstern entkommen. Auf ihrer Flucht erhalten sie Hilfe von zwei abenteuerlustigen Zwillingen und von einem kleinen Jungen, der seinerseits Indiana Jones um Hilfe bittet: Denn eine gemeine Gangsterbande hat seinen Vater entführt und droht diesen zu ermorden, falls sich die Familie nicht von ihrer Farm - das einzige was sie besitzen - zurückzieht. Indy beschließt, dem Jungen zu helfen, und dabei zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen - vermutet er doch nicht, dass die Gangster ihm folgen werden. Doch da irrt Indy, und schon bald sieht er sich nicht nur Gangstern, Halsabschneidern und feindseligen Indianern, sondern auch dem herrschsüchtigen Anführer einer Mormonensekte gegenüber…
Review:
"Indiana Jones und das verschwundene Volk" war der vierte von acht von Wolfgang Hohlbein unter Verwendung der "Indiana Jones"-Lizenz geschriebenen Abenteuerromanen. Liest man sie so wie ich nicht in der Reihenfolge ihres Erscheinens, sondern chronologisch nach dem Zeitpunkt, an dem die Story angesiedelt ist, ist "Das verschwundene Volk" nun sein letzter Beitrag zu unser aller Lieblingsarchäologen – und erweist sich leider (für beide) als höchst unwürdige Abschiedsvorstellung (nicht, dass "Das Erbe von Avalon" soooo viel besser gewesen wäre; rückblickend hätte es Hohlbein wohl mit "Labyrinth des Horus" gut sein lassen sollen). Der erste große Minuspunkt: Im Gegensatz zu einigen anderen seiner Indy-Romane (sowohl davor als – kurioserweise, weil sonst könnte man meinen, ihm sind einfach die Ideen ausgegangen – auch danach) fühlt sich "Das verschwundene Volk" leider nie wirklich wie ein Abenteuer von Indiana Jones an. Das beginnt schon beim extrem untypischen Einstieg rund um Chicagoer Gangster, die ihn und seinen Freund/Kollegen gefangen nehmen, und ändert sich auch im weiteren Verlauf nie wirklich – und das, obwohl Hohlbein hier zwei Figuren aus dem Prolog von "Der letzte Kreuzzug" zurückholt, nämlich Indys beleibten Pfadfinder-Kollegen Herman, sowie den grabraubenden Fedora-Hut-Träger Garth. Ersteres hat aber insofern keine Wirkung, als man beim Wiedersehen nicht den Eindruck hat, als wären die beiden in Kontakt geblieben (sprich, es dürfte sich aus dieser Erfahrung in seiner Jugend jetzt nicht wirklich eine große Freundschaft entwickelt haben). Und an letzterem störte mich, dass Hohlbein die Figur ganz anders (nämlich deutlich skrupelloser und "böser") interpretiert, als sie bei mir ankam.
Es hilft wohl auch nicht, dass diesmal, statt eines historischen Artefakts, vielmehr eine moderne Erfindung im Mittelpunkt steht. Zugegebenermaßen gibt es ersteres zwar auch, in Form der Tonscheibe der Anasazi, die Indy von dem Jungen gebracht wird (in der Hoffnung, ihn damit für die Rettung von dessen Vater zu bezahlen, der entführt wurde), diese spielt aber bis zuletzt nur eine sehr untergeordnete Rolle. Erschwerend kommt hinzu, dass die Action nicht nur zu sporadisch auftritt, sondern auch sehr einfallslos geraten ist. Auffällig ist auch das im Vergleich zu den Filmen konträre Setup. Weil dort ist Indy eigentlich immer der Verfolger, und dementsprechend der "Aktive". Hier hingegen ist er der Verfolgte, und daher fast die ganze Zeit über in eine passive Rolle gedrängt. Es mag zugegebenermaßen mal etwas anderes sein, kommt für mich aber irgendwie dem Abenteuer-Charakter nicht wirklich zu gute. Wie schon bei einzelnen seiner Romane zuvor (sowie beim Großteil der Bücher seiner US-Kollegen) übertreibt es Hohlbein hier ganz am Ende dann auch mit den übernatürlichen Elementen. Der eine oder andere mag mir im Hinblick auf diese Kritik nun aus "Rad des Schicksals" einen Strick drehen. Dem entgegne ich aber, dass Indy und seine Begleiter hier am Ende nicht einfach "nur" in die Vergangenheit reisen, sondern an einen mystischen Ort, an dem die Zeit still steht. Eben das ist dann auch, im Gegensatz zu einfach "nur" einer Zeitreise, der Tick zu viel; darauf konnte ich mich einfach nicht einlassen.
Auch mit dem Schreibstil war ich diesmal (im Gegensatz zu Hohlbeins anderen Indy-Romanen) nicht wirklich glücklich. "Das verschwundene Volk" liest sich teilweise so, als wäre er eine – schlechte – Übersetzung eines englischen Buches, und keine deutsche Originalausgabe. So macht Hohlbein mehrmals von der Wendung "…, heißt das." gebrauch, die an das englische "…, that is." erinnert, im deutschen Sprachgebrauch in dieser Form aber nicht geläufig ist. Ein guter Übersetzer würde aus "If we survive, that is" zum Beispiel ein "Sofern wir überleben, versteht sich." machen, aber eben nicht "Sofern wir überleben, heißt das." Auch wird Hohlbein diesmal stellenweise ordentlich pathetisch; vor allem folgender Satz (ein wörtliches Zitat aus dem Buch) ist grauenhaft: "Er war kein Held; er hatte sich nie als solcher gefühlt, und er war auch nie einer gewesen, sondern nur ein Mann, der tat, was er in bestimmten Situationen tun musste." Noch dicker hätte Hohlbein ja gar nicht auftragen können. Am Schlimmsten ist aber der "Humor". Das Wort ist hier insofern in Anführungszeichen gesetzt, als ich so gut wie nichts, was Hohlbein für witzig hält, auch witzig fand. Das betrifft einerseits die hanebüchene Wendung am Ende (wo sich sämtliche Gangster als Vertreter konkurrierender Geheimdienstorganisationen erweisen), was im Hinblick auf das Geschehen davor (und insbesondere den Auftakt mit den Betonpatschen, den Indy ja nur mit viel Glück und Geschick überlebte) überhaupt keinen Sinn ergibt. Geht über die Tatsache, dass Indy von Capone die ganze Zeit "Dr. Jonas" genannt wird. Bis hin zum "Jane - oder Jill?!"-Getue rund um die Zwillinge. Vor allem letzteres war ich bereits nach zwei oder drei Seiten leid – Hohlbein zieht es aber echt von ihrem ersten Auftritt bis ganz zum Ende durch. Irgendwann war ich echt kurz davor, es Indys Lieblingsfeinden, den Nazis, gleich zu tun und ein Feuerzeug zu holen. Es ist schon lange her, dass mich ein Roman derart genervt hat, wie es "Indiana Jones und das verschwundene Volk" mit diesem "Running 'Gag'" tat. Und so ist es dann eben auch dieser Punkt, der Hohlbeins chronologisch gesehen letztem Indy-Roman in meinen Augen endgültig das Genick bricht.
Fazit:
Mit "Indiana Jones und das verschwundene Volk" erreichen die von Wolfgang Hohlbein für unser aller Lieblingsarchäologen geschriebenen Abenteuer in ihrer chronologischen Reihenfolge einen äußerst unwürdigen Schlusspunkt. Von Beginn an will nie so recht Indy-Feeling aufkommen; daran kann in weiterer Folge selbst die Rückkehr zweier Figuren aus dem Prolog von "Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" nichts ändern. Ich fand die Jagd rund um die Erfindung von Indys Kollegen leider auch ziemlich dröge; gleiches gilt für die Intrige in der Mormonen-Gemeinde. Die Action ist viel zu spärlich gesät, und wenn sie dann mal auftritt wenig packend, geschweige denn einfallsreich. Vor allem aber fand ich "Das verschwundene Volk", im Gegensatz zu Hohlbeins anderen Indy-Abenteuern, teilweise echt unterirdisch geschrieben, wobei ich vor allem den "Humor" grauenhaft fand. Insbesondere der Running "Gag" rund um "Jane - oder Jill?" trieb mich mit der Zeit an den Rand der Verzweiflung (und möglicherweise auch ein bisschen darüber hinaus). Insgesamt mag Hohlbeins Indy-Output zwar jenem seiner US-Kollegen überlegen sein; mit "Indiana Jones und das verschwundene Volk" reiht er sich aber leider nahtlos in deren schwächste Beiträge ein.
Bewertung:
1/5 Punkten
Christian Siegel
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