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Von bösen Sendern und guten Serien PDF Drucken E-Mail
Kolumne über die Absetzung von Serien Kategorie: Kolumnen - Autor: Sebastian Wiese - Datum: Montag, 13 August 2007
 
Image Es rumort zur Zeit in den TV-Foren des Internets. Der Grund dafür ist ein altbekannter Vorgang: die Absetzung von Serien. Im Mittelpunkt steht dabei momentan der "Mystery-Montag" auf ProSieben, insbesondere die Absetzung von "4400". Zunächst sorgte vor einigen Wochen die Ankündigung, dass ProSieben montags wieder verstärkt auf Comedy setzen will und daher "Jericho" im August, also bevor alle Folgen der ersten Staffel gesendet sind, aus dem Programm nehmen wird, für Verärgerung bei den Fans. Als dann letzte Woche bekannt wurde, dass "4400" mit sofortiger Wirkung nach nur drei Episoden ebenfalls den Sendeplatz räumen muss, wuchs die Empörung weiter an. Das Ziel des Ärgers war klar: ProSieben. Viele User machten keinen Hehl aus ihrem Unmut über den Sender und fanden wenig schmeichelnde Wort für diesen. Aber ist die Sache wirklich so einfach? Ist es nur die Schuld des "bösen" Fernsehsenders?

Zunächst einmal muss man die Beweggründe von ProSieben für diese Entscheidungen näher betrachten: die Einschaltquoten. Der "Mystery-Montag" läuft generell nicht besonders gut, seit er vor einiger Zeit wieder ins Leben gerufen wurde. Einzig "Primeval" war ein Erfolg für den Sender. "Jericho", "Blade" und "Alias" legten zwar alle noch einen guten Start hin, sanken dann aber unter den Senderschnitt. Bei "4400" sah es von Anfang an schlecht aus. Bereits die erste Folge der dritten Staffel lag unter dem Senderschnitt und die Werte verschlechterten sich weiter. Die dritte Folge erreichte dann nur noch 3,3% des Gesamtpublikum, ungefähr die Hälfte dessen, was ProSieben zur Zeit durchschnittlich erreicht. Ein geradezu katastrophaler Wert. ProSieben zog daraufhin die Konsequenzen und schon am nächsten Tag wurde das Aus für die Serie verkündet.

Für manche der verärgerten Fans ist es bereits diese Kausalkette, die sie anprangern. ProSieben sollte keine Serien aufgrund niedriger Quoten einfach aus dem Programm nehmen, sondern auch an schlecht laufenden Serien festhalten. Oder zumindest, insbesondere natürlich im Hinblick auf "4400", ihnen etwas mehr Zeit geben, bis man eine Entscheidung fällt. Ein Privatsender ist aber nun mal ein Wirtschaftsunternehmen und als ein solches will und muss es Geld verdienen. Sendungen, die nur geringe Einschaltquoten erreichen, stehen dem Ziel möglichst hoher Einnahmen jedoch im Weg. Aus finanzieller Sicht ist es daher verständlich, dass erfolglose Sendungen abgesetzt werden und eine andere Sichtweise kann sich ein Privatsender nicht leisten, zumindest nicht oft. Ob im Fall von "4400" eine längere Gnadenfrist sinnvoll gewesen wäre, ist ebenfalls fraglich. Zum einen waren die Werte, insbesondere die der dritten Folge, wirklich äußerst schlecht und zum anderen zeigt die Erfahrung, dass Serien selten im Lauf der Zeit ihre Einschaltquoten verbessern können, meistens sinken sie eher mit der Zeit.

Andere sehen im Zeitpunkt der Ausstrahlung den Grund für das Scheitern. Sie vertreten die Ansicht, dass sich ProSieben nicht über schlechte Quoten zu wundern bräuchte, wenn sie die Serien in der Sommer- und Ferienzeit ausstrahlen. Aber auch das Argument "Sommerloch" greift in meinen Augen nicht. Schließlich betrifft dies ja sämtliche Sender, allerdings hatten diese bei weitem nicht mit solch schlechten Ergebnissen zu kämpfen. Die Montagabend-Quoten von ProSieben waren auch im Vergleich zu den Mitbewerbern enttäuschend.

Wo liegt dann die Ursache für das schlechte Abschneiden? Liegt es am Genre? Zunächst ist diese Vermutung nahe liegend, schließlich wurden den Sorgenkindern von ProSieben allen das Label "Mystery" verpasst. Sie gehören also vermeintlich alle dem selben Genre an. Bei näherer Betrachtung ist diese Einteilung aber gar nicht so zutreffend. "4400" und "Blade" kann man noch recht klar der "Phantastik", was hier mal als Sammelbegriff für Fantasy, Science-Fiction, Mystery u.ä. dienen soll, zuschreiben. Bei "Alias" und "Jericho" trifft diese Zuordnung hingegen nicht mehr ins Schwarze. Es gibt aber auch noch weitere Indizien die dagegen sprechen, dass der Zuschauer generell keine Mystery oder allgemeiner Phantastik sehen will. Zum einen wäre da der gute Start des "Mystery-Montags". Bei den ersten Folgen haben überdurchschnittlich viele Menschen eingeschaltet, das Interesse war also da. Zum anderen gibt es zur Zeit auch erfolgreiche, phantastische Serien im dt. Fernsehen, z.B. "Stargate", dem übrigens auch der Start im vermeintlichen Sommerloch nicht geschadet hat.

Wenn es also scheinbar nicht am Genre liegt, was ist dann der Grund? Es gibt etwas, was die Serien des "Mystery-Montag" gemeinsam haben. Sie alle haben eine durchgehende, folgenübergreifende Handlung. Dieses Merkmal ist zwar unterschiedlich stark ausgeprägt, aber keine der Sendungen besteht hauptsächlich aus abgeschlossenen Einzelepisoden. Wirft man einen Blick auf andere, momentan ebenfalls eher schlecht laufende, Serien, so stößt man dort häufig auf solche mit Handlungsbögen, zum Beispiel "Nip/Tuck" oder "Prison Break". Bei letzterer hat RTL mittlerweile auf die schwachen Quoten reagiert und hofft mit einem späteren Sendeplatz und verringerter Dosis (nur noch eine Folge pro Woche) zu besseren Ergebnissen zu kommen. Auch RTL II hat sich von "Rom" wohl mehr erhofft. Immerhin handelt es sich dabei um die bislang teuerste Serie. Aber dies ist kein neues Phänomen. In der Vergangenheit finden sich ebenfalls Beispiele für solche Problemfälle. Man erinnere sich beispielsweise an die Quoten von "24", "Invasion" oder "Lost".
Betrachtet man sich hingegen die erfolgreichen Vertreter der US-Serien im dt. Fernsehen, so sind dies meist solche, die aus mehr oder weniger abgeschlossenen Episoden bestehen. Zu nennen wären hier beispielsweise die vielen, überaus quotenstarken, Krimi-Formate, wie die drei "CSI"-Serien oder "NCIS". Bei diesen Serien macht es in der Regel nichts, wenn man mal eine Folge verpasst, da es in der nächsten Episode meist keine Rolle mehr spielt, was in der vorangegangenen Woche passierte. Diese Eigenschaft scheint den dt. Zuschauern sehr zu gefallen. Folgenübergreifende Handlungsstränge und die damit verbundene Notwendigkeit des konsequenten Einschaltens mögen sie hingegen wohl weniger. Dabei muss man Dank des Videorekorders, der in vielen Haushalten zur Verfügung steht, keineswegs zum Sklaven des Fernsehers werden und seine Freizeit nach den Sendeterminen planen, wenn man den Anschluss nicht verlieren will.

In meinen Augen greift es also zu kurz, wenn man pauschal nur den Sender verteufelt, wenn eine der eigenen Lieblingsserien abgesetzt wird. Diese Reaktion mag zwar verständlich sein, aber die Ursache für die Streichung liegt meistens woanders, nämlich bei den anderen Zuschauern, von denen einfach zu viele den eigenen Geschmack nicht teilen. Insbesondere Serien mit durchgehender Handlung haben es momentan offensichtlich schwer. Hin und wieder gibt es sicherlich auch Ausnahmen, aber solche bestätigen ja bekanntlich die Regel. Eine Neigung zu Serien mit Einzelepisoden kann man beim dt. Publikum aber kaum von der Hand weisen. Es handelt sich dabei jedoch keinesfalls um ein typisch deutsches Phänomen. Auch im Mutterland der meisten angesprochenen Serien, den USA, sind unter den beliebtesten Sendungen größtenteils solche mit Einzel-Stories. Da der Markt über dem großen Teich jedoch größer ist, kann man es sich dort eher erlauben zusätzlich einen (prozentual) kleineren Zuschauerkreis zu versorgen.

Als Fan von Serien mit Handlungsbögen muss man also zur Zeit offenbar mit einer gewissen Ungewissheit den Fernseher einschalten. Oft kann man sich nicht sicher sein, ob man die Serie komplett im Free-TV genießen kann. DVDs sind natürlich eine Möglichkeit diesem Problem aus dem Weg zu gehen, aber auf Dauer wird dies ein teures Vergnügen und manchmal lässt die Veröffentlichung auf sich warten. Pay-TV ist eine andere Variante um die Misere abzumildern. Diese Sender können auch Nischen bedienen, jedoch wird hier ebenfalls ein Griff in den Geldbeutel nötig. Im Free-TV bleiben in der Regel die Quoten das Maß der Dinge und entscheiden über den Fortgang einer Serie. Ein Sender wie ProSieben, der viele solche Formate in seinem Programm führt, hat mit dem mangelnden Zuschauer-Interesse besonders zu kämpfen und zieht daher auch den meisten Frust auf sich. Bleibt zu hoffen, dass sich die Sehgewohnheiten der breiten Masse ändern und mehr Leute an komplexeren Geschichten Gefallen finden. Anders lässt sich dieser unerfreuliche Zustand nämlich kaum ändern.


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