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Die englische Serie "Life On Mars" Kategorie: Kolumnen - Autor: Christina Hansen - Datum: Mittwoch, 31 Januar 2007
 
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Zeitreisende Polizisten gibt es wie Sand am Meer. Na gut, das ist vielleicht ein klein wenig übertrieben. Doch so ganz taufrisch ist diese Idee in der Science Fiction wirklich nicht. B-Movies und TV-Serien haben wiederholt versucht, mit diesem Kunstgriff zwei populäre Genres, nämlich die Science Fiction und den Krimi, zu verbinden. Das Ergebnis war bisher selten wirklich sehenswert. Das britische Fernsehen, mit dem Klassiker Doctor Who seit vier Jahrzehnten Spezialist für Zeitreisegeschichten, hat jedoch kürzlich mit der herausragenden Zeitreise-/Krimiserie Life on Mars bewiesen, daß man diese beiden Genres durchaus mit Gewinn kombinieren kann. Und diese Woche kommen wir nun auch hier in Deutschland in den Genuß von alten Autos, Cordhosen mit Schlag, gemeingefährlich ausladenden Hemdkragen und viel Beige und Braun.

Life on Mars ist eine Produktion der unabhängigen TV-Produktionsfirma Kudos sowie von BBC Wales, welches in den letzten zwei Jahren so viele Serien mit zeitreisenden Protagonisten an den Start schickte, daß man sich fragen muß, ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen Wales und Zeitreisen gibt, der dem gemeinen Volk bisher verborgen blieb. (Meine walisische Freundin Rebecca verneint, doch vermutlich gehört sie bereits zu IHNEN und hat eine Zeitmaschine im Keller stehen.)

Mit durchschnittlich sieben Millionen Zuschauern war die erste Staffel von Life on Mars der Überraschungserfolg des Jahres 2006 im britischen Fernsehen. Daß die Serie trotz ihrer verschrobenen Grundidee großen Anklang auch jenseits des Scifi-Ghettos fand, überraschte selbst deren Erfinder, die sieben Jahre vergeblich versucht hatten, ihre Idee an den Mann zu bringen, bevor sie in BBC Wales-Programmchefin Julie Gardener eine Frau fanden, die sich der Serie annahm. Eine zweite Staffel steht kurz vor der Ausstrahlung. Danach ist leider Schluß, was jedoch nichts mit mangelndem Erfolg, sondern mit der britischen Tradition kurzer, in sich abgeschlossener Serien zu tun hat.

Worum geht es nun also in Life on Mars? Um einen zeitreisenden Polizisten natürlich. Oder vielleicht auch nur um einen sehr phantasiebegabten Polizisten mit extrem wilden Träumen. Oder möglicherweise ganz einfach um einen Polizisten, bei dem ein paar Schrauben locker sind.

Im Vinyl-Himmel? Detective Chief Inspector Sam Tyler ist jung, ehrgeizig und allem Anschein nach erfolgreich. Dienstvorschriften sind ihm heilig. Er trägt einen schnieken Anzug, hat ein Handy, ein Ipod, ein protziges Auto sowie eine hübsche und intelligente Freundin. Er ist glatt wie ein Aal und vielleicht auch genauso kalt.

Life On Mars gibt uns nicht viel Zeit, Sam im Jahr 2006, seiner Gegenwart, kennenzulernen. Bereits nach wenigen Minuten der ersten Folge wird seine Freundin von einem Serienmörder gekidnappt. Sam bringt das etwas aus der Fassung; er vernachlässigt einen Moment lang die Vorsicht im Straßenverkehr und wird prompt von einem Auto angefahren. Zum Zeitpunkt des Unfalls läuft auf seinem Ipod gerade David Bowies Song "Life on Mars" - veröffentlicht 1973. Und in eben jenem Jahr findet sich Sam wieder, als er zu sich kommt. Verwirrt begutachtet er die Sünden gegen den guten Geschmack, in die er nun gekleidet ist, und als seien diese nicht schon schlimm genug, findet er sich auch noch degradiert - und unter dem Befehl eines Mannes, der die Polizeimentalität der Siebziger geradezu perfekt verkörpert.

Detective Chief Inspector Gene Hunt, Sams neuer Vorgesetzter, hat seine Persönlichkeit getreu nach dem Motto modelliert, daß auf einen groben Klotz ein grober Keil gehöre. Sein bevorzugtes Argument sind seine Fäuste; wenn das nicht wirkt, schiebt er Verdächtigen konfisziertes Diebesgut unter, um einen Vorwand zu haben, sie einzubuchten. Er ist ungehobelt, korrupt, sexistisch, raucht wie ein Schlot und hat immer eine Flasche Scotch in der Schreibtischschublade. Da Sam weder Hunts Methoden gutheißen noch vergessen kann, daß er selbst bis vor kurzem dessen Rang inne hatte, geraten die beiden - ganz wie zwei Hunde, die um die Alpha-Stellung konkurrieren, wobei man sich für eine brauchbare Analogie Sam als Zwergpinscher und Gene Hunt als Dobermann vorstellen muß - immer wieder aneinander. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen ihnen jedoch ein widerstrebender Respekt, denn sie erkennen, daß sie in vielen Situationen ein gutes Team bilden und vielleicht sogar voneinander lernen können.

Life on Mars lebt sehr von seinen beiden gegensätzlichen Hauptfiguren, dem dauernden Kontrast zwischen ihren grundverschiedenen Mentalitäten und kulturellen Hintergründen. Daneben ist natürlich für Zuschauer über dreißig der Nostalgiefaktor nicht zu unterschätzen - hier ist insbesondere der mit Rockklassikern der Epoche gespickte Soundtrack zu erwähnen. Wie zu erwarten, gibt Sams Situation auch immer wieder Anlaß zu Humor, seien es Sams von seinen Kollegen mit Unverständnis empfangenen, da einige Jahre zu früh kommenden Star Wars-Anspielungen oder auch ganz einfach sein alltäglicher Kampf mit den Unbilden der Siebziger: dem Fehlen von PCs, Handys und anderen "lebensnotwendigen" Dingen, den ungewohnten Sitten und Gebräuchen und den ständigen Beleidigungen seines Sinnes für Ästhetik. (Sams erste Reaktion auf sein plüschig-tristes Zimmer im Jahr 1973 ist ein fassungsloses "Oh mein Gott.")

Das emotionale Zentrum der Serie liegt allerdings in Sams unbegreiflicher Situation, die zumindest in der ersten Staffel nicht schlüssig erklärt und von Sam permanent hinterfragt wird. Wir haben es somit - bei allem Spaß - mit einem Protagonisten zu tun, der sich existenziellen Fragen stellen muß: Ist das, was ich sehe, real? Weshalb bin ich hier? Liege ich im Koma und träume? Bin ich verrückt?

John Simm, der Sam Tyler spielt, verleiht der bizarren Situation durch seine überzeugende und oft herzzerreißende Darstellung von Sams Verwirrung, Angst und Wut eine unmittelbar nachvollziehbare emotionale Realität. Dadurch gewinnt die Serie Tiefe und Gewicht und hebt sich meilenweit von vielen anderen Zeitreisegeschichten ab. Seit Terry Gilliams 12 Monkeys haben wir keinen zeitlich deplazierten Helden mehr gesehen, der eine so glaubwürdige Reaktion auf den Kultur- bzw. Zeitschock zeigt.

Und ähnlich wie in 12 Monkeys ist auch bei Life on Mars der Protagonist nicht der Einzige, der sich fragt, was denn nun eigentlich die Realität sei. Life on Mars steckt voller kryptischer Hinweise, aus denen die Fans der Serie auf Websites wie The Railway Arms die abenteuerlichsten Theorien basteln. Namen, Songtexte, Nummernschilder, Werbeplakate im Hintergrund, Geräusche, kurz aufblitzende Fernsehbilder - alles wird dort unters Mikroskop gelegt. Ist Sam ein Zeitreisender aus einer noch ferneren Zukunft? Ein geisteskranker Mörder mit einer gespaltenen Persönlichkeit? Das unwissende Testsubjekt eines Experiments außerirdischer Entführer? Der Star einer futuristischen Gattung von "Virtual Reality TV"? Oder vielleicht sogar schon längst tot? Und was will David Bowie uns mit den Lyrics von "Life On Mars" wirklich sagen?

Meine favorisierte Theorie? In einer Szene der ersten Folge steht Sam vor einem Plattenladen mit dem Namen "Vinyl Heaven". Vielleicht ist Sam genau dort: im Vinyl-Himmel. Viele, allzu viele Details seiner Version des Jahres 1973 lassen sich auf Songtexte zurückführen - vom Vornamen seines Chefs bis hin zum Sand an der Hand seiner Kollegin Annie in einer entscheidenden Szene. Wo dieser Vinyl-Himmel nun allerdings ist - ob er eine tatsächliche, physische Realität hat oder nur in Sams komatösem Gehirn existiert, und ob Songs von David Bowie in der Welt von Life on Mars vielleicht tatsächlich die Kraft haben, einen Menschen, der ihnen - im Moment des Exitus? - lauscht, in die Vergangenheit zu befördern - wer weiß. Ich warte jedenfalls mit Spannung auf neue Hinweise und hoffe, daß viele Zuschauer am Samstag um 20:15 Kabel 1 einschalten, um Sam Tyler auf dem wahrhaft seltsamsten Trip seines Lebens zu begleiten.

Life on Mars bei Kabel 1
Life on Mars bei der BBC 
BBC Germany
The Railway Arms - Life on Mars-Fanforum

Diskutiere über "Life on Mars" auch in der ScienceFiction-Community unter:   http://www.sf-community.de/showthread.php?p=109014#post109014




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