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Twin Peaks - Der Film Drucken E-Mail
David Lynchs Prequel zur Mystery-Serie Kategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Montag, 12 Oktober 2026
 
 
Twin Peaks - Der Film
Originaltitel: Twin Peaks: Fire Walk with Me
Produktionsland/jahr: USA 1992
Bewertung:
Studio/Verleih: Twin Peaks Productions/New Line Cinema
Regie: David Lynch
Produzenten: U.a. Gregg Fienberg
Drehbuch: David Lynch & Robert Engels
Filmmusik: Angelo Badalamenti
Kamera: Ronald Víctor Garcíao
Schnitt: Mary Sweeney
Genre: Thriller/Drama
Kinostart Deutschland: 20. August 1992
Kinostart USA: 28. August 1992
Laufzeit: 134 Minuten
Altersfreigabe: FSK ab 16
Mit: Sheryl Lee, Ray Wise, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, Phoebe Augustine, David Bowie, Eric DaRe, Miguel Ferrer, Pamela Gidley, Heather Graham, Chris Isaak, Moira Kelly, James Marshall, Jürgen Prochnow, Peggy Lipton, David Lynch, Harry Dean Stanton, Kiefer Sutherland, Lenny von Dohlen, Grace Zabriskie, Kyle MacLachlan, Frances Bay, Catherine E. Coulson, Michael J. Anderson, Frank Silva, Walter Olkewicz, Al Strobel, Gary Hershberger u.a.


Kurzinhalt: Der Mord an der jungen Prostituierten Teresa Banks ruft das FBI auf den Plan. Die beiden Agenten Chester Desmond und Sam Stanley reisen nach Deer Meadow, um die Ermittlungen aufzunehmen. In deren Zuge entdecken sie u.a., dass unter einem Fingernagel des Opfers ein kleiner Zettel mit dem Buchstaben T darauf steckt. Als Chester am Tag danach der Wohnwagensiedlung in der Teresa gewohnt hat nochmal einen Besuch abstattet, findet er zuerst ihren Ring – um unmittelbar darauf spurlos zu verschwinden. Ein Jahr später sind sowohl der Mord an Teresa Banks als auch das Verschwinden von Agent Desmond nach wie vor ungeklärt. Während sich Agent Cooper und sein Vorgesetzter Gordon Cole eben darüber mit dem lange verschollen und nun plötzlich wieder aufgetauchten Agenten Phillip Jeffries unterhalten, bahnt sich in Twin Peaks der nächste Mord an. Seit Jahren wird die High School-Schülerin Laura Palmer von einem ihr unbekannten Mann sexuell missbraucht. Mittlerweile ist sie den Drogen verfallen, und befindet sich auf einer Spirale der Selbstzerstörung, die aufzuhalten sowohl ihr heimlicher Geliebter James als auch ihre beste Freundin Donna machtlos zu sein scheinen. Als Laura dann eines Tages erkennt, dass es sich bei ihrem Peiniger um ihren eigenen Vater handelt – von dem Bob irgendwie Besitz zu nehmen scheint – wirft sie das endgültig aus der Bahn…

Review (kann Spoiler enthalten): Szenenbild. Ein knappes Jahr nachdem die letzte – vorerst – letzte "Twin Peaks"-Folge im amerikanischen Fernsehen ausgestrahlt und die Serie aufgrund des Zuseherschwunds abgesetzt wurde, brachte David Lynch mit "Twin Peaks: Fire Walk with Me" ein Prequel zur Serie ins Kino. Die Reaktionen sowohl von Kritikern als auch dem Publikum waren damals wenig wohlwollend. Rückblickend ist es schwer zu sagen, woran dies lag; ich persönlich habe die Vermutung, dass nicht zuletzt die Tatsache, dass die Serie mit einem großen Cliffhanger endete, und die Fans wohl hofften, dass der Film diesen irgendwie aufgreifen würde (was bis zu einem gewissen Grad ursprünglich auch der Plan war – dazu gleich noch), dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Manche vermissten wohl auch so manche im Verlauf der Serie lieb gewonnene Figur (auch hier sei erwähnt, dass ursprünglich ein Großteil der Stammbesetzung eigentlich auch im Film einen zumindest kleinen Auftritt haben sollte). Und einigen dürfte die hier erzählte Geschichte dann doch zu düster, trostlos und arg gewesen sein. Wie auch immer, damals waren die Reaktionen tendenziell eher negativ. In den Jahren danach erlebte "Twin Peaks: Der Film" dann aber durchaus eine Renaissance, und heutzutage wird er von nicht wenigen Fans als eine der besten Stücke des Puzzles angesehen.

Um meinen einzigen nennenswerten Kritikpunkt gleich vorwegzunehmen: Der Prolog rund um die Ermittlungen im Mordfall Teresa Banks steht doch eher für sich, und wirkt vor allem rückblickend wie ein Fremdkörper. Wie gerade erwähnt wurden viel mehr Szenen rund um die Bewohner Twin Peaks gedreht, und hat sich David Lynch im Schneideraum letztendlich dagegen entschieden, diese zu verwenden, da er den Fokus klar und deutlich auf Laura Palmer, ihren Leidensweg, und die tragischen letzten Tage ihres Lebens legen wollte. Eben diese Absicht spießt sich halt aber mit besagtem, rund halbstündigen Prolog. Es kommt ja heutzutage nicht selten vor, dass ich Streaming-Staffel und/oder Miniserien kritisiere, weil ich den Eindruck habe, dass die als Film besser gewesen wären. Hier ist es umgekehrt: Das Prequel als Miniserie umzusetzen, mit den Ermittlungen in Deer Meadow als eigene Folge, hätte für mich besser gepasst. Dessen ungeachtet will ich aber auch den Auftakt nicht schlecht reden. Nicht nur freut man sich dort u.a. über prominente Neuzugänge wie Kiefer Sutherland, Chris Isaak (wenn ich den in dieser Rolle auch ziemlich farblos fand) und nicht zuletzt David fucking Bowie, und gibt es einige gelungene Momente, sei es, weil sie komisch, absurd, bizarr, oder einfach herrlich mysteriös, ja fast schon alptraumhaft sind (oder manchmal auch alles davon zusammen). Mein Favorit war die kurze Szene, wo Agent Cooper in den Überwachungsraum geht, dort auf der Überwachungskamera nach wie vor sein "Schatten" zu sehen ist. Das war echt gruselig. Zugleich ist diese Szene exemplarisch für den Prolog in seiner Gesamtheit, der im Großen und Ganzen doch sehr für sich steht (die einzige wesentliche Ausnahme davon bietet Teresas Ring). Ja, es war super mysteriös und gruselig, aber die ganze Szene mit David Bowie scheint einfach mit nichts, dass im Film sonst passiert, irgendwie in Verbindung zu stehen. Aber vielleicht habe ich auch einfach nicht kapiert, worin diese Verbindung bestehen soll.

Szenenbild. So oder so: So richtig dreht "Twin Peaks – Der Film" für mich auf, sobald wir in die titelspendende Kleinstadt zurückschwenken. Auch hier mag es vereinzelt noch kleinere Ausreißer geben, im Wesentlichen konzentrieren wir uns aber auf Laura Palmer und ihre zunehmende Verzweiflung. Eben dies bietet auch ganz klar das Herzstück (und den besten Teil) des Films. Dies einerseits aufgrund des wirklich schlimmen Inhalts, wird doch erst hier deutlich, dass Laura jahrelang von ihrem Vater missbraucht wurde. Was ihr insofern bislang nicht bewusst war, als sie immer Bob gesehen hat, der sich dessen Körpers bemächtige (interessant in dieser Hinsicht die Worte von Leland und Bob kurz bevor Laura ermordet wird, wo Ersterer sagt "I always thought you knew it was me." und Letzterer ergänzt "I never knew you knew it was me."). Als sie eines Nachts quasi durch ihn hindurchblickt, und dahinter (oder davor?) ihren Vater erkennt, scheint sie dies endgültig zu brechen. So wie diese Szene ist ihre gesamte Talfahrt, die wir hier mitansehen müssen, und die letztendlich in ihrer Ermordung münden wird, herzzerreißend.

Wir erleben hier eine vom Leben gebrochene junge Frau auf einem Selbstzerstörungstrip, der in Wahrheit ein einziger Hilfeschrei ist – der von niemandem beantwortet wird. Nicht von ihrem offiziellen Freund Bobby (der sie vielmehr noch mehr in die Tiefe hinunterzieht, und sie laufend mit neuem "Stoff" versorgt), nicht ihr geheimer Liebhaber James (der sie perverserweise wohl zu sehr liebt, um ihr helfen zu können), nicht ihre beste Freundin Donna (hier übrigens gespielt von Moira Kelly; es ist die einzige Neubesetzung des Films, und ganz ehrlich, ich finde sie in der Rolle der sanftmütigen, unschuldigen Donna, die sich von Laura mit in den Abgrund ziehen lässt, deutlich besser als Lara Flynn Boyle, die auf mich immer schon zu stark und dominant wirkte), und schon gar nicht ihre Eltern, allen voran natürlich Leland. Es gibt hier rund um ihren Absturz so viele sowohl berührende als auch mysteriöse Szenen. Letzteres betrifft z.B. den Auftritt der alten Dame (Frances Bay) und ihres Enkels (der optisch bewusst an David Lynch angelehnt ist), die wir bis dahin nur in einer einzigen (auch von David Lynch inszenierten) "Twin Peaks"-Folge zu Gesicht bekamen. Über alles rund um die verschiedenen Gemälde in Lauras Zimmer (einerseits das mit der Tür, das für eine famose Alptraumsequenz verwendet wird, und andererseits jenes mit dem Engel, der auf einmal verschwindet – was dann vor allem für die letzte Szene von Bedeutung ist). Bis hin zu unseren neuerlichen Ausflügen in den Roten Raum. Und im Hinblick auf ersterem sticht u.a. die kurze Begegnung mit der Log Lady hervor, der Trip von Laura und Donna nach Kanada (insbesondere natürlich die Szene im Nachtclub), sowie Lauras verzweifelten Worte an James ("Your Laura disappeared. It's just me now"). All dies kulminiert dann zuerst in Lauras Ermordung, die hier schonungslos dargestellt hat, und einen aufgrund der knapp zwei Stunden, die wir mit ihr verbracht haben, hier ungleich härter trifft als in der Serie. Und zuletzt Lauras bewegender Erlösung, als der Engel im Roten Raum erscheint.

Szenenbild. Womit ich als letzten Punkt noch kurz auf die "Missing Pieces" eingehen will; geschnittene Szenen, die quasi als eigener (zusammenhangloser) Film zusammengestellt wurden, und die für "Fire Walk with Me" eine andere Richtung aufzeigen, die damals vielleicht besser angekommen wäre. Nämlich: Mehr Szenen mit aus der Serie bekannten Gesichtern, die entweder doch relativ kurz kommen, oder überhaupt komplett aus dem Film geschnitten wurden. Vor allem aber sticht der Epilog hervor, der ursprünglich an Lauras Ende hätte anknüpfen sollen, und zugleich den Cliffhanger vom Ende der zweiten Staffel aufgegriffen hätte. Dort sehen wir, wie Annie ins Krankenhaus gebracht wird, und dort zur Schwester jene Worte sagt, die Wochen zuvor Laura von ihr in ihrem Alptraum gehört hat ("The good Dale is in the lodge, and he can't leave"). Vor allem aber knüpft ein kurzer Moment an die Szene mit dem "bösen" Dale im Badezimmer an, und sehen wir, wie dieser von Dr. Hayward und Sheriff Truman gefunden wird. Mehr als das bietet man uns zwar auch nicht, aber ich gebe schon zu, dass es nett gewesen wäre, zumindest diese zwei Szenen (und jene mit der Log Lady, als Laura ermordet wird) im Film zu haben; kann aber auch verstehen, dass Lynch den Film, der eben ab dem Zeitsprung auf Laura fokussiert war, mit ihrer "Erlösung" abschließen wollte (und Post-Credits-Szenen waren damals halt einfach noch nicht angesagt).

Fazit: Aus meiner Sicht hätte "Fire Walk with Me" entweder eine vierteilige Miniserie (dann hätte man auch die ganzen geschnittenen Szenen rund um die anderen Bewohner Twin Peaks einbauen können) oder aber ein Zweiteiler sein sollen. Im ersten hätte ich mich auf Laura fokussiert, und im zweiten die Geschichte vom Mord an Teresa Banks gezeigt, die Ermittlungen des FBI aufgerollt, und eben die ganzen Szenen rund um Twin Peaks mit aufgenommen, um schließlich mit dem an den Cliffhanger aus "Jenseits von Leben und Tod" anknüpfen Epilog zu schließen. Das hätte narrativ für mich mehr Sinn ergeben, als der Mischmasch, aus dem dann schließlich "Fire Walk with Me" geschnitten wurde. Das – oder genauer gesagt, der wie ein Fremdkörper wirkende Prolog rund um die Ermittlungen in Deer Meadow – ist aber auch mein einziger Kritikpunkt an "Twin Peaks – Der Film". Denn alles rund um Laura Palmer ist einfach nur großartig, berührend, mysteriös, und vor allem auch erschütternd. Sheryl Lee zeigt eine Wahnsinnsperformance, aber auch der Rest der Besetzung ist fantastisch, wobei ich neben Ray Wise vor allem auch noch Moira Kelly erwähnen will, die ich als Donna besser fand, als Lara Flynn Boyle in der Serie. Es gibt hier einfach so viele Highlights, manche davon mysteriös, surreal und/oder bizarr, andere komisch, bedrückend und/oder berührend. Vor allem aber finde ich fantastisch, wie man hier durch die Aufrollung der letzten Tage des Lebens von Laura Palmer ihrem Tod, der in der Serie letztendlich nur ein Aufhänger war, um der Serie ihre Initialzündung zu geben, mehr Dramatik und emotionales Gewicht verleiht. Und wenn David Lynch, trotz seiner teils bizarr-düsteren Werke im Grunde seines Herzens Humanist, Laura am Ende zumindest eine Art von Happy End und/oder Erlösung zukommen lässt, geht mir jedes Mal aufs Neue das Herz auf.

Wertung: 8 von 10 Punkten
Christian Siegel
(Bilder © 1992 New Line Cinema)





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