Kurzinhalt:
Silvia Hacherman ist die erfolgreiche Leiterin eines chemischen Labors in Rom, leidet jedoch nach all der Zeit immer noch unter einem Kindheitstrauma, dass durch den Selbstmord ihrer Mutter ausgelöst wurde. Nachdem sie sich eines Tages zusammen mit ihrem Freund Roberto mit einer Delegation aus Afrika getroffen hat, kommt es vermehrt zu mysteriösen Ereignissen. So scheint ihr zufällig in einem Antiquitätenshop eine Vase aus ihrer Kindheit unterzukommen. Vor allem aber leidet sie zunehmend unter Halluzinationen, in denen sie zuerst ihre Mutter – in einem schwarzen Kleid, vor einem Spiegel sitzend und sich mit Parfüm einsprühend – sieht, und schließlich auch ihr jüngeres Ich. Dadurch gerät sie zunehmend in einen Strudel des Wahnsinns, an dessen Ende ein schrecklicher Verdacht steht: Könnte der Tod ihrer Mutter vielleicht gar kein Suizid gewesen sein?
Review (kann Spoiler enthalten):
"Das Parfüm der Dame in Schwarz" ist definitiv ein typischer Giallo. Statt der Bedrohung durch einen Serienmörder (üblicherweise mit schwarzen Handschuhen) steht hier nämlich vielmehr der psychologische Horror im Mittelpunkt. Damit erinnert der Film eher an Thriller wie Roman Polanskis "Rosemarys Baby" – auch dort wird eine junge Frau durch eine Verschwörung in den Wahnsinn getrieben. "Das Parfüm der Dame in Schwarz" spielt dabei mit erstaunlich offenen Karten, da wir eigentlich bereits in den ersten paar Minuten erfahren, was hier vor sich geht. Ein bisschen mehr Mystery hätte in meinen Augen zwar nicht geschadet, gerade auch im Hinblick darauf, ob denn überhaupt eine Bedrohung existiert, oder Silvia sich diese vielmehr nur einbildet, da sie aufgrund von einiger zufälliger Ereignisse von ihrem verdrängten Kindheitstrauma eingeholt wird. Andererseits hat die Tatsache, dass wir es wissen, und hilflos mit ansehen müssen, wie sie Opfer dieser Verschwörung wird, zugegebenermaßen auch durchaus ihren Reiz.
Zwei Aspekte sind für mich eben dafür hauptverantwortlich. Der erste ist Mimsy Farmer, die hier (ähnlich wie Mia Farrow in "Rosemarys Baby") eine Wahnsinns-Performance abliefert, und es einem leicht macht, zu ihr eine Bindung aufzubauen – und dementsprechend in weiterer Folge mit ihr mitzufiebern und zu -leiden. Und der zweite liegt bei Francesco Barillis überaus atmosphärischer Inszenierung, dem es hier – auch mit Hilfe seines Komponisten Nicola Piovani und dessen düsterer Musik – famos gelingt, Silvias langsamen Verfall in den Wahnsinn nachfühlbar zu machen. Darüber hinaus spielt er auf interessante Art und Weise mit der Frage, was von den Ereignissen hier real ist, und was sich nur in Silvias Kopf abgespielt hat. Es ist vor allem auch dieser Aspekt, der den geneigten Zuschauer dazu animieren dürfte, immer wieder zu ihm zurückzukehren, und eben dieses Rätsel zu lösen. Damit bietet er zweifellos mehr Wiederanschauungswert, als die klassischen Giallo-Thriller, die unter anderem auch stark von ihrem Whodunit-Charakter leben (der – entsprechendes Gedächtnis vorausgesetzt – halt nur bei der Erstsichtung so richtig funktioniert). Allerdings: Auf die Grundidee rund die Verschwörung dahinter – und die Methoden, die sie anwenden (insbesondere im Hinblick auf die Drogen, die Silvias Halluzinationen auslösen) muss man sich einlassen können. Vor allem aber blieb mir im Hinblick auf die genaue Motivation dahinter (und warum man gerade sie als Opfer ausgewählt hat) dann doch etwas zu viel offen. Für andere mag eben dies (auch) zur Faszination des Films beitragen, mir war's der zurückbleibenden Fragezeichen dann ab er doch ein bisschen zu viel.
Fazit:
"Das Parfüm der Lady in Schwarz" ist ein doch eher ungewöhnlicher Giallo-Thriller, der starken wert auf die psychologische Komponente legt, und letztendlich mehr gemein hat mit "Rosemarys Baby" als den anderen, sich zu 99% auf einen Serienmörder konzentrierenden, Genre-Vertretern. Der Film besticht dabei vor allem auch mit seiner famos-düsteren Grundstimmung, und der Art und Weise, wie er uns als Publikum in Silvias langsamen Fall in den Wahnsinn hineinzieht, bis wir, so wie sie, auch nicht mehr sagen können, was hiervor real und was Einbildung ist. Neben Francesco Barillis Inszenierung und Nicola Piovanis Musik ist dabei insbesondere auch die schauspielerische Leistung von Mimsy Farmer zu loben. Auf die Grundidee dahinter muss man sich allerdings zugegebenermaßen einlassen können; und auf die Motivation hinter der Verschwörung, sowie der Ursache der Halluzinationen, hätte man für meinen Geschmack ruhig näher eingehen können. So bleibt das alles nämlich sehr vage – wobei "Das Parfüm der Lady in Schwarz" zugegebenermaßen wiederum just daraus seinen ganz eigenen Reiz bezieht.
Wertung: 7 von 10 Punkten
Christian Siegel
Harrys Horror-Hintergründe: Titel:
"The Perfume of the Lady in Black" – Fans des französischen Schriftstellers Gaston Leroux werden jetzt enttäuscht sein, denn: Nein, hier geht es nicht um den gleichnamigen Kriminalroman aus dem Jahr 1908, sondern um den Film aus dem Jahr 1974 von Francesco Barilli. Er wird gern dem Giallo-Genre zugeordnet, obwohl er wohl eher ein Psycho-Thriller ist – oder, von mir aus, ein Psycho-Giallo. Die Gründe für die Namensgleichheit sind eher zufällig: Der Regisseur kannte den (zugegeben) eher wenig bekannten Roman nicht und wählte diesen Titel noch während der Entstehung des Drehbuchs, nachdem er und sein Schreibpartner Massimo D’Avak eine Szene geschrieben hatten, in der sich eine dunkel gekleidete Dame vor einem Spiegel parfümiert. That's it!
Der Titel ist aber auch einfach nur großartig – so großartig, dass sich nahezu kein Verleiher weltweit an einen anderen Titel herangetraut hat, sondern ihn schlicht in die jeweilige Landessprache übersetzt hat. Ausnahmen gibt’s nur wenige: In Mexiko hat man zum Perfume-Titel (natürlich auf Spanisch) noch ein "Poseídas del demonio", also "Vom Teufel besessen", hinzugefügt. Gerüchteweise gab es in den USA eine limitierte Aufführung (vermutlich in Autokinos) unter dem Titel "Cult of the Damned". Das wär’s dann auch schon wieder.
Fassungen:
Hier gibt’s nicht viel zu erzählen: keine alternativen Fassungen, keine Schnitte. Null und nix. Auch gut.
Fazit:
Ist neben "Teorema" und "Tenebre" mein absolut liebster italienischer Film aller Zeiten. Dafür gibt es viele Gründe, aber der Hauptgrund ist wohl die faszinierend ausgearbeitete Struktur des Films, die größtenteils stark an Polanski-Werke à la "Rosemary’s Baby" und "The Tenant" erinnert – gewürzt mit vielen "Alice im Wunderland"-Anleihen und Was-ist-real-und-was-nicht-Elementen. Man ist gespannt, man fiebert mit. Mal tappt man im Dunkeln, mal scheint einem alles glasklar – und dann kommt dieses unglaubliche, wahnsinnige Ende, das einem den Boden unter den Socken wegzieht. Ich schwöre: So oft ich mir den Film auch ansehe – das Ende haut mich jedes Mal aufs Neue um. Dazu noch diese unglaubliche Musik von Oscar-Preisträger Nicola Piovani, die vollkommen umwerfende Performance der wie-immer-grandiosen Mimsy Farmer und die schier wegfegende Inszenierung von Barilli… hach, ich vergöttere diesen Film!!