Stylischer Spät-Giallo von Dario ArgentoKategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Montag, 26 Oktober 2026
Originaltitel:
Opera
Produktionsland/jahr:
Italien 1987
Bewertung:
Studio/Verleih:
ADC Films
Regie:
Dario Argento
Produzenten:
U.a. Dario Argento
Drehbuch:
Dario Argento & Franco Ferrini
Filmmusik:
Brian Eno, Roger Eno, Steel Grave, Claudio Simonetti & Bill Wyman
Kamera:
Ronnie Taylor
Schnitt:
Franco Fraticelli
Genre:
Horror/Thriller
Heimkino-Premiere Deutschland:
05. Dezember 1989
Kinostart Italien:
19. Dezember 1987
Laufzeit:
107 Minuten
Altersfreigabe:
FSK ab 16
Mit: Cristina Marsillach, Ian Charleson, Urbano Barberini, Antonella Vitale, Daria Nicolodi, William McNamara, Coralina Cataldi-Tassoni, Barbara Cupisti, Antonino Iuorio, Carola Stagnaro, Francesco Cassola u.a.
Kurzinhalt:
Die junge Opernsängerin Betty ist als Zweitbesetzung für die Hauptrolle Teil einer aufwendigen Inszenierung von Verdis Oper "Macbeth". Nachdem Opernstar Mara Cecova bei einem Autounfall schwer verletzt wird, schlägt Bettys große Stunde. Schließlich ist der Tag der Premiere gekommen – und Betty wird für ihre Performance gefeiert. Doch ihre Freude über den Erfolg währt nicht lange. Denn in der Nacht schleicht sich ein wahnsinniger Fan in ihre Wohnung. Dieser fesselt sie an einen Pfeiler, und befestigt eine Reihe von Nadeln unter ihren Augenlidern. So wird sie dazu gezwungen, hilflos mitanzusehen, wie der Killer ihren Freund Stefan vor ihren Augen ermordet. Am nächsten Morgen wird sie von Inspektor Alan Santini befragt, der die Ermittlungen im Fall leitet. Es dauert jedoch nicht lange, bis es ein zweites Opfer gibt, und auch diesmal hat Betty keine andere Wahl, als zuzusehen. Während die Polizei nach wie vor im Dunkeln tappt, stellen Betty und ihr Regisseur Marco eigene Ermittlungen an. Betty vermutet bei den aktuellen Morden einen Zusammenhang mit dem Tod ihrer Mutter. Schließlich schmieden sie gemeinsam einen wahnwitzigen Plan, um die Identität des Killers herauszufinden…
Review (kann Spoiler enthalten):
Wie ich in meinem Review zu "Tenebre" erwähnt habe, ziehe ich die stylischeren Werke von Dario Argento vor; einfach, weil aus meiner Sicht eben darin seine größte Stärke als Regisseur liegt. Mit "Opera" kehrte er Ende der 80er noch einmal zu jenem Genre zurück, dass ihn groß gemacht hat, und legte nicht einfach "nur" einen bemerkenswerten Spät-Giallo mit zahlreichen denkwürdigen Elementen vor, sondern besinnte sich vor allem auch noch einmal auf eben diese zentrale Stärke. Mag kann von ihm in inhaltlicher Hinsicht halten was man mag, aber selbst seine größten Kritiker müssen anerkennen, dass "Terror in der Oper" phantastisch – und ungemein stylisch – inszeniert ist. Was hier kameratechnisch teilweise abgeht – nicht zuletzt aufgrund des wiederholten Einsatzes einer Steadicam – ist einfach nur ein Wahnsinn. Und für mich persönlich gehört nun mal eben dies für einen Film von Dario Argento dazu. Insofern fühlte ich mich bei "Terror in der Oper" von Anfang an zuhause.
Aber auch das Setting sticht hervor. Ein paar Jahre später sollte sich Dario Argento eben diesem mit seiner Version von "Das Phantom der Oper" noch einmal zu wenden, dann jedoch leider mit deutlich geringerem Erfolg. Hier aber funktioniert die Kombination aus seiner stilvollen Inszenierung und dem künstlerischen Setting einer (hochtrabenden) Produktion von Verdis Macbeth nahezu perfekt. Spannend fand ich darüber hinaus den musikalischen Kontrast, den "Terror in der Oper" bietet, mit der Opernmusik auf der einen, und den in den Mordszenen zu hörenden Heavy Metal-Stücken von Brian Eno. Zugegebenermaßen zwar in der Verbrüderung von Rockmusik mit "dem Bösen" doch ziemlich klischeehaft, und teilweise fast schon unfreiwillig komisch – trotzdem fand ich es durchaus effektiv. Die Mordszenen sind generell wieder fantastisch – und gewohnt brutal – inszeniert. Diesbezüglich sticht natürlich auch eins der denkwürdigsten Elemente des Films überhaupt heraus, nämlich die perfide Vorrichtung, der sich der Killer bedient, um Betty dazu zu zwingen, ihm bei seinen Taten zuzusehen. Das mit den Nadeln unter dem Auge war nämlich richtig böse. Darüber hinaus mochte ich auch Cristina Marsillach in der Hauptrolle sehr. Optisch erinnert sie ein bisschen an Jessica Harper in "Suspiria", und mir ist bekannt, dass Argento mit ihr nicht wirklich glücklich war (und umgekehrt), aber dem Film wäre das nicht anzumerken. Spannend finde ich auch jedes Mal den Epilog, bei dem irgendwie auch immer an die abschließenden Szenen zwischen Hannibal und Clarice in "Hannibal" denken muss. Und generell bietet die Landschaft in der Schweiz einen spannenden Kontrast zum Geschehen davor. Demgegenüber fand ich die Auflösung des Killers doch etwas gar vorhersehbar. Vor allem aber muss man sich im Hinblick darauf, wie dessen Identität dann schließlich aufgedeckt wird, auf eine völlig bescheuerte Idee einlassen können. Für mich fiel das zwar in die Kategorie "So blöd, dass es schon wieder geil ist." Das kann man aber zweifellos auch anders sehen.
Fazit:
"Terror in der Oper" ist ein zwar saudämlicher, zugleich aber halt auch saugeiler Film. Dabei ist es in erster Linie die wieder einmal unfassbar stylische Inszenierung, die ich jedes Mal aufs Neue abfeiere. Was hier kameratechnisch teilweise abgeht, ist einfach nur famos. Ich mag auch das Setting in der Oper, die entsprechenden Musikeinlagen, und finde den Kontrast zwischen dieser paradiesisch-künstlerischen Welt und der Heavy Metal-Musik, die in den Mordszenen in den Film drängt und quasi die Harmonie (zer)stört, ziemlich spannend. Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank sehr gut, wobei es mir vor allem Cristina Marsillach in der Hauptrolle sehr angetan hat. Das Ende finde ich dann ebenfalls immer wieder sehr spannend, auch, weil man sich für einen kurzen Moment nicht sicher ist, wie sich Betty entscheiden wird. Neben Argentos Inszenierung ist es aber in erster Linie die perfide Idee rund um die Nadeln unter den Augenlidern, die sich einem ins Gedächtnis brennt. Wie gesagt: Dass der Film teilweise völlig bescheuert ist, daran kann kein Zweifel bestehen. Und doch zählt er für mich neben "Suspiria", "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", "Rosso – Die Farbe des Todes" und "Phenomena" zu den Höhepunkten seines künstlerischen Schaffens.
Wertung: 8 von 10 Punkten
Christian Siegel
Harrys Horror-Hintergründe: Titel:
Hach, ich liebe die aufs Wesentliche reduzierten Titel der Argento-Filme von 1977–1993, und "Opera" macht da keine Ausnahme. Ein Wort, fünf Buchstaben – und alles ist gesagt. Der Film spielt in einem Opernhaus, ist so bombastisch inszeniert wie eine Oper, und in Sachen Handlung bekommt man alle aus dem "Phantom der Oper" bekannten Elemente frei Haus geliefert. Dagegen wirken der deutsche Titel "Terror in der Oper" bzw. der alternative US-Titel "Terror at the Opera" billig und irgendwie abwertend. Das klingt eher wie ein stumpfer Actionfilm. Interessant ist der Titel der deutschen TV-Erstausstrahlung 1992 auf ARD: "Im Zeichen des Raben" – ich weiß ja auch nicht, aber irgendwie hat das was! Klingt mysteriös genug, um die Neugier beim Publikum zu wecken. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn das der offizielle deutsche Titel gewesen wär. Hört sich auf jeden Fall tausendmal besser an als "Terror …".
Fassungen:
Huh, jetzt wird's kompliziert!
Zunächst geht's mal ums Bildformat. "Opera" wurde auf Super 35mm gedreht, ein Filmmaterial, das es ermöglichte, auf zwei spezifische Wünsche einzugehen: Argentos Wunsch, den Film in Europa in 2,35:1 zu zeigen, sowie der Wunsch von Orion Pictures (internationale Auswertung) und RAI Film (Koproduktion) nach einer Auswertung in 1,85:1 (Open Matte). Letztere zeigt in einigen Szenen mehr, als von Argento ursprünglich gewünscht – zum Beispiel in der Szene, in der die Hauptdarstellerin (Cristina Marsillach) eigentlich nackt am Bett sitzen sollte: in des Maestros unerwünschtem Format sieht man, dass sie dann doch Unterwäsche trägt. Beide Formate haben ihre Fans; ich bevorzuge tatsächlich 1,85:1, weil man in den Macbeth-Szenen oder bei den Kills einfach mehr zu sehen bekommt.
Weiter geht's mit dem Ton. Als "Opera" 1987 erstmals in Cannes vor einem potentiellen Käufer-Publikum gezeigt wurde, kam die Synchronisation von Urbano Barberinis Charakter nicht gut an; sein etwas zurückhaltender, englischer Akzent sorgte angeblich bei einigen für Gelächter. In einer Hauruck-Aktion wurde eine neue, erdigere Synchro mit amerikanischem Akzent erstellt. Ich finde beide gut, wobei die Cannes-Synchronisation um einiges voller klingt. Jedoch: Barberinis Monolog während des Feuers ist im neuen Dub leider nur schwer verständlich. Es gibt aber noch einige andere Sachen zu entdecken: So hört man in der italienischen Version in mehreren Szenen klar und deutlich Musikstücke von Claudio Simonetti, die aber in der US-Fassung, warum auch immer, dezent in den Hintergrund gemischt wurden. Auch bei der ersten "Nadeln-überm-Auge“-Szene hört man jeweils andere Stimmen bzw. Musik aus dem im Hintergrund dudelnden Radiogerät. Und einen Voice-over über der allerletzten Szene, den bekommt man ausschließlich in der italienischen Fassung zu hören.
So, weiter zur Laufzeit. Die originale italienische Fassung dauert 107 Minuten. Da der Film quasi zu den Weihnachtsfeiertagen in den italienischen Kinos anlief und – dank des, ähem, "besinnlichen" Spirits – auch die klassischen Horrorfans eher zurückhaltend ins Kino wankten, wurde er rasch in allen Gore-Szenen radikal gekürzt, um eine niedrigere Freigabe zu erzielen und ein potenziell größeres Publikum anzusprechen, was dann auch wirklich klappte; "Opera" wurde in Italien ein Kassenschlager. Orion Pictures wollte den Film in den USA regulär ins Kino bringen – allerdings in einer um fast 30 Minuten (!!!) kürzeren Fassung, inklusive des kompletten Wegfalls der letzten Szene. Argento war erbost und legte ein Veto ein, was dazu führte, dass Orion auf einen regulären Kinostart pfiff. Man erstellte dann eine neue Fassung, die "nur" 12 Minuten kürzer war, und warf das Teil relativ zügig auf den VHS-/Laserdisc-Markt.
In Deutschland hat man sich an all der Gewalt ganz, äh, unerwartet heftig gestoßen und die Uncut-Fassung schnell auf den Index gesetzt. Für die VHS-Veröffentlichung wurden schließlich ganze 16 Minuten entfernt. Was bin ich dankbar, dass diese dunklen Zeiten inzwischen vorbei sind.
Fazit:
Wenn man den Streifen auf seine Grundelemente herunterbricht, stellt man schnell fest, dass "Opera" Argentos mit Abstand dümmster Film ist. Wahnsinn, wie belämmert sich jede einzelne Figur verhält, wie stümperhaft konstruiert der Plot ist und wie hier eigentlich überhaupt – generell – ganz, ganz viel keinen Sinn ergibt. Macht aber nix: wenn etwas so schön, brillant und bombastisch inszeniert ist, dürfen Logik, Sinn und Intelligenz gerne hinten anstehen. Großartiger Film!