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Malastrana - Unter dem Skalpell des Teufels Drucken E-Mail
Auf den Spuren einer Verschwörung in Prag Kategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Samstag, 24 Oktober 2026
 
Halloween-SPECiAL

 
Malastrana
Originaltitel: La corta notte delle bambole di vetro
Produktionsland/jahr: Italien 1971
Bewertung:
Studio/Verleih: Dieter Geissler Filmproduktion/Rewind Film
Regie: Aldo Lado
Produzenten: U.a. Enzo Doria
Drehbuch: Aldo Lado
Filmmusik: Ennio Morricone
Kamera: Giuseppe Ruzzolini
Schnitt: Mario Morra
Genre: Horror/Thriller
Kinostart Deutschland: 30. Mai 1972
Kinostart Italien: 28. Oktober 1971
Laufzeit: 97 Minuten
Altersfreigabe: FSK ab 16
Mit: Jean Sorel, Ingrid Thulin, Mario Adorf, Barbara Bach, Fabijan Sovagovic, Jose Quaglio, Relja Basic, Piero Vida, Daniele Dublino u.a.


Kurzinhalt: Ein Mann erwacht auf dem Untersuchungstisch einer Leichenhalle. Mit Schrecken muss er feststellen, dass er für tot gehalten wird. Verzweifelt versucht er sich daran zu erinnern, wer er ist, und wie er in diese Situation kam. Während man seinen Körper zur Obduktion vorbereitet, kommt sein Gedächtnis langsam wieder zurück: Sein Name ist Gregory Moore, und er ist ein amerikanischer Journalist, der aktuell in Osteuropa – genauer gesagt, Prag – stationiert ist. Mit seinen Kollegen erforschte er das Verschwinden mehrerer junger Frauen, darunter auch seiner eigenen Freundin Mira, und kam dabei einem mysteriösen Geheimbund auf die Schliche. Doch wie genau konnte man ihn in diesen katatonischen Zustand versetzen? Und was kann er tun, um sich irgendwie bemerkbar zu machen, und die Obduktion – und damit seinen tatsächlichen Tod – zu verhindern?

Review (kann Spoiler enthalten): Szenenbild. "Malastrana" ist definitiv kein klassischer Giallo (was jetzt bitte schön nicht negativ gewertet werden soll). Schon allein das Grundkonzept sticht heraus. Zugegebenermaßen mag Aldo Lados Film nicht der erste gewesen sein, der sich mit dieser Idee auseinandersetzte, das macht den Gedanken, auf einem Obduktionstisch aufzuwachen und – noch voll bei Bewusstsein – für tot gehalten zu werden aber nicht weniger verstörend. Ich werde behaupten, dass das für uns alle eine absolute Horrorvorstellung ist (wie auch, bei einer Operation, trotz Narkose, alles mitzubekommen). Es sorgt zudem in Verbindung mit Gregorys Amnesie für ein extrem cleveres Setup, da wir somit zusammen mit ihm die Ereignisse aufrollen, die zu diesem Punkt geführt haben. Auch das fand ich überaus reizvoll. Ausgehend von dieser Ausgangssitaution entspinnt sich eine Story, die – und das ist wohl der größte Bruch mit dem Giallo-Genre – dann auch ins Übernatürliche abdriftet. Das muss man zugegebenermaßen ebenso akzeptieren können, wie letztendlich auch schon die Grundidee eine Mannes, der zwar keinen Herzschlag hat und nicht atmet, aber dennoch am Leben, und bei Bewusstsein, ist.

Schafft man das, wird man aber mit einem sehr guten und zunehmend packenden Thriller belohnt, der neben dem saucoolen (und erschreckenden) Setup nicht zuletzt auch von seinen doch recht unverbrauchten Setting in Prag profitiert. Die tschechische Hauptstadt (die ich eines Tages unbedingt noch besuchen muss) wird hier von Aldo Lado und seinem Kameramann Giuseppe Ruzzolini in wunderschönen, teils postkartenwürdigen Bildern eingefangen. Aldo Lado inszeniert "Malastrana" generell mit sicherer Hand, und verlegt sich dabei tendenziell eher auf eine sich durch den gesamten Film ziehenden unheimlichen Grundstimmung denn einzelner hervorstechender Spannungsmomente. Eben dabei wird er dann auch vom wundervollen (zugleich gruselig-düsteren wie wunderschönen) Score von (wieder einmal) Ennio Morricone unterstützt. Und dann ist da noch die Besetzung, die u.a. mit Jean Sorel, Mario Adorf, Ingrid Thurin, Barbara Bach (die in diesem SPECiAL nicht zum ersten Mal vertreten ist) sowie, in einer kleinen Gastrolle, Jürgen Drews aufwartet (Jürgen Drews und Ennio Morricone in einem Film, das ist nun wahrlich eine unheilige Allianz!). Aber auch der finstere Geheimbund ist eine ganz andere Art von Gegner, als man es üblicherweise in Giallo-Thrillern zu tun bekommt. Zumal mir auch die dahinterstehende (sozialkritische) Aussage durchaus gefällt; wenn man auch so ehrlich sein muss, dass die Idee dahinter nicht neu ist (ich sage nur Vampire), und die Szene mit dem satanischen Ritual bei mir nicht ganz so verstörend ankam, wie es wohl gedacht war (wobei Aldo Lado hier hoch anzurechnen ist, nackte Körper beider Geschlechter und aller Altersklassen und Attraktivitätsstufen zu präsentieren). Die letzte wesentliche Stärke ist dann der Ausgang des Geschehens – mehr soll an dieser Stelle aber natürlich nicht verraten werden.

Fazit: Szenenbild. Zwar würde ich "Malastrana" jetzt nicht unbedingt zu den allerbesten Giallo-Thrillern zählen, es gibt aber doch einige spannende Elemente, die ihn aus deren Masse hervorstechen lassen, und ihn damit für mich für alle Genre-Interessierten höchst interessant und sehenswert machen. Angefangen bei der beklemmenden Ausgangssituation, die für mich ohnehin seine größte Stärke ist – auch, weil wir in Verbindung mit Gregorys Amnesie so die Geschichte zusammen mit ihm erleben/aufrollen. Über die wunderschönen Aufnahmen von Prag, die düstere Grundstimmung, Ennio Morricones unheimliche Musik, sowie die hochkarätige Besetzung. Bis hin zu den für das Genre höchst ungewöhnlichen Mystery-Elementen (auf die man sich allerdings zugegebenermaßen – wie auch die Grundidee – einlassen können muss). Einzelne Szenen (insbesondere jene mit dem satanistischen Ritual) verfehlten bei mir zwar die gewünschte Wirkung. Und die ganz großen Spannungsmomente sucht man hier auch eher vergeblich. Insgesamt sehe ich in dieser Mischung aus Giallo- und Mystery-Thriller aber definitiv eine Bereicherung fürs Genre.

Wertung: 7 von 10 Punkten
Christian Siegel


Harrys Horror-Hintergründe:
Titel:
Am Anfang stand Regisseur Aldo Lado's Idee zu einem Mysteryfilm, der hinter dem Eisernen Vorhang spielt. Aus dieser Idee entstanden unzählige Drehbuchentwürfe, die zur Finalisierung und Abrundung über die Schreibtische verschiedener Schreiberlinge wanderten – unter anderem über den von Giallo-Legende Ernesto Gastaldi, der (oh Wunder) das Ganze in einen herkömmlichen Giallo mit dem Arbeitstitel "Le notti di Malastrana" (= "Die Nächte von Malastrana") verwandeln wollte. Wer schon einmal in Prag war, sollte Malastrana bzw. Malá Strana (= Kleinseite) kennen: Es ist einer der schönsten Bezirke der tschechischen Hauptstadt – voller großartiger Kirchen und Palais. Das finale Skript wurde von Sergio Bazzini fertiggestellt (der dafür allerdings keinen Credit bekam) und entsprach vollends der Vision des Regisseurs: die Elemente eines Krimis in Verbindung mit Kritik am damaligen tschechoslowakischen politischen System – dazu noch einige "Die Alten/Mächtigen fressen die Jungen/Armen"-Symbolismen, Mystizistisches, Mysteriöses und allerlei anderes, das man in regulären Gialli sonst nicht bekam.

Szenenbild. Nach der Fertigstellung war es Lado's Wunsch, dass der Film "Malastrana" heißen sollte – oder zumindest irgendetwas mit dem Namen des besagten Prager Bezirks. Das war den Produzenten jedoch zu vage und unkommerziell. Da Filme mit langen Titeln damals bekanntlich en vogue waren, bastelte man sich das bizarr-schöne "La corta notte delle farfalle", also "Die kurze Nacht der Schmetterlinge". Laut Lado bezieht sich dies auf eine Schmetterlingsart, die nicht fliegen kann, sondern nur am Boden herumhüpft und deshalb nicht lange zu leben hat. Ich hab gesucht und gesucht, im Netz aber keinen passenden Falter finden können. Der "Große Frostspanner" ist mir untergekommen, bei dem das Weibchen keine Flügel besitzt – aber das kann's ja auch nicht sein. Lado dürfte da vielleicht wirklich etwas verwechselt haben, zumal er im Audiokommentar auch behauptet, dass Schmetterlinge generell nur eine kurze Lebensdauer besitzen – was Unsinn ist. Einige Arten ja, aber es gibt auch unzählige, die bis zu einem Jahr alt oder älter werden und es sogar schaffen, erfolgreich zu überwintern.

Ich hätte den Titel eher so gedeutet, dass es um einen Schmetterling geht, der grundsätzlich nicht lange zu leben hat – zum Beispiel den "Sackspinner" aus der Familie der Psychidae, deren Männchen nach nur einigen wenigen Stunden wieder sterben. Das könnte man dann ja auch metaphorisch auf die kurze Lebensdauer der jungen Frauen übertragen, die vom Altenkult des "Klub 99" absorbiert werden. Nur kurz vor dem Kinostart (Poster und Aushangfotos waren bereits gedruckt) entschieden sich die Produzenten, den Film noch einmal schnell umzubenennen, da man Verwechslungen mit dem kurz zuvor ins Kino gekommenen Giallo "The Bloodstained Butterfly" vermeiden wollte. So hieß der fertige Streifen nun "La corta notte delle bambole di vetro" (= "Die kurze Nacht der Glaspuppen"). Das ergibt zwar nicht viel Sinn und lässt sich nur metaphorisch oder allegorisch erklären (die jungen Frauen wären dann wohl diese gläsernen Puppen; man könnte es aber auch auf den wiederholt eingeblendeten Glasluster beziehen…), aber der Titel blieb hängen und wurde im Englischen quasi 1:1 als "Short Night of Glass Dolls" übernommen.

Szenenbild. In Deutschland war man titeltechnisch zunächst überraschend schlicht: Einfach nur als "Malastrana" kam der Film 1972 in die Kinos – ganz so, wie es sich der Regisseur gewünscht hatte. Zehn Jahre später, 1982, gab es einen (mir ist nicht bekannt, warum) Kino-Re-Release, diesmal unter dem weit reißerischeren Titel "Unter dem Skalpell des Teufels", mit einem Poster, auf dem man riesengroß Mario Adorf sehen kann, obwohl der nur eine Nebenrolle innehat. Auch hier: keine Ahnung. Vielleicht, weil Adorf damals in Deutschland sehr populär war, nachdem er in Riesenerfolgen wie "Die Blechtrommel" (1979) oder Fassbinders "Lola" auftrat? Der "Teufel" könnte sich zudem auf Robert Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam" (1957) beziehen, der ja Adorfs schauspielerischer Durchbruch war. Egal – 1985 gab es eine weitere Wiederaufführung (!!!), diesmal als "Das Todessyndrom" – geiler Titel!

Noch ein bissl was: In den USA kam der Film erstmals in den 80ern heraus, auf VHS, schwerstens gecroppt und ganz simpel "Paralyzed" betitelt. Der holländische VHS-Titel ist wohl der langweiligste von allen: "Short Night", lol. Toller französischer Titel: "Je suis vivant!" (= "Ich lebe") (Christina Stürmer, ick hör dir trapsen…) Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er tatsächlich jemals ganz offiziell als "Catalepsis" erschienen ist; es existiert aber auf jeden Fall ein englischsprachiger, aber nie in die Kinos gekommener Trailer mit exakt diesem Titel.

Fassungen:
International gibt’s grundsätzlich nur eine Fassung. "Paralyzed", die US-VHS-Fassung, unterscheidet sich im Vorspann: Statt einer Fahrt durch Prag bekommt man die Opening Credits nur auf schwarzem Hintergrund zu sehen. Und der finale Freeze-Frame-Schrei von Ingrid Thulin ist auch unter den Tisch gefallen. Das ist aber alles nur halb so schlimm im Vergleich zu Deutschland, wo der Streifen um ganze acht Minuten gekürzt wurde – unter anderem um einige wirklich wichtige Dialogszenen und große Teile der finalen Orgiensequenz. Außerdem hat man in einer Szene, in der man einen Fernseher sieht, der eine tschechische Nachrichtensendung mit Panzern und Soldaten zeigt, ein wenig gebastelt: Statt des tschechischen Sprechers hört man zünftige Marschmusik!

Noch was?
Szenenbild. Ja klar! Ich muss unbedingt Jürgen Drews erwähnen, der hier eine kleine, aber feine Gesangsrolle darbietet. Sein Auftritt hat das deutsche Camera Obscura-Label veranlasst, einen Audiokommentar mit Drews zu erstellen – und der ist tatsächlich nicht schlecht. Da plaudert ein überaus sympathischer, bisweilen leicht wehmütiger Drews über die geile Zeit damals, als er noch am Anfang mehrerer Karrierewege stand und es sich für ihn so anfühlte, als ob alles möglich wäre. Man kann gut raushören, dass er auch gerne Schauspieler geworden wäre, es aber "leider" nur zum Schlagerstar gereicht hat.

Ach ja: Falls jemandem die Grundgeschichte von "Short Night…" bekannt vorkommt – die gab es schon einmal in ähnlicher Form in der Episode "Breakdown" (1955) der legendären TV-Serie "Alfred Hitchcock Presents", mit Joseph Cotten in der Hauptrolle. Es gibt außerdem noch von Stephen King eine Kurzgeschichte, "Autopsy Room Four", mit einer nahezu identen Story, die 2006 auch fürs Fernsehen in der Serie "Nightmares & Dreamscapes" adaptiert wurde.

Fazit:
Ein Superfilm! Ich habe den irgendwann in den 90ern im deutschen Privatfernsehen gesehen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich ihn nicht verstanden habe, dass er mir aber gefallen hat. Grob 30 Jahre später habe ich ihn gottlob verstanden – und ich mag ihn noch immer sehr gern. Das ist so ein Comfort Movie, den ich mir immer wieder gern reinziehe. Lustigerweise bin ich jedes Mal aufs Neue verblüfft, dass nicht Franco Nero, sondern Jean Sorel die Hauptrolle spielt. Kein Witz! Erst gestern wieder angesehen und gleich am Anfang war ich wieder so: "Hä? Wo ist bitte der Nero hin?" lol.
Harry
(Bilder © 1971 Dieter Geissler Filmproduktion)


Weiterführende Links:
Halloween-SPECiAL 2026





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