Mario Bavas Teenie-Slasher-VorlageKategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Donnerstag, 22 Oktober 2026
Originaltitel:
Ecologia del delitto
Produktionsland/jahr:
Italien 1971
Bewertung:
Studio/Verleih:
Nuova Linea Cinematografica
Regie:
Mario Bava
Produzenten:
Giuseppe Zaccariello
Drehbuch:
Mario Bava, Giuseppe Zaccariello & Filippo Ottoni
Filmmusik:
Stelvio Cipriani
Kamera:
Mario Bava
Schnitt:
Carlo Reali
Genre:
Horror/Thriller
Kinostart Deutschland:
Nicht bekannt
Kinostart Italien:
08. September 1971
Laufzeit:
84 Minuten
Altersfreigabe:
FSK ab 18
Mit: Claudine Auger, Luigi Pistilli, Claudio Camaso, Anna Maria Rosati, Chris Avram, Leopoldo Trieste, Laura Betti, Brigitte Skay, Isa Miranda, Paola Montenero, Guido De Carli, Roberto Bonanni, Giovanni Nuvoletti, Renato Cestie, Nicoletta Elmi u.a.
Kurzinhalt:
Nach dem Tod von Gräfin Federica – die Polizei hält es für einen Selbstmord, in Wahrheit war es Mord – entbrennt ein Wettstreit um ihr Grundstück. Gleich mehrere Parteien haben Interesse daran, dieses in die Finger zu bekommen. Vier Jugendliche haben von dieser Auseinandersetzung keine Ahnung. Sie wissen lediglich, dass das Grundstück seit dem Tod der Gräfin leer steht, und schleichen sich auf dieses, um ein ausgelassenes Wochenende am See zu feiern. Eben damit geraten sie jedoch ins Fadenkreuz jener Personen, welche die Liegenschaft an sich reißen wollen – und die vor nichts zurückschrecken, um ihr Ziel zu erreichen…
Review (kann Spoiler enthalten):
Zwar wird "Im Blutrausch des Satans" gemeinhin zumindest dem Dunstkreis des Giallo-Thrillers zugerechnet – wohl auch, weil er mitten in deren Blütezeit veröffentlicht wurde – letztendlich hat Mario Bava hier aber weniger einen typischen Vertreter eben dieses Genres als vielmehr den Prototypen des knapp zehn Jahre später in den USA (dann ausgelöst von John Carpenters "Halloween") große Popularität erlangenden (Teenie-)Slasher abgeliefert (so wie er ein paar Jahre zuvor zuerst mit "The Girl Who Knew Too Much" und dann "Blutige Seide" wiederum die Vorlage für den Giallo-Thriller lieferte), und war damit seiner Zeit wieder einmal voraus (Randnotiz: Sein "Planet der Vampire" gilt wiederum als große Inspirationsquelle für Ridley Scotts "Alien"; insofern kann Bavas Einfluss auf die Filmwelt gar nicht hoch genug eingeschätzt werden). Wobei sich natürlich zweifellos auch einige Giallo-typische Elemente in "Im Blutrausch des Satans" befinden (welche dementsprechend auch seine Zuordnung zu diesem Genre legitimieren). Dies gilt insbesondere für den Whodunit-Aspekt, die nackten Tatsachen, die brutal inszenierten Morde, sowie die überraschende Auflösung am Ende.
Und doch hat er für mich mehr mit den späteren Teenie-Slashern gemein (auch wenn es zugegebenermaßen hier nicht nur diese sind, denen es an den Kragen geht). Gerade auch das Setup rund um eine Gruppe von Teenagern, die an einen See fahren, sich dort vergnügen, und dann nacheinander von einem Mörder auf brutale Art und Weise umgebracht werden (um sie quasi für ihre Ausschweifungen zu bestrafen) ist mit dem dortigen Konzept praktisch ident. Inszenatorisch ist "Im Blutrausch des Satans", wie für Mario Bava typisch, auch wieder überaus fein. Zwar vermisste ich ein bisschen die satten Farben (die vor allem Mitte bis Ende der 60er seine Filme dominierten), davon abgesehen ist seine Regie aber wieder einmal sehr stylisch, und wartet mit einigen wirklich schönen Bildern auf. Zudem versteht er es auch hier wieder, für Spannung zu sorgen. Die Besetzung ist ebenfalls stark, und wartet mit einigen im Giallo-Genre bekannten Gesichtern wie Claudine Auger und Luigi Pistilli auf (die uns dementsprechend beide, teilweise sogar mehrmals, im Zuge dieses SPECiALs bereits untergekommen sind). Die Musik von Stelvio Cipriani weiß ebenfalls zu gefallen, und nimmt vor allem zum Ende hin dann zunehmend Morricone-artige Züge an. Neben Bavas Regie hat es mir aber in erster Linie das Drehbuch (an dem neben ihm noch Giuseppe Zaccariello und Filippo Ottoni mitgewirkt haben) angetan. Dieses ist einfach in der Art und Weise, wie hier der Streit um Gräfin Federicas Anwesen/Grundstück eskaliert, bitterböse. Einzig beim Ende bin ich ein bisschen unschlüssig, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite wunderbar absurd (und zweifellos "verdient"), andererseits hätte aber ein anderer (glücklicherer oder eben böserer – je nachdem, wie man es sehen will) Ausgang des Geschehens schon auch seinen Reiz gehabt. Schwierig!
Fazit:
"Im Blutrausch des Satan" ist ein so brutaler wie wendungsreicher Thriller, der gemeinhin – und in meinen Augen auch völlig zu Recht – als die Initialzündung für den Jahre später wie Unkraut aus dem Boden sprießenden (Teenie-)Slasher gilt. Mario Bava inszeniert den Film mit gewohnt souverän-stylischer Hand, die Besetzung ist durchwegs zumindest in Ordnung bis sehr gut, und auch die Musik weiß zu gefallen. Neben den so abwechslungsreichen wie brutal umgesetzten Morden ist es aber vor allem die Story, die mit den zahlreichen Haken, die sie schlägt, besticht. Das Ende setzt dann schließlich einen zwar eigenwilligen, jedenfalls aber denkwürdigen Schlusspunkt unter einen Film, der neben seinem generellen Unterhaltungswert vor allem aufgrund seines Einflusses auf spätere Werke für alle Film(geschichts-)interessierte zum Pflichtprogramm gehören sollte.
Wertung: 7 von 10 Punkten
Christian Siegel
Harrys Horror-Hintergründe: Titel:
Himmel hilf – wo soll ich beim legendären "Film der 1.000 Titel" bloß anfangen?
Ganz am Anfang stand ein Drehbuch mit dem Titel "Cosi imparano a fare i cattivi" (= "Das wird sie lehren, böse zu sein") – klingt das nicht einfach nur cool? Offensichtlich war dieser Titel aber nicht cool genug, denn die Dreharbeiten begannen dann unter dem etwas kitschigen "La baia d’argento", also "Die Silberbucht". Es gibt zwar keine handfesten Beweise dafür, aber man kann davon ausgehen, dass die Produzenten diesen Titel wählten, um ein bisschen am damals grassierenden Dario-Argento-Hype mitzunaschen. Regisseur Mario Bava fand das allerdings alles andere als gut, weil er keine Lust auf einen kommerziellen Wettkampf hatte, und so wurde der Titel wieder geändert: zuerst für eine frühe Ankündigungs- und Werbekampagne in "Antefatto" (= "Vortat / Vorgeschichte / Hintergrund") und dann für die endgültige Kinoveröffentlichung in "Ecologia del delitto" (= "Ökologie des Verbrechens"). Das klingt zwar interessant, hätte aber wohl eher zu einem schwedischen Sozialdrama gepasst. Kein Wunder, dass der Streifen an den italienischen Kinokassen – inmitten der gigantisch erfolgreichen Giallo-Welle mit all ihren blumigen Titeln – floppte. Beim legendären spanischen Sitges Filmfestival wurde er unter dem noch viel sperrigeren Titel "Antefatto: l’ecologia del delitto" gezeigt.
Um auch ja keinen Verlust zu machen, musste man den Film so schnell wie möglich ins Ausland verkaufen. Der amerikanische Verleiher "Hallmark" schnappte sich die Rechte, und mittels reißerischer Kampagne wurde Bavas Blutkracher als "Carnage" unters Volk gebracht – Riesenerfolg. Bereits Ende des Jahres, 1971, brachte man den Film erneut ins Kino, diesmal als "Twitch of the Death Nerve" (ich zitiere Bava-Fan-Regisseur Joe Dante: "the all-time greatest title") – ein noch viel größerer Erfolg, von dem man noch lange zehrte. Der Film wurde jahrelang (ja, wirklich: jahrelang!) in Autokinos rauf und runtergenudelt, bis die Kopien schon nahe am Verfall waren. Diese wurden dann 1976 von der Verleihfirma "Newport Releasing" aufgekauft und noch einmal in US-Autokinos und Grindhouse-Kinos geschmissen – diesmal als (kein Schmäh!) "Last House on the Left Part 2" bzw. "Last House – Part 2".
Jetzt hätte ich fast vergessen, dass Hallmark den Film zwischendurch auch unter dem Titel "Carnage Erotica" zeigte – ein saublöder Titel (noch blöder: auf dem Poster stand auch noch "A Psycho – 1972 Style" …), der für Hallmark aber Sinn machte. Sie hatten zuvor schon Fernando Di Leos Kinski-Reißer "Slaughter Hotel" erfolgreich unter dem schmissigen Titel "Asylum Erotica" herausgebracht. Und da die Leutchen hinter dieser schwindligen Verleihfirma mit möglichst wenig Aufwand so viel Kohle wie möglich machen wollten, nahm man eben einfach den nächstbesten Film her und haute ihm titeltechnisch schnell ein "Erotica" um die Ohren. Weitere Veröffentlichungen gab es als "Snuff is my Game" und "A Bay of Blood".
Zurück ins Jahr 1972: Da probierte man es in Italien noch einmal, diesmal als "Reazione a catena" (= "Kettenreaktion") – ein völlig unspektakulärer Titel, der wieder kein spektakuläres Einspielergebnis einbrachte. Zur selben Zeit wollte man es in England mit einer ganz besonders schönen Betitelung wissen: kurz und bündig "Bloodbath". Der britischen FSK war das zu harsch; man urteilte daraufhin "keine Freigabe", was zur Folge hatte, dass der Film acht Jahre lang im Giftschrank verstauben musste. Und dann – Anfang der 80er Jahre, als er endlich auf VHS herauskam – wurde das Teil während der irrsinnigen Video-Nasties-Panik vollends beschlagnahmt und verboten. Die Briten kamen erst in den 90er Jahren in den legalen Genuss des Streifens! Aus heutiger Sicht kennt man dieses filmische Gemetzel am besten unter dem Titel "A Bay of Blood" – dank zahlloser VHS- und DVD-Veröffentlichungen, die zumeist diesen griffigen und durchaus sinnvollen Titel verwendeten. Ausnahmen waren diverse Home-Video-Releases in kleinerer Auflage, z. B. "Massacre at Blood Lake" (USA) oder "Bloodbath: Bay of Death" (UK).
Das alles berührte die deutschen Verleiher überhaupt nicht. Flugs mal in die Kiste der Hölle gegriffen, den ollen Beelzebub herausgezogen und – schwupp – schon hieß das Ding "Im Blutrausch des Satans", eine wahnsinnig-sensationelle Betitelung (später auf VHS auch als "Im Blutrausch des Teufels" bekannt). Tja, und jetzt kommt der Punkt, an dem ich vermutlich ewig so weitermachen könnte. Ich bremse mich aber lieber ein und konzentriere mich abschließend auf die folgenden Unsinnigkeiten. Brasilien – wurde dort salopp als "Mansão da Morte" (= "Villa des Todes") ins Kino gebracht. Eine spätere Wiederveröffentlichung hieß dann aber tatsächlich "O Sexo na Sua Forma Mais Violenta" (= "Sex in seiner gewalttätigsten Form"). Ja, richtig gelesen. Last but not least: Griechenland. Dort gab es mehrere Releases, allesamt mehr als einfallsreich, z. B. "Kravgí trómou" (= "Schrei des Entsetzens"), "O kríkos ton enklimáton" (= "Der Ring der Verbrecher"), "To spíti me ta alysidotá enklímat" (= "Das Haus der Serienmorde") oder "Sfagí sto akrogiáli tis idoní" (= "Massaker am Ufer der Lust"). Na bumm.
Fassungen:
"A Bay of Blood" nimmt im italienischen Film eine Sonderstellung ein, da er einer der ganz, ganz wenigen Streifen ist, die an Ort und Stelle zum Teil in zwei verschiedenen Sprachen gedreht wurden: Italienisch und Englisch. Was in Amerika in den 1930er Jahren eine Zeit lang gang und gäbe war (z. B. "Dracula" (1931): tagsüber wurde der Film auf Englisch gedreht, nachts noch einmal auf Spanisch) oder was Werner Herzog ein paar Jahre später bei "Nosferatu" (1979) ganz selbstverständlich vollzog (eine Szene auf Deutsch – Cut – dann dieselbe Szene noch einmal auf Englisch), war in Italien so nicht vorgesehen. Dort hatte sich damals das Drehen ohne Ton durchgesetzt, was schnelleres Arbeiten erlaubte, da man keine Rücksicht auf Sprache, Aussprache etc. nehmen musste. Den fertigen Film synchronisierte man dann für die unterschiedlichen Märkte jeweils separat. So gesehen war Bava, der ja generell als seiner Zeit voraus galt/gilt, auch hier wieder einmal ein absolutes Unikum.
Die beiden Fassungen unterscheiden sich jeweils in einigen Szenen, die im Italienischen ein wenig länger sind (mal wird mehr getanzt, mal mehr geschwommen...), sowie in diversen Dialogen, in denen entweder etwas mehr geredet, etwas anderes gesagt oder gar nicht gesprochen wird. Auch gibt’s ein paarmal alternatives Bildmaterial, stärkere Zooms oder unterschiedliche Schnitte. Einen Unterschied gibt es auch zwischen der "Ecologia del delitto"-Fassung und der "Reazione a catena"-Fassung. Keine allzu gravierenden, aber: Was bei der einen ein Ende mit einem kurzen Schwarzbild und einem Charakter, der einen Satz sagt, ist, ist bei der anderen ein Ende ohne Schwarzbild und einem Charakter, der zwei Sätze sagt.
In Sachen Schnitte ist die UK-Veröffentlichung zu erwähnen. Wie oben erwähnt, war der Film quasi gute 20 Jahre auf dem britischen Index. Okay, es gab Anfang der 80er Jahre eine ungeschnittene VHS vom legendären Hokushin-Label, die dann aber als Video Nasty gebrandmarkt und beschlagnahmt wurde. In den 90ern kam er dann endlich wieder regulär auf DVD und VHS heraus – aber um ca. eine Minute gekürzt, allesamt Gewaltschnitte. In Deutschland war er in den 80ern einige Zeit lang bei verschiedenen Veröffentlichungen (vom ebenso legendären Mike-Hunter-Label) immer uncut verfügbar – bis er dann 1987 für mehr als 35 Jahre beschlagnahmt wurde …
Noch was?
Sollte eigentlich weithin bekannt sein; ich erwähne es aber trotzdem noch einmal gerne: "A Bay of Blood" ist quasi der Urgroßvater aller Slasher-Filme. Wer jetzt denkt: "Jaja, das kann man doch von vielen anderen Filmen auch behaupten", der mag bis zu einem gewissen Punkt recht haben. ABER: Während ja quasi jeder Giallo irgendwie eine Art Slasher ist, ist "A Bay of Blood" ganz besonders eine Art Ursprung. Er bot sich als ideale Blaupause für die "Freitag der 13."-Reihe an – also explizit das Konzept von 13 Menschen, die im Verlauf des Films ermordet werden –, dazu die überaus harsche, blutige Darstellung der Gewalt und natürlich der klassische Movie-Trope von unanständigen Teenagern, die mordtechnisch für vorehelichen Sex bestraft werden. Einzelne Morde wurden auch schamlos kopiert oder in ähnlicher Weise nachgestellt. Die großartige Machete-ins-Gesicht-Szene war ganz offensichtlich Vorbild für den Axt-ins-Gesicht-Mord an Jeannine Taylor in "Freitag der 13.", den Machete-ins-Gesicht-Mord am Rollstuhlfahrer in "Freitag der 13. Teil 2" sowie den Machete-ins-Gesicht-Mord an Crispin Glover in "Freitag der 13. Teil 4 – Das letzte Kapitel". Noch dreister: Die herrliche Szene, in der ein kopulierendes Pärchen mittels Speer durch beide Körper erledigt wird, wurde nahezu 1:1 in "Freitag der 13. Teil 2" imitiert.
Fazit:
Auch wenn ich in Sachen Bava eher seine stylischeren Filme bevorzuge, ist das trotzdem ein ziemlicher Heidenspaß und eine willkommene, recht einzigartige Abwechslung in seinem Schaffenswerk. Jeder Charakter ist entweder ein garstiger Ungustl oder ein Volltrottel, jede Tötung ein brutales Freudenfest – aber insgesamt NICHT geschmacklos: schön stimmig und atmosphärisch inszeniert und mit einem faszinierenden Score unterlegt. Und das Ende? Da greife ich noch einmal auf Joe Dante zurück, der es mit "the best ending since CITIZEN KANE" schön auf den Punkt brachte. Joe, recht hast du!