Mit: Luigi Pistilli, Anita Strindberg, Edwige Fenech, Ivan Rassimov, Angela La Vorgna, Enrica Bonaccorti, Daniela Giordano, Ermelinda De Felice, Marco Mariani u.a.
Kurzinhalt:
Oliviero Rouvigny und seine Frau Irina führen eine alles andere als glückliche Ehe. Etwas, dass auch für die Besucher jener ausschweifenden Partys, die der Autor immer wieder bei sich abhält, offensichtlich ist. Eines Tages gerät Oliviero dann unter Mordverdacht, als jene Frau, mit der er eine Affäre hatte, ermordet aufgefunden wird. Irina bestätigt sein – falsches – Alibi. Kurz darauf wird ihre Haushälterin Brenda in ihrer eigenen Villa ermordet. Panisch schlägt Oliviero vor, die Leiche hinter einer Wand im Keller zu verstecken, und diese wieder zuzumauern. Kurz darauf holt man seine Nichte Floriana vom Bahnhof ab, die ein paar Tage bei ihnen verbringen wird. Deren ungestüme, verführerische Art bringt das ohnehin schon zerrüttete Eheleben noch einmal zusätzlich durcheinander. Und dann wird Irina auch noch von Satan, dem Kater, der Olivieros verstorbener Mutter gehörte, terrorisiert. Als sie diesen eines Abends – nachdem er ihre geliebten Tauben angegriffen hat – malträtiert, setzt dies eine Kette von blutigen Ereignissen in Gang…
Review (kann Spoiler enthalten):
Besetzungstechnisch wirkt "Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key" wie eine Fusion aus "Der Killer von Wien" und "Der Schwanz des Skorpions". Von ersterem übernimmt Sergio Martino die göttliche Edwige Fenech (hier so magnetisch wie immer) sowie Ivan Rassimov (der dort ihren perversen Ex-Liebhaber Jean spielte), und aus letzterem die schwedische Giallo-Ikone Anita Strindberg (die, so sehr ich Edwige auch vergöttere, hier sicherlich die beste – da wunderbar entfesselte – Performance abliefert), sowie Luigi Pistilli, der hier nun in die Rolle des arschlochigen Ehemanns schlüpft (und in dieser ebenfalls brilliert). Diese Kombination allein hat es schon in sich, und wertet den Film definitiv auf. Überaus interessant fand ich zudem die Anleihen an Edgar Allen Poes "Die schwarze Katze" (teilweise auch mit "Der schwarze Kater" betitelt), eine Geschichte über düstere Bedürfnisse und plagende Schuldgefühle, von der man nicht nur eben diese Thematiken, sondern auch einzelne Momente (wie das mit dem Auge) und insbesondere den abschließenden Clou übernommen hat.
Das Endergebnis ist ein doch eher untypischer Giallo, an dem mir vor allem gefiel, wie intensiv er sich mit der Psychologie hinter seinen Figuren – und der Figurenkonstellation – auseinandersetzt. Der Fall ist zudem extrem verschachtelt, mit mehreren zwielichtigen, undurchschaubaren Charakteren (und unterschiedlichen, teils auch konträren, Absichten), die hier aufeinandertreffen. Auch daraus bezieht "Your Vice…" zweifellos viel Reiz. Der Film ist darüber hinaus von Sergio Martino wieder überaus stil- und stimmungsvoll inszeniert. Auch die Musik, wie schon bei "Der Schwanz des Skorpions" wieder aus der Feder von Bruno Nicolai, hatte es mir ebenfalls angetan. Und dann sind da eben noch die, zuvor ja bereits lobend erwähnten, schauspielerischen Leistungen. Und doch, ganz auf dem Niveau seiner zuvor genannten Werke sehe ich "Your Vice…" nicht. So tat ich mir nicht zuletzt mit dem ziemlich seltsamen Einstieg rund um die Party, wo die dann auf einmal zu singen anfangen, doch ein bisschen schwer. Danach kam ich zwar zunehmend in die Story und den Film rein, ähnlich spannend wie insbesondere "Der Killer von Wien" fand ich ihn aber leider nie. Zum Teil liegt dies sicherlich auch daran, dass es einem "Your Vice…" deutlich schwerer macht, einen Sympathieträger zu finden, und damit eben auch eine Identifikationsfigur, mit der man mitfiebern kann. Die Romanze zwischen Floriana und dem Motocrossfahrer Dario wirkte auf mich zudem doch eher wie ein Fremdkörper. Und nicht zuletzt werden so manche Twists aus seinen früheren Gialli recycelt, und wirken daher hier nicht mehr ganz so frisch. Trotzdem ist "Your Vice…", gerade auch, weil es eben kein typischer 08/15-Giallo ist, definitiv sehenswert – und es dementsprechend schade, dass es bislang keine Auswertung im deutschsprachigen Raum gibt.
Fazit:
Ganz wird "Your Vice is a Locked Room and Only I Have the Key" seinem grandiosen, poetischen Titel in meinen Augen zwar leider nicht gerecht, dennoch fand ich ihn doch ziemlich interessant und gelungen. Ich mochte vor allem die starke psychologische Komponente, die hier zum Tragen kommt. Die Figuren sind wunderbar vielschichtig, und teilweise auch undurchsichtig. Der Plot ist ziemlich komplex, und wartet mit einigen überraschenden (wenn auch vereinzelt aus Martinos früheren Werke bekannten) Twists auf. Und neben Martinos stilvoller Inszenierung stechen nicht zuletzt noch die Besetzung sowie die starken schauspielerischen Leistungen positiv hervor. Mangels einer Identifikationsfigur war ich hier aber nicht so sehr im Geschehen drin wie insbesondere bei "Der Killer von Wien", und fand ich den Film daher auch nicht ganz so spannend. Der ziemlich schräge Auftakt rund um die Party hat mir zudem den Einstieg unnötig erschwert. Und alles rund um Dario konnte mit der faszinierenden Dynamik zwischen den restlichen Figuren bei weitem nicht mithalten. Nicht zuletzt der gefällige – der Vorlage von Edgar Allen Poe entnommene – Ausgang des Geschehens sorgte dann aber dafür, dass mich "Your Vice" durchaus zufrieden in den Abspann entließ.
Wertung: 6 von 10 Punkten
Christian Siegel
Harrys Horror-Hintergründe: Titel:
Hach, was für ein Titel! "Dein Laster ist ein verschlossenes Zimmer und nur ich habe den Schlüssel dazu". Ich lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte, dass das der schönste Giallo-Titel aller Zeiten ist. So schön, dass er – als ich in den 00er-Jahren langsam das italienische Kino erforschte – einer der ersten Gialli war, die ich sichtete, und das wirklich nur wegen des Titels. Denn ich dachte, dass ein Film mit so einem Titel wahrscheinlich der Geilste überhaupt sein muss und malte mir in meinem Kopfkino einen absoluten Psychowahnsinn aus. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße: Der Film hat mit dem Titel wenig bis gar nichts zu tun, sondern ist eher eine Mischung aus herkömmlichem Giallo, klassischem Gothic und Edgar Allan Poe's Kurzgeschichte "The Black Cat" – eine Kurzgeschichte, die später noch von Lucio Fulci ("The Black Cat", 1981) und Dario Argento ("Two Evil Eyes", 1990) filmisch adaptiert wurde. Erst viele Jahre später konnte ich den Film richtig schätzen – besonders, weil er sich von Regisseur Sergio Martinos anderen Gialli stark abhebt und eher in Richtung der Proto-Gialli von Umberto Lenzi geht (z. B. "Paranoia", "So Sweet… So Perverse" etc.).
Den Titel selbst hat Martino ausgerechnet aus seinem vorherigen Giallo "The Strange Vice of Mrs. Wardh" gefladert. Dort erhält die großartige Edwige Fenech im Laufe des Films mehrere Kärtchen mit mehr oder weniger bedrohlichem Inhalt. Auf einem davon steht: "Now I know you're trying to get away from me… but your vice is a locked room from the inside and only I have the key…". Recycling erster Güte!
Im deutschsprachigen Raum ist der Streifen tatsächlich bisher nie offiziell erschienen. International gab’s einige Wiederaufführungen unter den eher mittelmäßigen englischen Titeln "Gently Before She Dies", "Eye of the Black Cat" oder – ganz besonders öde – "Excite Me". Weit einfallsreicher ging’s in Brasilien zu, wo er als "No Quarto Escuro de Satã" (= "In Satans dunklem Zimmer")* herauskam. Ganz besonders einfallslos ist der Titel in Hongkong: Da hieß er einfach nur "Irene". Wow.
*Okay, die Katze im Film heißt Satan – aber trotzdem: sehr abenteuerlicher Titel!
Fassungen:
Weitergehen! Hier gibt’s nichts zu sehen! Tatsächlich existieren keine alternativen oder geschnittenen Fassungen. Es gibt den Film mit englischsprachigen und italienischsprachigen Credits. Sonst fällt mir nix dazu ein.
Noch was?
Ja! In Sergio Martinos 1975er Poliziesco-Giallo-Melange "The Suspicious Death of a Minor" kommen wir während einer Actionsequenz in einem Kino vorbei, in dessen Auslage das Poster von "Your Vice…" hängt – und im Saal läuft dann tatsächlich auch genau dieser Film. Somit könnte man "The Strange Vice of Mrs. Wardh", "Your Vice…" und "The Suspicious…" zusammenfassend quasi als eine sehr, seeeeeeehr lose Trilogie sehen. ;)
Fazit:
Ein guter Film: nicht unbedingt temporeich und bisweilen überraschend komplex, aber inszenatorisch großartig und voller fantastischer Performances – allen voran das sensationelle Haupttrio Luigi Pistilli, Edwige Fenech und Anita Ekberg, die sich gegenseitig an die Wand spielen. Als Einstieg in das Giallo-Genre ist er wohl eher nicht zu empfehlen; dafür sollte man schon ein fortgeschrittener Fan sein. ;)