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Tenebre - Der kalte Hauch des Todes Drucken E-Mail
Dario Argentos später Giallo-Nachschlag Kategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Freitag, 16 Oktober 2026
 
Halloween-SPECiAL

 
Tenebre
Originaltitel: Tenebre
Produktionsland/jahr: Italien 1982
Bewertung:
Studio/Verleih: Sigma Cinematografica Roma
Regie: Dario Argento
Produzenten: Claudio Argento & Salvatore Argento
Drehbuch: Dario Argento
Filmmusik: Massimo Morante, Fabio Pignatelli & Claudio Simonetti
Kamera: Luciano Tovoli
Schnitt: Franco Fraticelli
Genre: Horror/Thriller
Kinostart Deutschland: 12. Oktober 1984
Kinostart Italien: 28. Oktober 1982
Laufzeit: 101 Minuten
Altersfreigabe: FSK ab 16
Mit: Anthony Franciosa, Guiliano Gemma, Christian Borromeo, Mirella D'Angelo, Veronica Lario, Ania Pieroni, Eva Robins, Carola Stagnaro, John Steiner, Lara Wendel, John Saxon, Daria Nicolodi u.a.


Kurzinhalt: Der amerikanische Autor Peter Neil kommt nach Rom, um seinen jüngsten Thriller Tenebrae zu bewerben. Noch vor seiner Ankunft wird eine junge Frau auf eine Art und Weise ermordet, die dem ersten Mord in seinem neuen Buch entspricht. Als sich dieses Muster noch bei weiteren Mordfällen fortsetzt, wird deutlich, dass jemand von Peters Werk besessen ist, und die dort geschilderten finsteren Gelüste auslebt – was einige zum Anlass nehmen, um ihre Kritik an seinen Romanen zu erneuern. Peter ist zwar erschüttert über die Mordserie, und bietet dem leitenden Ermittler Captain Germani seine Hilfe an, sieht sich aber in keiner Weise für die Taten eines offenkundig psychopathischen Killers verantwortlich. Eher durch Zufall stößt die Polizei schließlich auf eine heiße Spur, doch bevor sie den Verdächtigen festnehmen können, wird dieser selbst von einem unbekannten Täter ermordet. Kurz atmet man auf, in der Hoffnung, dass der Horror nun vorbei wäre. Doch das Morden geht weiter…

Review (kann Spoiler enthalten): Szenenbild. Mehr als zehn Jahre nach der Blütezeit des italienischen Giallo-Thrillers legte Dario Argento dieses Spätwerk nach, welches für manche sowohl zu seinen besten Werken als auch den Höhepunkten des Genres zählt. Ganz kann ich da leider nicht mit, und bevor wir zu den positiven Aspekten kommen, möchte ich kurz ausführen, wieso. Zuerst einmal vermisse ich bei "Tenebre" jenen bestechenden visuellen Stil, den Argentos frühere Gialli (und insbesondere natürlich sein Meisterwerk "Suspiria") geprägt haben. "Tenebre" sieht leider, abseits ein paar netter Kameraeinstellungen und -fahrten, ziemlich mau aus. Abseits einzelner diesbezüglich positiv hervorstechender Momente, auf die ich gleich noch eingehen werde, hält sich auch die Spannung eher in Grenzen. Es gibt auch – man möchte fast sagen, typischerweise – ein paar Momente, wo man sich über das Verhalten der Charaktere zumindest wundert, wenn nicht gar verzweifelt. Und trotz der eigentlich eh sehr ökonomischen hundert Minuten fand ich ihn letztendlich doch eine Spur zu lang, wobei man aus meiner Sicht vor allem bei den Flashbacks gut ein bisschen was an Laufzeit hätte einsparen können.

Dennoch gebe ich unumwunden zu, dass es auch viele positive bis herausragende Elemente gibt. Interessant fand ich zum Beispiel, wie Dario Argento hier innerhalb des Films den Sexismus-Vorwurf mancher an seinem eigenen Werk wenn schon nicht wirklich thematisiert so doch zumindest anspricht. Die Besetzung wartet mit einigen (Genre-)bekannten und generell gern gesehenen Gesichtern wie John Saxon, Daria Nicolodi und Guiliano Gemma auf; und auch Anthony Franciosa in der Hauptrolle kann durchaus überzeugen. Auch wenn ich den Film von den Bildern bzw. der Farbgebung her eher mau fand, aber kameratechnisch gehen hier schon einige ziemlich coole Dinge ab, wie z.B. die Kamerafahrt außen am Haus vorbei vor dem zweiten Mord, die nicht nur generell lässig gemacht ist, sondern während der sich auch eine ordentliche Spannung aufbaut. Apropos Spannung: Die diesbezüglich herausragendste Szene ist zweifellos die Verfolgung des jungen Mädchens durch den Hund. Zumindest in diesem Moment blitzt Argentos inszenatorisches Talent noch einmal so richtig auf. Das war von Anfang bis Ende phänomenal, und ungemein packend. Und auch die Morde sind hier ziemlich cool (wenn man das so nennen kann) – und blutig – umgesetzt. Als letzte Stärke muss ich dann die Auflösung rund um den Mörder hervorheben; mehr sei aber an dieser Stelle nicht verraten (wer den Film kennt, weiß sicher, was bzw. wie ich das meine). Jedenfalls fand ich das sehr nett ausgeklügelt. Und doch, und doch… so richtig packen, geschweige denn begeistern, wollte und will mich "Tenebre" leider immer nur sehr auszugsweise. Ein gelungener – später – Genre-Nachschlag ist er aber zweifellos.

Fazit: Szenenbild. In meinen Augen gelingt es Dario Argento bei "Tenebre" leider nur auszugsweise, an seine großen (Meister-)werke davor ("Rosso – Die Farbe des Todes", "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe", sowie insbesondere natürlich "Suspiria") anzuknüpfen. Spannungstechnisch sticht in erster Linie die Szene im Mittelteil hervor, wo das junge Mädchen von einem Hund verfolgt wird. Diese ganze Sequenz war tatsächlich meisterlich inszeniert, und ungemein packend. Auch die eine oder andere Kamerafahrt sticht positiv hervor. Und die Auflösung am Ende hatte es mir ebenfalls enorm angetan. Visuell vermisste ich hier aber Argentos früheren Stil, insbesondere im Hinblick auf die knallbunten Farben. "Tenebre" sieht doch vergleichsweise fad aus. Abseits der erwähnten positiven Ausnahmen vermisste ich auch überwiegend Spannung. Und ein bisschen zu lang – und schleppend erzählt – fand ich den Film leider auch. Ganz ehrlich, da ziehe ich letztendlich den strunzdummen, aber dafür saugeil inszenierten "Opera" gegenüber "Tenebre" vor, auch wenn kein Zweifel daran bestehen kann, dass letzterer der deutlich intelligentere Film ist.

Wertung: 7 von 10 Punkten
Christian Siegel


Harrys Horror-Hintergründe:
Titel:
Offensichtlich bin ich wieder mal der Einzige, der sich viel zu viele Gedanken macht. Aber es hat mich schon immer gewurmt, warum es den Film sowohl als TENEBRE (italienisch für "Dunkelheit") als auch als TENEBRAE (lateinisch für "Dunkelheit") gibt. Wenn man im Netz ein bisschen herumsucht, merkt man recht schnell, dass das ansonsten jedem ziemlich egal ist – und dass es dazu keine wirkliche Erklärung gibt. Klar, das Buch im Film heißt TENEBRAE, aber in Italien heißt der Film ja trotzdem TENEBRE. War da eventuell ein englischsprachiger Distributor aufmerksam genug und hat sich gedacht "Wenn das Buch im Film so heißt, dann heißt der Film auch so. Basta.". Vielleicht hat sich aber auch irgendwer mit der Aussprache beschäftigt? Hierzulande wurde er ja als TENEBRE ausgewertet, und ich erinnere mich noch an die Videotheken-Zeiten (frühe 90er), als ihn jeder mit Betonung auf der zweiten Silbe ausgesprochen hat, also Te-NE-bre – obwohl es eigentlich TE-ne-bre sein soll. Tja, mit dem lateinischen Titel erübrigen sich solche Missverständnisse. Tenebrae ist ein mehrsilbiges Wort mit einer kurzen vorletzten Silbe, gefolgt von einem -ae, und solche Wörter werden immer auf der drittletzten Silbe betont.

Szenenbild. Ach, hätte Argento doch einfach den ursprünglichen Arbeitstitel "Sotto gli occhi dell’assassino" (= "Unter den Augen des Mörders") beibehalten – dann wäre es bei mir nie zu solchen abstrakten Gedankenspielereien gekommen und ich müsste jetzt nicht den Lateinlehrer spielen ;-). Im Deutschen hat man übrigens als Untertitel noch "Der kalte Hauch des Todes" hinzugefügt, was zugegebenermaßen schon sehr schön klingt. Wobei der Untertitel des deutschen Trailers noch um einiges knalliger ist: "Ein Film wie ein Axthieb" – na holla! Nennenswerte internationale Titel-Alternativen: "Shadow" (Japan), "Pelkoa ei voi paeta" (= "Man kann der Angst nicht entfliehen", Finnland) & "Le plaisir de la peur" (= "Die Lust an der Angst", VHS in Kanada).

Fassungen:
In den USA kam der Streifen erst 1984 ins Kino – in einer stark gestrafften Version, von Dialogen bis hin zu Gewaltszenen wurde geschnitten. Dafür aber mit dem Kim-Wilde-Song "Take Me Tonight" über den End Credits, anstatt mit Simonettis Musik. Man darf mich ruhig Frevler nennen, aber ich finde, dass beide sehr gut passen; Wildes Song passt vielleicht sogar noch besser – einfach, weil es so unglaublich ungewöhnlich ist, jemanden von diesem Format in einem italienischen Genrefilm zu hören. International wurde "Tenebrae" in vielen Ländern nur gekürzt veröffentlicht bzw. indiziert (in Deutschland von 1987 bis 2022) oder in Großbritannien gleich mal verboten und zu einem Video Nasty verdammt. Entsprechend viele verschiedene Fassungen in unterschiedlichen Längen existieren – doch alle haben eines gemeinsam: Sie sind allesamt zu vermeiden. Nur uncut ist uncut. Ach ja: einen Unterschied zwischen italienischer und englischsprachiger Fassung gibt es noch. Nicht nur Vorspann und Abspann unterscheiden sich sprachlich, sondern sämtliche Nahaufnahmen von Zeitungsartikeln, Buchseiten, Briefen etc. wurden sowohl mit italienischer als auch mit englischer Schrift gedreht (was übrigens Anfang der 00er Jahre bei Argento recht gängig war und in Filmen wie "Sleepless" oder "The Card Player" auch so vorkommt).

Noch was?
Ich könnte mich jetzt seitenweise austoben – so viel gäbe es über diesen Sensationsfilm zu schreiben –, aber ich versuche, mich kurz zu halten:

Szenenbild. .) Der Audiokommentar von Thomas Rostock ist mehr als wärmstens zu empfehlen; er bietet in vielerlei Hinsicht ganz neue Perspektiven, besonders in Bezug auf das Thema der Dopplung im Film, das so omnipräsent ist, dass es beinahe zum Ausflippen ist. Auch hinsichtlich der Teilung in "1. Hälfte: Mörder #1 / 2. Hälfte: Mörder #2" hat's mir ein wenig die Schuhe ausgezogen.

.) Man kann von Dario's Erklärung, dass der Film ein wenig science-fiction-artig gedacht sei – also ein paar Jahre in der Zukunft spiele, in einer Zukunft nach einer Katastrophe, an die sich niemand erinnern will oder kann, die aber dazu führte, dass die Welt jetzt aus weniger, aber reicheren Menschen bestehe … ähm, halten, was man will. Ich finde das Konzept faszinierend; es lässt "Tenebre" in einem ganz anderen Licht erscheinen.

.) Dario hat seine Liebe zu Regisseur Michelangelo Antonioni immer wieder betont. Filmisch hat sie sich wohl in "Tenebre" am stärksten ausgedrückt. Daher mein Tipp für ein Double Feature der anderen Art: erst Antonionis "Identification of a Woman" und dann "Tenebre" anschauen – und sich bei letzterem vorstellen, dies sei Antonionis einziger Giallo. Viel Spaß!

Fazit:
Kommt mir nicht mit "Suspiria". Oder "Deep Red". Oder "Phenomena". Ich liebe sie alle. Aber "Tenebrae" ist trotzdem die absolute Überspeerspitze in Argento's Schaffen. Keine Diskussion.
Harry
(Bilder © 1982 Sigma Cinematografica Roma)


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