HOME PROJEKTE LINKS CHAT JOBS DATENSCHUTZ ARCHIV
Startseite arrow Filme von A-Z arrow Blutige Seide
Blutige Seide Drucken E-Mail
Mario Bavas visuell bestechende Mörderhatz Kategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Montag, 12 Oktober 2026
 
Halloween-SPECiAL

 
Blutige Seide
Originaltitel: 6 donne per l'assassino
Produktionsland/jahr: Italien 1964
Bewertung:
Studio/Verleih: Emmepi Cinematografica/Monachia Film
Regie: Mario Bava
Produzenten: U.a. Alfredo Mirabile & Massimo Patrizi
Drehbuch: Marcello Fondato
Filmmusik: Carlo Rustichelli
Kamera: Ubaldo Terzano
Schnitt: Mario Serandrei
Genre: Horror/Thriller
Kinostart Deutschland: 27. November 1964
Kinostart Italien: 10. April 1964
Laufzeit: 88 Minuten
Altersfreigabe: FSK ab 16
Mit: Cameron Mitchell, Eva Bartok, Thomas Reiner, Arianna Gorini, Dante DiPaolo, Mary Arden, Franco Ressel, Claude Dantes, Luciano Pigozzi, Lea Lander u.a.


Kurzinhalt: Isabelle ist eines von mehreren Models, die für das Modehaus von Gräfin Christina Como arbeiten. Eines Nachts lauert ihr auf dem Weg nach Hause ein maskierter Killer auf, und erwürgt sie mit einem Strumpf. Am Tag darauf stattet Inspektor Silvestri dem Modehaus einen Besuch ab, informiert die Anwesenden über den Mordfall, und beginnt seine Ermittlungen. Als sich die Models kurz darauf austauschen, kommen sie auch auf Isabelles ominöses Tagebuch zu sprechen. Ob dieses vielleicht Hinweise darauf enthalten könnte, wer der Killer ist? Doch bevor sie nachsehen können, ist das Buch von einem Moment auf den nächsten spurlos verschwunden. An diesem ist nicht nur die Polizei interessiert – sondern vor allem auch der Mörder selbst. Und so stattet er auf der Suche nach dem Tagebuch einem Model nach dem anderen einen Besuch ab – mit tödlichen Folgen…

Review (kann Spoiler enthalten): Szenenbild. Ein Jahr, nachdem er mit "The Girl Who Knew Too Much" die Vorlage für den späteren Giallo-Thriller lieferte, legte Mario Bava mit "Blutige Seide" nochmal eins drauf – und das diesmal in Farbe. Ganz so satt wie in einigen seiner späteren Filme (oder auch seinen diesbezüglichen Nachahmern, allen voran natürlich Dario Argento) leuchten diese hier zwar noch nicht von der Kinoleinwand (oder dem Fernseher), dennoch ist "Blutige Seide" in visueller Hinsicht von der ersten Sekunde an eine Wucht. Die Introsequenz ist ungemein stylisch inszeniert, und spielt auch gleich wunderbar mit Farben. In weiterer Folge hatten es mir dann nicht zuletzt die Nacht- und/oder Mordszenen angetan, insbesondere gleich der erste an Isabelle, wo Bava die nächtliche Stimmung phänomenal einfängt, und so (wie zuvor bei "The Girl Who Knew Too Much") eine unheimliche Spannung erzeugt. Aber auch von den Kameraeinstellungen her ist "Blutige Seide" immer wieder mal ein Augenschmaus. Und insbesondere die Mordsequenzen sind famos inszeniert – wobei von diesen nicht zuletzt auch der nobel gekleidete Killer in Erinnerung bleibt.

Inhaltlich sieht es allerdings ein bisschen durchwachsener aus. Grundsätzlich mochte ich ja das Setup, und bezieht "Blutige Seide" rund um das verschwundene Tagebuch einiges an Spannung. Der Fall ist soweit auch ganz nett aufgebaut. Und die Auflösung der Identität des Killers konnte mir dann ebenfalls durchaus gefallen. Tatsächlich würde ich sogar sagen, dass der Film, nach dem noch packenden Einstieg, erst ab da nochmal so richtig aufdreht. Und den Ausgang des Geschehens fand ich auch sehr fein. Zwischen dem famosen Auftakt und dem coolen Ende entwickelt sich die Story aber leider doch ein bisschen schleppend. Mein Hauptproblem ist wohl, dass ich im Gegensatz zu "The Girl Who Knew Too Much", wo es Bava gelang, mich sofort zu Nora Davis halten zu lassen, diesmal irgendwie zu keiner Figur eine Bindung aufbauen konnte – und damit auch niemanden hatte, zu dem ich halten bzw. mit dem ich mitfiebern konnte. Bis auf wenige Ausnahmen (und die eignen eben wiederum nicht wirklich als Sympathieträger) bleiben die Charaktere doch eher blass. Da und dort wundert man sich auch über deren Verhalten, wie z.B., wenn eine Leiche im Kofferraum eines Autos gefunden wird, und diese – statt die Polizei zu verständigen – ins Haus geschleppt und dort versteckt wird. Aber auch, wie die Männer nach dem Verhör gleich wieder ihre Krawatten anlegen, so als wäre das in diesem Moment das Wichtigste auf der Welt, fand ich amüsant (was durchaus auch die Absicht dahinter gewesen sein mag). Und insgesamt würde ich "Blutige Seide", trotz der durchaus schockierend umgesetzten Morde, doch eher als Krimi denn (Giallo-)Thriller einstufen. Als solcher macht er zwar einen durchaus soliden Eindruck; und mit seinem Einfluss auf das spätere Giallo-Kino ist er für jeden, der sich für den italienischen Film interessiert ein absolutes Muss. Ich persönlich würde ihn aber jetzt nicht unbedingt zu Bavas besten Werken zählen.

Fazit: Szenenbild. In inszenatorischer Hinsicht liefert Mario Bava bei "Blutige Seide" wieder mal eine absolute Meisterleistung ab. Die Farben, die Nachtaufnahmen, die Mordsequenzen, so manche Kameraeinstellungen… es gab hier unzählige Bilder, die mich zum Schwärmen brachten. Im direkten Vergleich zu Bavas vorangegangenem Thriller "The Girl Who Knew Too Much" gelang es ihm aber leider nur bedingt, mich so richtig mitzureißen. Nicht, weil die Story langweilig und/oder der Fall nicht nett ausgeklügelt gewesen wäre. Aber im Gegensatz zum zuvor genannten fehlte mir hier eine Identifikationsfigur, mit der ich mitfiebern und -fühlen konnte. Sieht man davon ab, erweist sich "Blutige Seide" nicht nur im Hinblick auf die Inszenierung, sondern auch die Kostüme, die Sets und die Ausstattung als ungemein stylischer Thriller, der definitiv zu den wichtigsten Meilensteinen auf dem Weg zum den Anfang der 70er in Italien dominierenden Giallo-Kino gehört, und schon allein deshalb Pflichtprogramm für alle Filmliebhaber sein sollte.

Wertung: 6 von 10 Punkten
Christian Siegel


Harrys Horror-Hintergründe:
Titel:
"Blood and Black Lace" – hach, das ist schon ein sehr schöner Titel. Ich hab mich immer schon gefragt, ob der US-Verleih damit eventuell einen Bezug zu "Arsenic and Old Lace" (bei uns als "Arsen und Spitzenhäubchen" bekannt) herstellen bzw. den Film einer bestimmten, reifereren Zielgruppe anpreisen wollte. Trotz diverser Recherchen konnte ich dazu nichts finden. Ich hab dann auch noch Filmhistoriker Troy Howarth gefragt. Er würde es zumindest nicht ausschließen und vermutet darüber hinaus, dass der Titel, wenn der Verleih hier exploitativer gehandelt hätte, wahrscheinlich eher in eine anrüchigere Richtung gegangen wäre, etwa zu "Blood and Black Stockings" oder "Blood and Black Silk".

Szenenbild. "Silk", also Seide, ist natürlich das perfekte Stichwort für einen Schwenk nach Deutschland. Dort wurden die "Black Lace" (= schwarze Spitzen) durch "Blutige Seide" ersetzt, was definitiv sowohl gefährlich als auch ein wenig frivol klingt. Viel schlimmer jedoch der österreichische Aufführungstitel: "Der Würger mit der Maske". Edgar Wallace, ich hör dich im Grabe rotieren.

Jetzt aber endlich ins Ursprungsland. Bava hatte den Film noch unter dem Arbeitstitel "L’atelier della morte" ("Das Atelier des Todes") gedreht, doch bald nach Abschluss der Dreharbeiten entschied man sich für den weit plakativeren Titel "6 donne per l’assassino" beziehungsweise – in anderer Schreibweise – "Sei donne per l’assassino". Beides bedeutet etwa "Sechs Frauen für den Mörder". Falls euch das bekannt vorkommt: 1974 gab es noch "5 donne per l’assassino" / "Five Women for the Killer" von Regisseur Stelvio Massi, der mit Bavas Meisterwerk allerdings gar nichts zu tun hat.

Fassungen:
Während die meisten Bava-Streifen für die USA ordentlich umgemodelt wurden, blieb "Blood and Black Lace" davon größtenteils verschont. Einige wenige Dialoge wurden minimal beschnitten, und es entstand eine neue Titelsequenz voller Schaufensterpuppen und Totenköpfe. Sie ist fast so schön wie das Original, in dem die Schauspieler im Interieur des Modehauses zu Quasi-Mannequins stilisiert in Szene gesetzt werden. Ansonsten gab es keine Veränderungen. Ganz anders in England: Dort entfernte man ganze vier Minuten, fast ausschließlich Gewaltszenen.

Hinsichtlich der englischsprachigen Fassungen gab es zwei Versionen: der erste Dub wurde unter Zuhilfenahme aller Mitwirkenden kreiert, die der englischen Sprache mächtig waren. Der US-Verleih fand daran jedoch keinen Gefallen und erstellte einen neuen Dub, in dem Schauspieler und Synchronsprecher Paul Frees nahezu alle männlichen Akteure spricht. Der Grund für diesen zweiten Dub ist zumindest teilweise einleuchtend, denn man wollte einige sexuell anrüchige Dialoge des ersten Dubs unbedingt ändern oder unter den Tisch fallen lassen. Schön und gut – der ursprüngliche Dub wäre wohl trotzdem weitaus natürlicher und passender gewesen. Leider kam er nie in Zirkulation und ist bis heute verschollen. Ob er noch irgendwo in einem Archiv schlummert, ist fraglich.

Giallo:
Während Bavas "The Girl Who Knew Too Much" als Proto-Giallo gilt – als Ur-Giallo, der die Grundelemente für den späteren Siegeszug dieses faszinierenden Subgenres legte –, gilt "Blood and Black Lace" als erster vollwertiger Giallo-Thriller. Hier haben wir es nicht nur mit einem halbwegs simplen Mystery-Thriller zu tun, sondern mit einem Whodunit erster Güte, der Style so dermaßen über Substance hievt, dass es einem die Augäpfel raushaut.

Szenenbild. Die Handlung per se spielt nur eine untergeordnete Rolle. Das Wichtigste ist die Optik: ein ultraeleganter Killer mit einer unheimlich aussehenden, gesichtslosen Maske, eine Armada schöner Frauen, eine ganze Reihe brutaler, aber sehr schick in Szene gesetzter Tötungen, sowie eine Vielzahl atemberaubend gefilmter und ausgeleuchteter Interieurs. Nicht zu vergessen: schöne Kleidung, viel Schmuck und teure Autos – also eine Umgebung, in der alle recht wohlhabend sind. Dazu kommen lässige Musik und ganz viele superspannende Sequenzen, und schon sind wir mittendrin im tiefsten Giallo-Land.

Der Einfluss des Films auf andere Regisseure ist immens, und eine vollständige Aufzählung würde den Rahmen sprengen. Daher nur kurz angerissen: der extreme Einsatz von Farben und entsprechender Ausleuchtung wurde von Dario Argento in "Suspiria" und "Inferno" sensationell aufgegriffen. Die Leiche-in-der-Badewanne-Szene wurde von Martin Scorsese in "Kundun", von Argento in "Two Evil Eyes" und von J. Lee Thompson in "Happy Birthday to Me" imitiert. Pedro Almodóvar zeigt die besagte Szene am Anfang von "Matador", und die nächtliche Stalking-Sequenz im Bekleidungsgeschäft in "I Know What You Did Last Summer" erinnert frappant an die Szene im Antiquitätenshop.

Fazit:
Einer der allergrößten Filme Bavas: sensationell in seiner Inszenierung, fantastisch im Spannungsaufbau und in Sachen Optik einfach ein wahnsinniger Genuss. Wer damit nichts anfangen kann, der tut mir fast leid. Fast!
Harry
(Bilder © 1964 Monachia Film)


Weiterführende Links:
Halloween-SPECiAL 2026





Artikel kommentieren
RSS Kommentare

Kommentar schreiben
  • Bitte orientiere Deinen Kommentar am Thema des Beitrages.
  • Persönliche Angriffe und/oder Diffamierungen werden gelöscht.
  • Das Benutzen der Kommentarfunktion für Werbezwecke ist nicht gestattet. Entsprechende Kommentare werden gelöscht.
  • Bei Fehleingaben lade diese Seite bitte neu, damit ein neuer Sicherheitscode generiert werden kann. Erst dann klicke bitte auf den 'Senden' Button.
  • Der vorgenannte Schritt ist nur erforderlich, wenn Sie einen falschen Sicherheitscode eingegeben haben.
Name:
eMail:
Homepage:
Titel:
BBCode:Web AddressEmail AddressBold TextItalic TextUnderlined TextQuoteCodeOpen ListList ItemClose List
Kommentar:




  fictionBOX bei Facebook   fictionBOX bei Twitter  fictionBOX als RSS-Feed

TV-Planer
Im Moment keine TV-Einträge vorhanden