Mit: George Hilton, Anita Strindberg, Alberto de Mendoza, Janine Reynaud, Luis Barboo, Tom Felleghy, Lisa Leonardi, Tomas Pico, Ida Galli, Luigi Pistilli u.a.
Kurzinhalt:
Lisa Baumer vergnügt sich gerade mit ihrem Liebhaber, als sie angerufen wird, und erfährt, dass ihr Ehemann bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen ist. Sie fliegt daraufhin nach Athen, um den Nachlass zu regeln, und sich dabei nicht zuletzt die Lebensversicherung auszahlen zu lassen. Parallel dazu wird Peter Lynch von der Versicherung damit beauftragt, zu untersuchen, inwiefern am Tod ihres Gatten vielleicht irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Lisa entscheidet sich indes, das Geld in bar in Empfang zu nehmen. Als man sie am nächsten Morgen im Hotel anruft, weil das Taxi welches sie zum Flughafen bringen soll eingetroffen ist, findet man sie in ihrem Hotelzimmer ermordet vor – das Geld ist verschwunden. Aufgrund seines Kontakts mit Lisa, und da er von dem Geld wusste, zählt Peter für die Polizei zu den Hauptverdächtigen. Um seine Unschuld zu beweisen, stellt er auf eigene Faust Ermittlungen an. Hilfe erhält er dabei von der französischen Reporterin Cléo Dupont, die sich ebenfalls für den Fall interessiert…
Review (kann Spoiler enthalten):
Namen wie Dario Argento, Mario Bava und Lucio Fulci sind selbst jenen, die sich nicht intensiv mit der Materie (in diesem Fall im speziellen italienischen Horror- bzw. Genre-Regisseuren) beschäftigen, ein Begriff. Sergio Martino mag vielleicht nicht ganz in ihrer Liga spielen, dürfte aber in meinen Augen ruhig bekannter sein, als er es selbst unter Cineasten im Allgemeinen ist – hat doch auch er zahlreiche gelungene Genrevertreter beigesteuert; von denen ich mir im Zuge des heurigen Halloween-SPECiALs drei vorknöpfen werde. Den Anfang macht "Der Schwanz des Skorpions", ein solider Giallo-Thriller, der für mich in erster Linie von der coolen und bei der Erstsichtung zumindest für mich völlig überraschenden Auflösung lebt. Das war ja echt mal ein geiler Twist. Doch nicht nur das Drehbuch, auch die Inszenierung von Martino tut sich positiv hervor. Einerseits mit einzelnen höchst effektiven Spannungsszenen ("Der Schwanz des Skorpions" ist einer jener Filme, die einen doppelt checken lassen, ob man die Wohnungs- oder Haustür abgeschlossen hat), den teils durchaus brutalen Mordsequenzen, und nicht zuletzt – in Verbindung mit seinem Kameramann Emilio Foriscot – dank einiger cooler und/oder ungewöhnlicher Einstellungen.
Besetzungstechnisch sticht natürlich in erster Linie das zentrale Duo George Hilton und Anita Strindberg heraus. Beide nicht nur sehr gute Darsteller, sondern vor allem auch mit zahlreichen Credits im italienischen Kino. Dementsprechend werden sie uns auch im Zuge dieses SPECiALs noch das eine oder andere Mal unterkommen. Gleiches gilt für Luigi Pistilli, der hier als Inspektor Stavros zu sehen ist, und den man als Filmliebhaber in erster Linie aus legendären Italo-Western wie Sergio Leones Dollar-Trilogie oder auch "Leichen pflastern seinen Weg". Auch aus dem Setting in Griechenland – gerade auch was den Giallo betrifft im Vergleich zu anderen Locations doch ziemlich unverbraucht – bezieht "Der Schwanz des Skorpions" einiges an Reiz. Die letzte wesentliche Stärke ist dann die Musik von Bruno Nicolai, die viel zur Atmosphäre des Films beiträgt. Und doch, so gut all diese Aspekte auch sind, letztendlich gehört das größte Lob aus meiner Sicht dem Drehbuch von Eduardo Manzanos, Ernesto Gastaldi und Sauro Scavolini – und das nicht nur wegen der Auflösung. Es gelingt ihnen nämlich darüber hinaus, die Ermittlungen interessant zu gestalten, die richtige Balance aus Vorwärtsbewegung und Tiefe zu finden, und nicht zuletzt auch die weiteren Morde so zu platzieren, dass sie immer genau dann passieren, wenn der Film vielleicht gerade dabei ist, ein bisschen an Tempo und Dramatik zu verlieren. Vom Erzählfluss fand ich "Der Schwanz des Skorpions" jedenfalls überaus gelungen – was ebenfalls ganz wesentlich zu seinem Erfolg beiträgt. Zu kritisieren gibt es nicht viel. Dass es sich beim anfangs abstürzenden Flieger um ein Modellflugzeug handelt, ist vielleicht dann doch eine Spur zu offensichtlich. Da und dort könnten sich die Opfer zudem ein bisschen geschickter anstellen. Und spannungstechnisch ist "Der Schwanz des Skorpions" zwar sehr gut, kann sich aber nicht ganz mit dem besten messen, was das italienische Giallo-Kino zu bieten hat. Fans des Genres finden in ihm aber einen mehr als gelungenen Vertreter.
Fazit:
"Der Schwanz des Skorpions" mag für mich nicht ganz mit "Der Killer von Wien" mithalten können (wobei der natürlich in meinem Fall dann auch nochmal zusätzlich vom Setting in meiner Heimatstadt profitiert), ist aber ebenfalls ein sehr guter Giallo von Sergio Martino. Neben dem netten Setting in Griechenland und der coolen Besetzung lebt er für mich in erster Linie von der höchst interessanten und bei der Erstsichtung auch ziemlich schockierenden Auflösung, die egal ob man den Täter bereits bei einem der Morde identifizieren kann oder es dann erst am Ende erkennt famos funktioniert, und den Film definitiv aufwertet. Aber auch der Erzählfluss hat es mir angetan; mit knapp über neunzig Minuten ist "Der Schwanz des Skorpions" kurz und knackig, und während dieser Laufzeit auch angenehm flott erzählt, um nie Langeweile aufkommen zu lassen. Die hochwertige Inszenierung durch Sergio Martino, die u.a. mit einzelnen Spannungsspitzen und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen aufwartet, sowie die fantastische Musik von Bruno Nicolai tun dann ihr Übriges, um "Der Schwanz des Skorpions" nicht nur für Giallo-Fans empfehlenswert zu machen.
Wertung: 7 von 10 Punkten
Christian Siegel
Harrys Horror-Hintergründe: Titel:
Es dauert recht lang, bis besagter Skorpions-Schwanz im Film auftaucht - und wenn's dann endlich soweit ist, ist man kurz überrascht und verdutzt. "Ach ja, deshalb heißt der Film so… äh, echt? Deshalb??" Ja, hier haben wir's mal wieder mit einem Titel der "Bird of Crystal Plumage"-Schule zu tun, also: Ein ganz gewöhnlicher Giallo mit einem cool-klingenden Tier-Titel, obwohl besagtes Tier im Film nicht wirklich eine Rolle spielt. Tja, Giallo-Fans kennen das. Skorpionforscher aber bleiben enttäuscht zurück.
In der Pre-Production machte der Film noch als "The Golden Scorpion" die Runde. Im Audiokommentar erinnert sich Drehbuch-Schreiber Ernesto Gastaldi, dass der Film als Arbeitstitel in etwa sowas wie "The Two Tails of the Scorpion" trug - nicht zu verwechseln mit "The Scorpion with Two Tails", den er Anfang der 80er ebenfalls für Regisseur Sergio Martino schrieb (und der sowohl mit Skorpionen, als auch mit diesem Giallo nur wenig zu tun hat). Der italienische Titel "La coda dello scorpione", also "Der Schwanz des Skorpions", wurde international am häufigsten verwendet und in die jeweiligen Sprachen übersetzt. Für die englischsprachigen Veröffentlichungen fügte man ein "The Case of" hinzu, was dann eher nach einem Sherlock-Holmes-Roman klingt. Die große Ausnahme war wieder einmal Griechenland, wo der Film "I avgi ton mavron stileton" (= "Morgendämmerung der schwarzen Stilettos") betitelt wurde. Fad, aber interessant, ist die Türkei mit "Son youn" (= "Das letzte Spiel").
Fassungen:
Da es fassungstechnisch, außer einigen Zensurkürzungen in Deutschland, echt gar nix zum Erzählen gibt, schreiten wir flugs zum nächsten Punkt.
Trailer:
Ja, ja, der originale italienische Trailer, der hat es in sich! Grelle, farblich verfremdete Stills aus vier alten Filmklassikern, darüber eine markante Stimme, die auf Italienisch die jeweiligen Bilder kommentiert:
1920 "Der Golem" von Paul Wegener und Henrik Galeen
1926 "Panzerkreuzer Potemkin" von Sergei Eisenstein
1930 "M - Eine Stadt sucht einen Mörder"
1931 "Das goldene Zeitalter" von Luis Buñuel
Vier Filme. Vier Meisterwerke der Gewalt. Nun ist es Sergio Martino, der diese expressive Gewalt des frühen Kinos zurückbringt… mit "Der Schwanz des Skorpions"!
Ja! Kein Scheiß! Irgendwer vom Marketing hat sich echt gedacht, dass es das Richtige wäre, einen herkömmlichen Giallo als Kunstwerk nach Art des expressionistischen Kinos der 20er und 30er zu verkaufen. Das ist ein bisserl so, wie wenn man jemandem "Ace Ventura" als Humor-Meisterwerk in der Tradition von Billy Wilder andrehen will. Aber ja, äh, darauf muss man auch erst mal kommen.
Fazit:
Wahrscheinlich Martinos "schwächster" Giallo, aber trotzdem auf ähnlich hohem Niveau wie seine anderen Gialli – dank eines super Casts, irrer visueller Tricks, eines herrlichen Schock-Twists in der Mitte und einer wahren Armada an J&B-Flaschen.