Sam Raimi kehrt zu seinen Wurzeln zurückKategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Freitag, 09 Oktober 2026
Originaltitel:
Send Help
Produktionsland/jahr:
USA 2026
Bewertung:
Studio/Verleih:
Raimi Productions/20th Century Studios
Regie:
Sam Raimi
Produzenten:
U.a. Zainab Azizi & Sam Raimi
Drehbuch:
Damian Shannon & Mark Swift
Filmmusik:
Danny Elfman
Kamera:
Bill Pope
Schnitt:
Bob Murawski
Genre:
Thriller/Drama
Kinostart Deutschland:
29. Januar 2026
Kinostart USA:
30. Januar 2026
Laufzeit:
113 Minuten
Altersfreigabe:
FSK ab 16
Mit: Rachel McAdams, Dylan O'Brien, Edyll, Dennis Haysbert, Xavier Samuel, Chris Pang, Thaneth Warakulnukroh, Emma Raimi, Kristy Best, Francesca Waters, Olivia Sawyer u.a.
Kurzinhalt:
Seit Jahren schuftet sich die Analystin Linda Liddle für ihre Firma den Hintern ab. Von ihren Kollegen und Vorgesetzten wird sie jedoch eher belächelt, ist sie doch in sozialen Dingen unbeholfen. Eben deshalb wird sie auch immer wieder übergangen, wenn eine höhere Position frei wird – und das, obwohl mal sie mit dem Versprechen einer Beförderung nun schon seit Jahren bei Laune hält. Eines Tages wendet sich das Blatt jedoch. Denn nachdem sie sich zuvor während des Flugs im Firmenjet noch über Linda – in ihrer Anwesenheit – lustig gemacht haben, stürzt das Flugzeug ab. Linda und ihr Chef Bradley Preston sind die einzigen Überlebenden, und finden sich auf einer einsamen Insel wieder. Linda ist als großer Fan der Reality-Show "Survival" bestens auf diese Situation vorbereitet – und blüht richtiggehend auf. Demgegenüber ist Bradley, der sich beim Absturz das Bein gebrochen hat, auf ihre Hilfe angewiesen…
Review (kann Spoiler enthalten):
Regelmäßige Leser meiner Reviews erinnern sich vielleicht noch: Ich lade meinen Freundeskreis jedes Jahr rund um meinen Geburtstag zu einem Film ins Kino ein. In der Vergangenheit habe ich dabei nicht unbedingt immer ein glückliches Händchen bewiesen; so wie im Jahr davor ("Companion") hatte ich es aber auch heuer mit "Send Help" ganz gut getroffen. Mit ihm kehrt Sam Raimi mehr als fünfzehn Jahre nach "Drag Me to Hell" wieder zu jenem Genre zurück, dass ihn einst groß gemacht hat, und präsentiert die für ihn so typische Mischung aus Horror bzw. Thriller und Humor. Mehr noch als von seiner Inszenierung lebt "Send Help" aber zugegebenermaßen von den schauspielerischen Leistungen, insbesondere des zentralen Duos Rachel McAdams (die ich schon lange nicht mehr in einer so interessanten Rolle gesehen habe) und Dylan O'Brien (den ich noch nie in einer so interessanten Rolle gesehen habe). Vor allem die Verschiebung der Dynamik zwischen ihren Figuren spielen die beiden ausgezeichnet.
Eben darin liegt für mich generell der interessanteste Aspekt an "Send Help". Denn in der ersten Viertelstunde macht Sam Raimi klar, wem unsere Sympathien gelten sollen. Auch wenn Linda etwas eigentümlich wirken mag, aber das, wie sie von ihren Kollegen und Vorgesetzten behandelt wird, hat sie sich definitiv nicht (und hat sich niemand) verdient. Spätestens dann nach der Szene im Flugzeug, wo sie sich in ihrer Anwesenheit über sie lustig machen, ist man bereit, Linda wenn sich dann das Blatt wendet, ziemlich viel zu verzeihen, wenn es darum geht, sich an Bradley zu rächen. Dann jedoch nimmt "Send Help" eben diese Ausgangssituation, und fragt uns konstant, wie weit wir bereit sind, mit Linda zu gehen, ehe wir auch unsere Sympathie für sie hinterfragen. Je nach eigener Einstellung wird dieser Punkt früher kommen, oder eben später – oder vielleicht auch nie. Die Art und Weise, wie "Send Help" unseren moralischen Kompass diesbezüglich abfragt, war für mich aber der spannendste Aspekt am Film. Darüber hinaus fand ich ihn durchgehend unterhaltsam, und fand Sam Raimi aus meiner Sicht eine sehr gute Balance aus Spannung und Humor. Wobei man sich zugegebenermaßen was ersteres betrifft jetzt nicht zu viel erwarten wurde. "Send Help" zieht seine Spannung in erster Linie aus der Figurenkonstellation, und weniger aus den Bedrohungen, die auf der Insel selbst lauern. Eine bestimmte Offenbarung war zudem zugegebenermaßen keine Überraschung (und hat, so wie eigentlich auch der Film an sich, ein bisschen an "Triangle of Sadness" erinnert). Und das Ende könnte die Zuschauerschaft dann ebenfalls spalten. Ich hatte mit "Send Help" aber durchaus meinen Spaß.
Fazit:
Wer hat nicht schon immer davon geträumt, es dem Chef/der Chefin mal so richtig zeigen zu können? "Send Help" scheint zu Beginn eben genau das zu bieten, in dem er die Machtposition zwischen der herabgeminderten (was mit dem englischen Wort "belittle" sogar noch besser funktioniert) Linda Liddle und ihrem arschlochigen Boss Bradley Preston nach dem Flugzeugabsturz auf den Kopf stellt. Und auch wenn Sam Raimis jüngster Streich in meinen Augen bis zuletzt unterhaltsam bleibt, und die richtige Balance aus Humor und Spannung findet, so bietet er in meinen Augen doch ein bisschen mehr. Denn je länger der Film dauert, desto deutlicher entzieht man sich hier einer eindeutigen schwarz/weiß-Zeichnung, und stellt uns "Send Help" im Hinblick darauf, wie weit wir mit Linda zu gehen bereit sind, auf die Probe. Das fand ich sehr reizvoll. Der Film profitiert darüber hinaus von starken schauspielerischen Leistungen, insbesondere von Rachel McAdams, die ihre Wandlung überaus überzeugend spielt. Und das Ende bietet dann ebenfalls einiges an Diskussionsstoff – und sorgte in meinem Fall auch dafür, dass der Film auch über die (vielleicht eine Spur zu langen) 113 Minuten hinaus nachhallte.