Lucio Fulcis etwas anderer GialloKategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Donnerstag, 08 Oktober 2026
Originaltitel:
Non si sevizia un paperino
Produktionsland/jahr:
Italien 1972
Bewertung:
Studio/Verleih:
Medusa Distribuzione
Regie:
Lucio Fulci
Produzenten:
Edmondo Amati
Drehbuch:
Lucio Fulci & Roberto Gianviti
Filmmusik:
Riz Ortolani
Kamera:
Sergio D'Offizi
Schnitt:
Ornella Micheli
Genre:
Thriller
VÖ Deutschland:
nicht bekannt
Kinostart Italien:
29. September 1972
Laufzeit:
105 Minuten
Altersfreigabe:
keine Einstufung
Mit: Florinda Bolkan, Barbara Bouchet, Tomas Milian, Irene Papas, Marc Porel, George Wilson, Antonella Compodifiori, Ugo D'Alessio, Virginio Gazzolo, Vito Passeri u.a.
Kurzinhalt:
Accendura ist ein kleines, ländliches Dorf im Süden Italiens. Normalerweise eine ruhige, beschauliche Gegend – bis eine Reihe von Morden an jungen Burschen das friedliche Dorfleben erschüttert. Der Verdacht der Polizei fällt schon bald auf den eigenbrötlerischen und geistig beeinträchtigten Giuseppe, der von einem Elternpaar Lösegeld verlangt hat. Als sich dessen Aussage bestätigt, dass er nur die Leiche gefunden, das Opfer aber nicht selbst getötet hat, richten sich die Ermittlungen gegen die von den anderen Dorfbewohnern geächtete Außenseiterin Maciara, die viele für eine Hexe halten, und die zuvor mit allen drei Opfern gesehen wurde. Diese legt dann tatsächlich auch ein Geständnis ab. Doch der Fall ist komplizierter, als es zuerst den Anschein hat. Dies motiviert den Reporter Andrea Martelli dazu, auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützung erhält er dabei von Patrizia, einer früheren Kollegin von ihm, die vor ein paar Jahren nach Accendura gezogen ist. Zusammen versuchen sie, den oder die Schuldigen zu finden, bevor noch weitere Burschen ermordet werden…
Review (kann Spoiler enthalten):
Obwohl ich dem italienischen Kino gegenüber grundsätzlich sehr positiv eingestimmt bin, tue ich mir mit Lucio Fulci doch tendenziell etwas schwer. Den vor zwei Jahren besprochenen "Ein Zombie hing am Glockenseil" fand ich cool, davon abgesehen pendeln seine Filme bei mir aber zumeist entweder am Rande oder genau auf der Durchschnittlichkeit – und sehe ich sie damit tendenziell schwächer als die Allgemeinheit (zumindest wenn man nach dem Schnitt auf Filmportalen wie Letterboxd und der IMDB geht). "Quäle nie ein Kind zum Scherz" bietet hier leider keine Ausnahme. Von den meisten als Höhepunkt seiner Regie-Karriere und großes Meisterwerk des Giallo-Thrillers eingestuft, fand ich ihn leider bei meiner kürzlichen Erstsichtung doch "nur" ok. Gut gefallen konnte er mir nicht zuletzt optisch. Zwar bietet er kein ähnliches Farbspektakel wie Bava und Argento, sowohl optisch als auch von der Bildkomposition her konnten mir aber einige Einstellungen ausgesprochen gut gefallen. Da hat Kameramann Sergio D'Offizi wirklich ganze Arbeit geleistet.
Ich sehe es auch durchaus positiv, dass "Quäle nie ein Kind zum Scherz" zwar durchaus dem Giallo-Kino zuzurechnen ist, sich aber vom Genrestandard in einigen Aspekten abhebt. Am wichtigsten ist dabei natürlich, dass die Opfer hier nicht, wie sonst überwiegend der Fall, junge Frauen sind, sondern vielmehr Knaben. Aber auch das Setting in einer ländlichen Gegend in Italien, statt einer europäischen Metropole, hebt ihn von den meisten anderen Genre-Vertretern ab. Die mitschwingende Religionskritik hat bei mir als bekennendem Atheisten natürlich auch einen Nerv getroffen. Am stärksten ist aber sicherlich alles rund um den Lynchmob, der die "Hexe" Macaria angreift. Nicht nur übt Fulci hier Kritik an einer solchen Vorverurteilung (sowie an ländlichen Vorurteilen und Aberglauben), die ganze Sequenz war ungemein beklemmend inszeniert. Wie sich Maciara nach dem Angriff über die Landschaft schleppt, den Hügel hinaufkriecht, und dort auf der Straße zahlreiche Autos vorbeifahren, ohne dass sich jemand um sie kümmern würde; zumindest diese Szene war in der Tat meisterlich – und ist auch der Grund für die leicht überdurchschnittliche Wertung. Denn abseits dieses Moments wollte es "Quäle nie ein Kind zum Scherz" leider nie so recht gelingen, mich so richtig zu packen. Das ermittelnde (und teilweise auch selbst verdächtige) Paar Tomas Milian und Barbara Bouchet kommt für mich zudem, trotz sympathischer Leistungen, an andere Giallo-Paarungen (wie z.B., weil ich ihn direkt davor besprochen habe, David Hemmings & Daria Nicolodi in "Rosso - Die Farbe des Todes") nicht heran. Und auch wenn mir das Haue vom Herrn der weiter unten zu Wort kommt einbringen wird, aber bei der Verhörszene empfiehlt sich Florinda Bolkan echt für den William Shatner-(Over-)Acting-Award. Ein bisschen weniger hätte auch gereicht.
Fazit:
Trotz der im Vergleich zu anderen Gialli durchaus hervorstechenden Thematik, da hier die Ermordung von unschuldigen Kindern im Mittelpunkt steht, wollte es "Quäle nie ein Kind zum Scherz" leider überwiegend nicht gelingen, mich so richtig zu packen. Die einzige lohnenswerte Ausnahme davon stellt die Lynchjustiz-Einlage rund um Maciara dar; sowohl inhaltlich als auch inszenatorisch war das überaus beklemmend. Davon abgesehen verfolgte ich das Geschehen hier aber leider nur mit ziemlich verhaltenem Interesse. So gut mir die Auflösung von der Idee her auch gefallen konnte, aber selbst danach kam für mich nicht so recht Spannung auf. Und die Ermittlungen zogen sich meinem Empfinden nach teilweise doch ein bisschen dahin. Schlecht ist "Quäle nie ein Kind zum Scherz" zwar sicher nicht; dafür sorgen allein schon die stilvolle Inszenierung (und Kameraarbeit) und die mehr als soliden Darsteller-Leistungen. Zu meinen Favoriten unter den Giallo-Thrillern kann ich Lucio Fulcis Beitrag aber leider nicht zählen.
Wertung: 6 von 10 Punkten
Christian Siegel
Titel:
Hach, das wäre etwas gewesen, wenn Fulcis ursprünglicher Titelwunsch in Erfüllung gegangen wäre: "Don't Torture Donald Duck" – ja, das ist mal eine Ansage! Aber offensichtlich hat jemand von Disney von diesem Arbeitstitel Wind bekommen, und nach einem USA–Italien-Ferngespräch hatte sich das mit Onkel Donald schnell erledigt. Wobei: nicht ganz! Im Original heißt der Film ja "Non si sevizia un paperino" = "Man quält kein Entlein". Aber: "Paperino" ist im Italienischen nicht nur das Entlein, sondern auch der ganz offizielle Name von Donald Duck! Vollständig: "Paolino Paperino" – aber bei den italienischen Lesern hat sich recht schnell einfach "Paperino" eingebürgert. Lucio, du alter Schelm! (Dass er ein paar Jahre später den ollen Donald für "The New York Ripper" wieder aus der Kiste holte, ist eine ganz andere Geschichte.)
Weiter geht's: "Don't Torture a Duckling" ist zwar jetzt kein "Film der 1.000 Titel", aber er hat schon einige recht interessante Alternativen zu bieten: In Frankreich sprang man eilig auf den Teufelsaustreiber-Zug auf und titelte ihn "La longue nuit de l’exorcisme" – "Die lange Nacht des Exorzismus". Auf VHS wurde er dann weniger spektakulär als "Fureur meurtrière" = "Mörderische Wut" ausgewertet. In Dänemark hieß er auf VHS, ähem, "Woodoo". Das ist insofern amüsant, als Fulcis späterer "Zombie 2" in Deutschland unter genau diesem Titel veröffentlicht wurde (lol). In Deutschland kam er erstmals 2015 ganz offiziell heraus – auf DVD und mit dem durchaus passenden Bei-Titel "Quäle nie ein Kind zum Scherz". In portugiesischsprachigen Ländern wollte man es in Sachen Poesie ganz besonders wissen: "O Estranho Segredo da Floresta dos Sonho" = "Das seltsame Geheimnis des Traumwaldes". In der Türkei schoss man den Vogel ganz besonders ab: Dort heißt er einfach nur "Linç" = "Lynchen". Na sauber! In Italien wurde er übrigens zu einem späteren Zeitpunkt auch noch unter dem Titel "Fanatismo" gezeigt. Eine Übersetzung meinerseits erübrigt sich. ;)
Fassungen:
Hier gibt es nicht allzu viel zu berichten. Es existiert die originale Kinofassung, bei der am Ende die Musik noch ein paar Minuten über Schwarzbild weiterläuft, und eine andere, für lange Zeit recht gängige Heimvideo-Fassung ohne Exit Music. Das wär's.
Fazit:
Über Fulci braucht man mir nicht viel zu erzählen. Ich mag den Mann, ich mag seine Filme – durchaus auch einige seiner oftmals sehr unterschätzten Spätwerke. Aber egal, ob Zombies oder "Gates of Hell": DAS hier ist IMO sein großartigster Film. In Sachen Kirchenkritik hat er ja schon beim zwei Jahre zuvor gedrehten "Beatrice Cenci" ordentlich auf die Kacke gehauen – aber hier geht er eigentlich sogar noch einen Schritt weiter. Dazu noch eine ordentliche Portion Hinterland vs. Städter, Aberglaube vs. Realismus, dezent eingeflochtene Elemente aus Brunello Rondis grandiosem "Il demonio" (1963), eine Brise Giallo und die vielleicht sorgfältigste Regie seiner gesamten Karriere. Und was die göttliche Florinda Bolkan hier abliefert, ist einfach nur Wahnsinn!