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Rosso - Die Farbe des Todes Drucken E-Mail
Review zu Dario Argentos gefeiertem Giallo Kategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Dienstag, 06 Oktober 2026
 
Halloween-SPECiAL

 
Wolf Man
Originaltitel: Profondo Rosso
Produktionsland/jahr: Italien 1975
Bewertung:
Studio/Verleih: Seda Spettacoli/Rizzoli Film
Regie: Dario Argento
Produzenten: Salvatore Argento
Drehbuch: Dario Argento & Bernardino Zapponi
Filmmusik: Goblin
Kamera: Luigi Kuveiller
Schnitt: Franco Fraticelli
Genre: Thriller
Kinostart Deutschland: 16. Januar 2025
Kinostart Italien: 07. März 1975
Laufzeit: 127 Minuten
Altersfreigabe: FSK ab 16
Mit: David Hemmings, Daria Nicolodi, Gabriele Lavia, Macha Méril, Eros Pagni, Guilana Calandra, Piero Mazzinghi, Glauco Mauri, Clara Calamai, Aldo Bonamano, Liana Del Balzo u.a.


Kurzinhalt: In Rom wird eine parapsychologische Konferenz abgehalten. Während eines Vortrags des Mediums Helga Ulmann empfängt diese auf einmal düstere Schwingungen, die ihr offenbaren, dass sich im Publikum ein Mörder befindet. Noch am gleichen Abend wird sie in ihrem Apartment ermordet. Der Pianist Marcus Daly, der im gleichen Gebäude wohnt, ist Zeuge des Überfalls, kommt jedoch zu spät, um den Mord zu verhindern. Er sieht nur mehr, wie dieser in einem schwarzen Regenmantel gekleidet davonläuft. Da er zu spät war, um Helgas Leben zu retten, und ihm der Täter so knapp entkommen ist, möchte Marcus nun zumindest dafür sorgen, dass der Mörder geschnappt wird. Anstatt nur mit der Polizei zu kooperieren, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Unterstützung erhält er dabei von der Reporterin Gianna Brezzi, die über den Fall berichtet. Schon bald stoßen sie auf Hinweise, dass der Mord an Helga Ulmann mit einem früheren, grausamen Verbrechen in Verbindung steht…

Review (kann Spoiler enthalten): Szenenbild. Als ich "Rosso - Die Farbe des Todes" vor Jahren im Zuge der Giallo-Retrospektive im Wiener Filmmuseum das erste Mal gesehen habe, war ich – auch aufgrund der Lorbeeren, die ihm vorauseilten – doch ein bisschen enttäuscht. Bei meinen nachfolgenden weiteren Sichtungen hat er bei mir zwar zunehmend an Ansehen gewonnen, doch während viele ihn für Argentos größtes Meisterwerk halten, kommt er für mich nach wie vor nicht ganz an "Suspiria" und "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" heran. Drei Kritikpunkte sind dabei für mich hauptausschlaggebend. Einerseits die in meinen Augen mit zwei Stunden zu lange Laufzeit. Vor allem im Mittelteil ziehen sich die Ermittlungen doch etwas dahin, und verliert "Rosso" merklich an Spannung und Unterhaltungswert. Ich tue mir auch jedes Mal mit den übernatürlichen Elementen zu Beginn schwer, die für mich nicht wirklich zu einem Giallo-Thriller passen. Vor allem aber macht der rote Hering keinen Sinn, weshalb er nicht nur von vornherein nicht funktioniert, sondern man sich zudem wundern muss, wieso Marcus ursprünglich auf ihn hereinfällt.

Von diesen Punkten abgesehen ist "Rosso - Die Farbe des Todes" aber in der Tat großartig. Vor allem inszenatorisch ist er wieder einmal eine absolute Wucht, und hier insbesondere in der ersten Viertelstunde. Angefangen beim absolut phänomenalen und Gänsehaut erzeugenden Prolog rund um den Mord am Weihnachtsabend (die Positionierung der Kamera! Die Musik!), über den Vortrag (es mag mir grundsätzlich nicht wirklich gefallen, dass hier eine "echte" Hellseherin vorkommt, aber die Sequenz, wo sie auf einmal den Mörder im Saal spürt, war trotzdem ungemein packend inszeniert), bis hin zum Mord an sich. Bereits vor dieser passiert, begeisterte mich, wie Argento im Hintergrund Edward Hoppers berühmtes Gemälde "Nachtfalken" nachstellt (und wie in einem Bild bleiben auch hier die Figuren in der Bar still stehen). Dann der Schrei, wie Marcus Daly nach oben eilt, und schließlich den Mörder in seinem schwarzen Mantel flüchten sieht. Von einem solch starken Einstieg können die meisten Filme nur träumen. An eben diesen kommt er zwar eben leider in weiterer Folge nie mehr ganz heran. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Rest deswegen schlecht sei. So gibt es immer wieder Szenen, wo es Argento famos gelingt, die Spannungsschraube wieder anzuziehen. Auch die weiteren Morde sind unheimlich und zum Teil auch brutal umgesetzt. Parallel dazu sorgen sowohl die … Romanze zwischen Marcus und Gianna, als auch der immer wieder eingestreute Humor (wie z.B. rund um Giannas zunehmend auseinanderfallendem Auto) für Auflockerung. Und auch wenn ich mit dem roten Hering hadere, aber der Twist rund um das Bild, das Marcus als er die Wohnung betrat gesehen hat, sowie die Auflösung des Mörders, können mich jedes Mal aufs neue begeistern. Die letzte wesentliche Stärke – neben Argentos meisterlicher Inszenierung sowie der grandiosen Musik von Goblin – sind dann die schauspielerischen Leistungen, insbesondere von David Hemmings (als Fotograf in "Blow Up" unvergesslich), Daria Nicolodi (so hübsch und charmant wie immer) und Macha Méril (der es als Helga mit wenig Screentime dennoch gelingt, Eindruck zu hinterlassen). Wenn er nur ein bisschen flotter erzählt wäre – so gesehen sollte ich eventuell eines Tages doch auch dem US-Cut eine Chance geben?!

Fazit: Szenenbild. Es ist immer das Gleiche: In den ersten paar Minuten möchte ich "Rosso - Die Farbe des Todes" – eventuell mit Ausnahme der mich nicht 100%ig überzeugenden Idee rund um Hellseherin Helga – am liebsten die Höchstwertung geben. Leider aber baut er nach dem (ersten) Mord in meinen Augen noch merklich ab. Zwar immer noch mit zahlreichen starken Momente, und durchwegs famos inszeniert, super gespielt, und mit Goblins großartiger Musik veredelt, beginnt er sich vor allem im Mittelteil dann doch ein wenig zu ziehen. Und das, obwohl sowohl der immer wieder eingestreute, auflockernde Humor sowie insbesondere auch die Romanze zwischen Marcus und Gianna für mich durchaus funktionieren, und den Film in meinen Augen auch definitiv aufwerten. Mein größter Kritikpunkt ist aber, dass der hier präsentierte, für Giallo nicht untypische rote Hering von vornherein nicht funktioniert, weil wir einfach wissen, dass die besagte Person nicht der Mörder/die Mörderin sein kann. Insofern kann ich "Rosso – Die Farbe des Todes", so hoch angesehen er auch (nicht zu Unrecht) sein mag, nicht ganz auf eine Stufe mit "Suspiria" und "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" stellen. Ein großartiger und jedenfalls sehenswerter Thriller ist er aber zweifellos.

Wertung: 8 von 10 Punkten
Christian Siegel


Harrys Horror-Hintergründe:
Titel:
Als Dario Argento "Deep Red" kreierte, war das kurz zuvor so populäre Giallo-Genre eigentlich schon wieder fast am Ende. Nachdem Argentos Versuch, sich mit der Kriegskomödie "The Five Days" auch in anderen Genre-Bereichen zu etablieren, gescheitert war, brauchte es dringend einen Hit. Und was würde sich dafür besser anbieten als genau das Genre, dem Argento seine Berühmtheit zu verdanken hatte? Während die italienischen Kinos von einer Welle brutaler Polizei-Thriller (Poliziottesco) und saublöder Sexkomödien (Commedia sexy all’Italiana) überschwemmt wurden, schuf Dario das, was für viele – nicht zu Unrecht – als der beste Giallo aller Zeiten gilt. Die Presse wurde zur Verhöhnung mit der Falschmeldung gefüttert, dieses neue Mordwerk würde "La tigre dai denti a sciabola" heißen – also "Der Säbelzahntiger". Wieder ein Tier im Titel, ganz in der Tradition seiner Animal Trilogy: "The Bird with the Crystal Plumage", "The Cat o’ Nine Tails" und "Four Flies on Grey Velvet".

Szenenbild. Der tatsächliche Arbeitstitel war jedoch "Chipsiomega", ein Kunstwort aus den letzten drei Buchstaben des griechischen Alphabets: Chi, Psi und Omega. "Profondo Rosso" (= "Tiefrot") wurde letztlich gewählt, um den starken Fokus auf die Farbe Rot zu betonen – nicht nur in den Tötungen, sondern z. B. auch im anfangs auftauchenden roten Vorhang, durch den die Kamera in den ebenfalls roten Theatersaal eintaucht. Der deutsche Verleih nahm das mit der Farbe vielleicht ein wenig zu wörtlich und taufte den Streifen "Rosso – Die Farbe des Todes". Als ich als junger Knirps diesen Titel zum ersten Mal las, bastelte sich mein Kopfkino daraus einen Film, in dem die Farbe Rot an sich anfängt, Menschen zu töten. Geiles Konzept, oder? Die Rechte daran verkaufe ich selbstverständlich sehr gern. Bitte diesbezüglich mit meinem Manager, Herrn Siegel, in Verbindung setzen ;).

In Amerika kam "Deep Red" 1976 genau unter diesem Titel ins Kino – ausgerechnet über Howard Mahler Films, einen Filmverleih, der sich eher auf Exploitationskracher wie "Death Promise" oder "The Black Dragon" spezialisiert hatte. Als Mahler Ende der 70er finanziell strauchelte, brachte er einige Streifen, an denen er die Rechte hielt, unter neuen Titeln erneut ins Kino – unter anderem auch "Deep Red", der sich daraufhin ganz unsubtil als "The Hatchet Murders" präsentieren durfte. Schlimm. Aber noch viel schlimmer waren die Japaner: "Deep Red" kam dort zunächst gar nicht heraus. 1977 kam Argento dann mit "Suspiria" daher, der seinen Weg nach Japan schaffte – und dort so dermaßen erfolgreich war, dass die Distributoren schnell auf den Erfolgszug aufspringen wollten. Also: Rechte an "Deep Red" sichern, umbenennen in… ähm… "Suspiria 2" (ich scherze nicht!) und ab unters unwissende Volk. Klar, beide Streifen sind ja auch wirklich zum Verwechseln ähnlich. Wilde Zeiten!

Apropos Verwechslung: 1994 gab es tatsächlich einen made-for-TV-Sci-Fi-Thriller mit Michael Biehn, der "Deep Red" hieß! Und 1995 kam der Direct-to-Video-Thriller "Fatal Passion" (a.k.a. "Portrait in Red") heraus, der in der Pre-Production den Arbeitstitel "Deep Red" trug (aus "Harry's Handbuch des nutzlosen Wissens, Teil 489").

Fassungen:
Grundsätzlich gibt es von "Deep Red" zwei Fassungen, die lange Zeit am verbreitetsten waren: den originalen italienischen Director’s Cut (stolze 126 Minuten) und die sogenannte Export-Fassung (nur 105 Minuten). Von letzterer ging man lange davon aus, dass die Howard Mahler Films für die Kürzungen verantwortlich gewesen sei, kam "Deep Red" doch genau so in die US-Kinos. Inzwischen weiß man jedoch, dass Argento an der Erstellung dieser kürzeren Fassung mitverantwortlich war. Ich konnte allerdings nicht herausfinden, ob er diese Fassung quasi freiwillig erstellte oder ob er dazu gezwungen wurde. Fest steht auf jeden Fall, dass die amerikanischen Synchronisatoren bereits die kurze Fassung erhielten – und nicht, wie sonst üblich, das komplette Material. Das führte dazu, dass die geschnittenen Szenen nie gedubbt wurden, sodass der Director's Cut, der inzwischen weltweit in unzähligen DVD/Blu-ray/UHD-Versionen erhältlich ist, die einstmals geschnittenen Szenen nur im Originalton mit Untertiteln enthält.

Szenenbild. Ich erwähne das nur, weil ich immer wieder über Leutchen stolpere, die tatsächlich die Export-Fassung besser finden. Das wird gern damit begründet, dass hier nahezu alle humorvollen Szenen zwischen David Hemmings und Daria Nicolodi fehlen, die dem Plot nichts hinzufügen und das Ganze nur in die Länge ziehen – was natürlich Geschmackssache ist, ich aber so nicht sehe. Gerade dieser halbromantische Streit der Geschlechter ist meiner Meinung nach das Salz in der Suppe: Er gibt dem Film eine Tiefe, die man in keinem anderen Giallo findet. Außerdem ist es nett, nach den nervenzerfetzenderen Sequenzen und brutalen Tötungen immer wieder mal etwas Leichtes serviert zu bekommen. In der Exportfassung fehlen jedoch auch viele andere Dialogszenen – manche vielleicht weniger wichtig, manche schon essenziell. Klar: Das Tempo dieser Fassung ist rasant und für Seher mit wenig Geduld sicher "leichter" zu ertragen. Nichtsdestotrotz bin ich überzeugt, dass besonders die Amis die lange Fassung nicht so gern mögen, weil sie zwischendurch immer wieder Untertitel lesen müssen – und mit dem Lesen haben sie’s halt nicht so ;-)

Auf Video erschienen in den USA und UK weitere, noch kürzere Fassungen, in denen dann natürlich viele der gewalttätigen Szenen der Schere zum Opfer fielen. Ein ganz besonderes Unikat ist die alte US-DVD von Anchor Bay: Eigentlich endet der Film mit einer bewegten Reflexion von Hemmings in einer Blutlache, darüber laufen die End Credits. Anchor Bay hat diese Reflexion "eingefroren" und lässt den Abspann über einen Freeze Frame laufen – warum auch immer.

Fazit:
Ein Film zum Vergöttern. Die Exportfassung ist verzichtbar; hier lasse ich nur das italienische Original gelten. Spannend, unheimlich, brutal, unterhaltsam, mysteriös, bizarr, faszinierend – puh, mir gehen die Adjektive aus, so toll finde ich den. Jedoch: "Deep Red"-Puristen mögen mich jetzt hassen, aber ich finde Argentos "Tenebre" noch besser. Bitte nicht hauen!
Harry
(Bilder © 1975 Rizzoli Film)


Weiterführende Links:
Halloween-SPECiAL 2026





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