Proto-Giallo von Meisterregisseur Mario BavaKategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Freitag, 02 Oktober 2026
Originaltitel:
La ragazza che sapeva troppo
Produktionsland/jahr:
Italien 1963
Bewertung:
Studio/Verleih:
Galatea Film
Regie:
Mario Bava
Produzenten:
Massimo De Rita
Drehbuch:
Ennio De Concini, Sergio Corbucci, Eliana de Sabata, Mino Guerrini, Francesco Prosperi & Mario Bava
Filmmusik:
Roberto Nicolosi
Kamera:
Mario Bava
Schnitt:
Mario Serandrei
Genre:
Krimi/Thriller/Romanze
Kinostart Deutschland:
-
Kinostart Italien:
14. Februar 1963
Laufzeit:
86 Minuten
Altersfreigabe:
nicht geprüft
Mit: Letitia Roman, John Saxon, Valentina Cortese, Titti Tomaino, Luigi Bonos, Milo Quesada, Walter Williams, Marta Melocco, Gustavo De Nardo u.a.
Kurzinhalt:
Die junge Amerikanerin Nora Davis reist nach Rom, um ihre Großtante zu besuchen. Als sie in ihrer Wohnung eintrifft, lernt sie den Arzt Dr. Marcello Bassi kennen, der Ethel behandelte, nachdem sie zuletzt gesundheitlich angeschlagen war. In der Nacht hat Ethel dann eine Herzattacke. Noch bevor Nora ihr die Tropfen einflößen kann, verstirbt sie. Da Dr. Bassi nicht weit entfernt wohnt, bricht sie auf, um ihn zu holen. Auf dem Weg zu ihm kommt sie an der Spanischen Treppe vorbei. Dort wird sie zuerst von einem Dieb erwischt, der sie zusammenschlägt und ihr die Handtasche klaut. Als sie wieder zu sich kommt, meint sie, in der Ferne den Mord an einer Frau zu beobachten – verliert jedoch kurz darauf wieder das Bewusstsein. Als sie im Krankenhaus erwacht, sind mehrere Tage vergangen, in denen sie sich von ihrer Gehirnerschütterung erholt hat. Sie erzählt der Polizei, was sie gesehen hat, da jedoch keine Leiche gefunden wurde, will ihr niemand glauben. Und so nimmt Nora Davis, ihres Zeichens großer Fan von Krimis, mit Unterstützung von Dr. Bassi selbst die Ermittlungen auf. Die Spur führt schließlich zu einer zehn Jahre alten Mordserie zurück…
Review (kann Spoiler enthalten):
Der Anfang der 70er aufkommende und für ein paar Jahre unfassbar populäre italienische Giallo-Thriller ist natürlich nicht in einem Vakuum entstanden, sondern hat einige Vorreiter. "The Girl Who Knew Too Much" zählt dabei sicherlich zu den Wichtigsten. Zwar im Gegensatz zum Giallo noch vergleichsweise harmlos was Sex und Gewalt betrifft, und trotz einzelner Spannungsspitzen auch was den Ton betrifft klassischen Krimis näher als Thrillern, bietet der Film – der unverständlicherweise bis heute keinen offiziellen deutschen Release erhalten hat (nehmt euch ein Herz, Plaion Pictures, und erweitert mit ihm eure Bava-Collection!) – zahlreiche Elemente, die später auch einen Großteil der Gialli auszeichnen sollten. Dies gilt natürlich nicht zuletzt für das Grundkonzept eines Ausländers (gerne amerikanischen Ursprungs), der nach Europa (überwiegend Rom, oder zumindest Italien) reist, dort Zeuge eines Mordes wird, und aus verschiedenen Gründen selbst zu ermitteln beginnt. Darüber hinaus verbindet ihn u.a. ein Hauch von Romantik, die stylische Inszenierung sowie die (im Idealfall) überraschende Auflösung mit dem späteren Giallo-Thriller.
Tonal ist "The Girl Who Knew Too Much" allerdings Selbst in der italienischen Originalfassung (von der als "The Evil Eye" erschienenen, um einige amüsante Dialoge, Voice Over-Kommentar oder sogar neu gedrehte Szenen "angereicherten" US-Version ganz zu schweigen) zugegebenermaßen im Vergleich zu den späteren, harten Thrillern schon noch ein anderes Kaliber, nämlich deutlich leichter und beschwingter. Dafür sorgt nicht zuletzt die Romanze zwischen Nora (die überaus hübsche Letícia Román) und Marcello (der immer gern gesehene John Saxon), die hier doch einen ziemlich großen Stellenwert einnimmt, und gelegentlich die Ermittlungen etwas gar in den Hintergrund drängt. Zudem gibt es zwischendurch auch immer wieder ein paar humoristische Momente, die das Geschehen auflockern. Und doch: Wenn Mario Bava die Spannungsschrauben andrehen will, dann gelingt ihm dies in einer Intensität, die dem Meister des Suspense Alfred Hitchcock in nichts nachsteht. Neben der Szene, wo Nora einer mysteriösen Nachricht in ein verlassenes Haus folgt, sticht diesbezüglich auch das Finale hervor. Die mit Abstand beste Szene spendiert uns Bava jedoch relativ zu Beginn, mit dem Angriff auf der Spanischen Treppe. Alles an dieser Sequenz ist einfach nur famos, von der grandiosen Bildgestaltung, über die Atmosphäre, bis hin zum Schnitt und der Musik. Meisterlich! Insbesondere visuell ist das auch mit Abstand die bestechendste Szene des Films; was Mario Bava, in weiterer Folge ja in erster Linie für seine intensive Farbgebung bekannt, hier aus dem Schwarz/Weiß-Bild herausholt, ist echt der Hammer. Zu kritisieren habe ich vergleichsweise wenig. Trotz der Art und Weise, wie sich die Geschichte weiterentwickelt, hätte ich es besser gefunden, uns das Gesicht nicht zu zeigen (wer den Film kennt, wird verstehen, was ich meine). Ich bin mir zudem auch bei der x-ten Sichtung nicht sicher, was ich davon halten soll, wie man hier zur Mitte des Films mit einer möglichen übernatürlichen Auflösung flirtet (es fällt mir nämlich jedes Mal aufs Neue ein bisschen schwer, mich darauf einzulassen). Vor allem aber leidet "The Girl Who Knew Too Much" darunter, an die grandiose Sequenz bei der Spanischen Treppe in weiterer Folge nie mehr ganz heranzukommen. Die allein ist es allerdings schon wert, ihn sich anzuschauen.
Fazit:
Mit seinem Einfluss auf das spätere Giallo-Kino ist "The Girl Who Knew Too Much" nicht "nur" filmhistorisch höchst relevant, er ist darüber hinaus auch einfach ein sehr guter Film. Als Horror-Fan hätte man sich zwar vielleicht ein bisschen einen stärkeren Fokus auf die Thriller-Elemente und generell etwas mehr Spannungsmomente gewünscht. Allerdings ist nicht zu bestreiten, dass gerade auch die Mischung aus Krimi, Thriller, Romanze und Komödie (letzteres noch einmal deutlich ausgeprägter im – in meinen Augen unterlegenen – US-Cut) viel zum Unterhaltungswert des Films beiträgt. Zumal das Duo Letícia Román und John Saxon vor der Kamera wunderbar miteinander harmoniert. Und auch die bei der Erstsichtung durchaus überraschende Auflösung, die sich ebenfalls in bester (späterer) Giallo-Tradition bewegt, sticht positiv heraus. Vor allem aber kann kein Zweifel daran bestehen, dass es Mario Bava, wenn er Spannung erzeugen will, hier auch ausgezeichnet gelingt. Und die Sequenz an der Spanischen Treppe bei Nacht ist eine Filmszene für die Ewigkeit.
Wertung: 7 von 10 Punkten
Christian Siegel
Harrys Horror-Hintergründe: Titel:
The Girl Who Knew Too Much… hm, warum kommt mir das wohl so bekannt vor? Ähem… ähm… Alzheimer lässt grüßen: natürlich! Der gute alte Hitchcock war's. Gleich zweimal hat sich der Meister des Suspense filmisch an einen zu wissbegierigen Herrn rangemacht: 1934 mit "The Man Who Knew Too Much" und noch einmal 1956 mit einem Remake seines eigenen Films – wieder unter dem Titel "The Man Who Knew Too Much". Kurios am Rande: Der Titel basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichten-Sammlung von G. K. Chesterton aus dem Jahr 1922, an der Hitchcock die Rechte besaß – beide Filme haben ansonsten aber nichts mit diesem Buch zu tun!
Die Dreharbeiten begannen unter dem Arbeitstitel L'incubo ("Der Alptraum"). Der wurde jedoch schon bald geändert, da die Hammer Studios ziemlich zeitgleich einen Film mit diesem Titel ankündigten (den 1964 erschienenen "Nightmare" von Jimmy Sangster). Und da – wie ich schon in meiner Schreiberei zu "The Horrible Dr. Hichcock" erwähnt habe – in den 60er-Jahren Bezüge zu Psycho bzw. zu Hitchcock sehr populär waren, entschied man sich für "La ragazza che sapeva troppo" = "Das Mädchen, das zu viel wusste". Hat selbstverständlich gar nix mit Hitchcock zu tun, sondern kommt eher ein bissl wie eine Agatha-Christie-Adaption rüber.
Im deutschsprachigen Raum ist der Streifen bis heute nicht offiziell erschienen, daher gibt es auch keine deutschen Titelvarianten. International hat man zumeist den Originaltitel in die jeweilige Landessprache übersetzt. Ausnahmen: Belgien, wo man wohl mit "Obsession diabolique" (= "Teuflische Besessenheit") eine Nähe zu Clouzots 50er-Klassiker "Diabolique" erzeugen wollte, sowie Teile Südamerikas (Mexiko, Peru…), wo man mit "Noche del demonio" (= "Nacht des Dämons") komplett am Thema vorbei ins Klo gegriffen hat.
Giallo:
Das ursprüngliche Drehbuch, an dem ganze sechs (!) Personen beteiligt waren, ging eher in Richtung "Romantic-Comedy-Thriller", was nicht unbedingt Bava's Ding war. Also entschied er, das Ganze in eine ernsthaftere Richtung zu drehen – was ihm bestens gelang. Und nicht nur das! Ganz nebenbei kreierte er die Grundpfeiler für das, was in den 70ern an den Kinokassen abging wie Luzie: den Giallo. Oder, wenn man es etwas genauer nehmen will: den Giallo-Thriller. In Italien bezeichnet das Wort "giallo" ja quasi alles, was ein Krimi oder Thriller ist – sowohl in Film- als auch in Buchform. International verwendet man den Begriff hingegen für diese ganz spezielle Art von hartem, stylishem und erotisch aufgeladenem Thriller, die mit Dario Argento's "The Bird with the Crystal Plumage" ihren Siegeszug begann. Argento hat sich zeitlebens immer auf Bava als starken Einfluss bezogen. Und auch wenn "The Girl Who…" noch kein reinrassiger, sondern eher ein Proto-Giallo ist, so ist er letztendlich doch der erste, der sozusagen alle klassischen Giallo-Elemente in sich trägt: Ein Ausländer im Urlaub in Europa stolpert über einen Mord und ermittelt auf eigene Faust, da sich die Polizei als unfähig erweist. Es gibt Romantik, lauter fesche Menschen, Blut – und viele Menschlein, die sich verdächtig machen. Doch die Auflösung und Enttarnung des Mörders entpuppt sich dann als bizarrer Twist, weil der Mörder natürlich jemand ist, den man nie und nimmer verdächtigt hat. Oder wie es der wundervolle Giallo-Files-Blog kurz und bündig zusammenfasst: "A Giallo is a stylish European murder mystery."
Fassungen:
Der Film war die erste gemeinsame Zusammenarbeit von Mario Bava und AIP – American International Pictures, einer Filmvertriebsfirma, die für Bava Fluch und Segen war. So sorgten sie zwar für eine breite Distribution in den Vereinigten Staaten, aber immer nur in umgeschnittenen, entschärften und mit neuer Musik versehenen Fassungen. "The Girl Who Knew Too Much" erging es da nicht anders.
Die in "The Evil Eye" umbetitelte Fassung ist definitiv interessant: Sie hat eine deutlich "leichtere" Stimmung und mehr Humor, einen weniger angejazzten, dafür fetzigeren Score, ein Voice-over nicht nur vom Erzähler, sondern auch von unserer Hauptfigur, sowie einige Szenen, die im italienischen Cut nicht zu finden sind – und ein komplett anderes Ende.
Die AIP-Fassung mag nicht unbedingt besser sein, ist aber eine mehr als sehenswerte Alternative – allein schon, weil (wie es Bava-Biograf Tim Lucas schön auf den Punkt gebracht hat) der humorige Ton eher dem eigentlichen Naturell des Regisseurs entspricht. Der war bekannt dafür, am Set permanent Faxen zu machen oder Grimassen zu schneiden. Dazu passt dann allerdings der mysteriös klingende Titel "Evil Eye" so gar nicht. Ach, da soll sich einer auskennen…
Fazit:
Ich mag den sehr gern! Beim ersten Mal ansehen hab ich mir noch ein bisschen schwer getan, weil er mir ein wenig zu brav war, aber mit jedem weiteren Mal konnte ich all die anderen Aspekte schätzen, die den Film letztendlich so großartig machen, also die exzellente Kameraarbeit, der konstante Switch zwischen heiterem Ton und nervenzerfetzender Spannung, und natürlich das herrliche Schauspiel des blutjungen John Saxon.