Originaltitel: Pilot Episodennummer: 1x01 Bewertung: Erstausstrahlung US: 08. April 1990 Erstausstrahlung D: 10. September 1991 Drehbuch: Mark Frost & David Lynch Regie: David Lynch Besetzung:
Kyle MacLachlan als Special Agent Dale Cooper,
Michael Ontkean als Sheriff Harry S. Truman,
Madchen Amick als Shelly Johnson,
Dana Ashbrook als Bobby Briggs,
Richard Beymer als Benjamin Horne,
Lara Flynn Boyle als Donna Hayward,
Sherilyn Fenn als Audrey Horne,
Warren Frost als Dr. Will Hayward,
Peggy Lipton als Norma Jennings,
James Marshall als James Hurley,
Everett McGill als Big Ed Hurley,
Jack Nance als Pete Martell,
Ray Wise als Leland Palmer,
Joan Chen als Jocelyn Packard,
Piper Laurie als Katherine Martell,
Russ Tamblyn als Dr. Lawrence Jacoby,
Eric Da Re als Leo Johnson,
Mary Jo Deschanel als Eileen Hayward,
Harry Goaz als Deputy Andy Brennan,
Gary Hershberger als Mike Nelson,
Michael Horse als Deputy Tommy "Hawk" Hill,
Grace Zabriskie als Sarah Palmer,
Sheryl Lee als Laura Palmer u.a.
Kurzinhalt:
Am Morgen des 24. Februar 1989 macht Pete Martell in der Kleinstadt Twin Peaks einen grausigen Fund: Eine in Plastik gehüllte Leiche. Sofort verständigt er Sheriff Harry S. Truman, der die Tote daraufhin zusammen mit seinem Deputy Andy Brennan und dem Gerichtsmediziner Will Hayward als die siebzehnjährige Laura Palmer identifiziert. Daraufhin macht die Kunde ihrer Ermordung in Twin Peaks die Runde, und erschüttert die bislang vermeintlich beschaulich-friedliche Gemeinde in ihren Grundfesten. Lauras Eltern werden verständigt, und danach ihre Freunde und Bekannten befragt. Dabei stellt sich heraus, dass neben Laura noch eine zweite junge Frau vermisst wird: Ronette Pulaski. Diese wird kurz darauf lebendig, jedoch in einem körperlich verwahrlosten und geistig katatonischen Zustand gefunden, und ins Krankenhaus gebracht. Kurz darauf trifft der FBI-Agent Dale Cooper in Twin Peaks ein. Dieser sieht Parallelen zu einem früheren Fall, den er untersucht hat. Zusammen mit Sheriff Truman macht sich Agent Cooper auf die Suche nach Laura Palmers Mörder…
Review:
Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich "Twin Peaks" besprechen soll. Also nicht, dass an der Bedeutung der Serie irgendein Zweifel bestehen kann. David Lynchs Mystery-Serie war revolutionär und wegweisend, und hat Anfang der 90ern das Fernsehen auf eine neue qualitative Stufe gehoben. Zudem lässt sich wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es ohne "Twin Peaks" auch "Akte X" nie gegeben hätte (und das nicht nur, weil David Duchovny hier eine frühe Rolle hatte). Insofern kann daran, dass sie es absolut wert ist, besprochen zu werfen, kein Zweifel bestehen. Nur bin ich mir nicht sicher, ob ich die richtige Person dafür bin. Nicht, dass ich mit David Lynchs Werk grundsätzlich nichts anzufangen wüsste, und/oder die Serie nicht mögen würde. Ich halte mich nur eigentlich nicht für gescheit und intelligent genug, um sie zu analysieren, zu verstehen und zu durchschauen. Andererseits: Wer von uns ist das schon?! Und nicht zuletzt: Sollen wir das denn überhaupt? War es nicht vielmehr seit jeher sein Ziel, uns zu verwirren, zu verstören, und vor allem auch herauszufordern? Sein Tod im letzten Jahr gab dann endgültig den Ausschlag– auch wenn es ein bisschen gedauert hat, bis sich in meiner Retro-Schiene ein Platz auftat.
Das (beim Pilotfilm extralange) Intro zeigt uns Bilder der fiktiven Kleinstadt Twin Peaks, und vermittelt dabei ein überaus idyllisches Bild – welches unmittelbar darauf mit dem Fund der Leiche von Paura Palmer konterkariert wird. Die nachfolgenden eineinhalb Stunden stellen uns dann einerseits den Ort und seine Bewohner vor, und zeigen andererseits, wie eben die vermeintliche Idylle von Twin Peaks vom Mord an Laura Palmer erschüttert wird. Letzteres gilt natürlich insbesondere für ihre Eltern Leland und Sarah (wobei einem vor allem der Verzweiflungsschrei von letzterer durch Mark und Bein geht), aber auch ihre beste Freundin Donna Hayward, sowie ihren (geheimen)Freund James Hurley. Aber auch jene, die Laura nur flüchtig oder gar nicht kannten, zeigen sich ob dieses brutalen Mordes in ihrer Gemeinde erschüttert. Und so lernen wir nacheinander die umfangreiche Figurenriege kennen, und erfahren dabei auch gleich ein bisschen etwas über ihre Beziehungen zueinander. Angefangen beim Triumvirat Pete und Catherine Martell, sowie Jocelyn Packard, die zusammen die örtliche Holzmühle betreiben. Oder Benjamin Horne, der Chef des größten Hotels in der Stadt, der gerade eine Delegation aus potentiellen Investoren aus Norwegen bei sich begrüßt, sowie seine frech-aufgeweckte Tochter Audrey. Dann ist da Shelly Johnson, die eine Affäre mit Bobby Briggs hat, und mit dem Tyrannen Leo verheiratet ist. Oder der Psychiater Dr. Jacoby, der Laura betreut hat. James' Vater Big Ed, der mit Nadine Hurley verheiratet ist, aber eine Affäre mit Norma Jennings (die das lokale Diner betreibt) pflegt. Bei all diesen Beziehungen und Affären wird dann auch der Soap-Charakter deutlich, der ebenfalls zur DNA der Serie gehört, für mich aber gegenüber den Drama- und Mystery-Elementen (dankenswerterweise) nie Überhand nahm.
Und dann ist da natürlich noch Dale Cooper. So hochkarätig und teilweise durchaus auch prominent das Ensemble auch sein mag, ist es doch Kyle MacLachlan, der in der Rolle des FBI-Agenten ab seinem ersten Auftritt (nach etwa einer halben Stunde Laufzeit) am meisten Eindruck hinterlässt. Dabei ist es nicht einmal so, dass er die einzige schrullige Figur der Serie wäre; ganz im Gegenteil, zeichnen sich doch viele Bewohner Twin Peaks durch ihre ganz speziellen Eigenheiten aus, die hier auch bereits im Pilotfilm zur Geltung kommen (nicht zuletzt natürlich "log lady" Margaret Lanterman). Und doch ist da etwas an Kyle MacLachlans Darstellung, Coopers Aufzeichnungen für die geheimnisvolle Diane, und seine ganze Art und Persönlichkeit, die ihn aus dem so umfangreichen wie auffälligen Ensemble noch einmal ganz besonders hervorstechen lässt. Und dass, obwohl wir einige seiner Eigenarten erst in weiterer Folge kennenlernen, praktisch ab der ersten Sekunde, wo er zu sehen ist. Für mich macht Kyle MacLachlan als Dale Cooper jedenfalls einen großen Teil des Reizes von "Twin Peaks" aus.
Bei so vielen Figuren, die es vorzustellen gilt, sowie der Etablierung des Mordes an Laura Palmer – der hier als Initialzündung dient – bleibt trotz der neunzig Minuten Laufzeit nicht mehr viel Zeit, um eine Story zu erzählen. Macht(e mir) aber in diesem konkreten Fall nichts, da man eh viel zu sehr damit beschäftigt ist, die Fülle an Figuren kennenzulernen. Was "Twin Peaks" darüber hinaus von Beginn an auszeichnet, ist die hohe Produktionsqualität. Heutzutage ist man es zwar gewohnt, dass sich Kino und Fernsehen diesbezüglich kaum voneinander unterscheiden, Anfang der 90er war das aber ein Novum. David Lynch bot hier tatsächlich Fernsehen auf Kino-Niveau; zudem zeichnet sich seine Inszenierung durch eine ganz eigene, mystische Atmosphäre aus, die mich zusammen mit dem interessanten Setting und den kuriosen Figuren von Beginn an in den Bann zog. Dann ist da noch die wunderbare, eingängige und auch herrlich vielschichtige Musik von Angelo Badalamenti, die ebenfalls viel zum Reiz (und der Stimmung) der Serie beiträgt. Und auch die schauspielerischen Leistungen wissen von Beginn an zu gefallen. Zumal die Besetzung teilweise aus heutiger, rückblickender Sicht, teilweise aber auch bereits damals, so umfangreich wie hochkarätig ist, und neben Kyle MacLachlan auch noch Namen wie Lara Flynn Boyle, Herilyn Fenn, Ray Wise, Piper Laurie, Joan Chen, Jack Nance, Everett McGill, Madchen Amick, Russ Tamblyn und Don S. Davis (der hier wie auch bei "Akte X" und "Stargate" in Uniform auftritt) umfasst. Last but not least zeichnet sich "Twin Peaks" durch einen ganz eigenen Ton aus, den ich auch fünfunddreißig Jahre später für einzigartig halte. Insgesamt erweist sich "Das Geheimnis von Twin Peaks" als höchst faszinierender Start einer Serie, die TV-Geschichte geschrieben hat.
Fazit:
Sieht man mal vom tragischen Auftakt rund um die Leiche von Laura Palmer ab, ist "Das Geheimnis von Twin Peaks" eigentlich noch ein recht ruhiger und auch gemächlicher Auftakt der Serie. Zwar bestimmt praktisch ab der ersten Minute die Frage nach Laura Palmers Mörder das Geschehen, davon abgesehen nimmt man sich hier aber ausreichend Zeit, um die Fülle an Figuren vorzustellen, und ihre individuellen Beziehungen zueinander zu etablieren. Demgegenüber halten sich David Lynch und Mark Frost mit den Mystery-Elementen bis hin zum regelrechten Wahnsinn, der uns in weiterer Folge erwartet, noch relativ zurück. Es gilt erstmal, die Zuschauer abzuholen – und vielleicht auch ein bisschen in Sicherheit zu wiegen – und dazu gehören die ganzen typischen, teilweise auch klischeehaften Elemente dazu. Ab der Ankunft von Dale Cooper in Twin Peaks dreht der Pilotfilm dann aber so richtig auf. Und auch davon abgesehen besticht er mit einer für damalige TV-Verhältnisse außergewöhnlich hohen inszenatorischen Qualität, die einem eigentlich von der ersten Sekunde an das Gefühl vermittelt, etwas ganz Besonderes zu sehen. Was die Spannung und eben die Mystery-Elemente betrifft, behält sich "Twin Peaks" zwar mit diesem Pilotfilm noch etwas Luft nach oben. Davon abgesehen ist "Das Geheimnis von Twin Peaks" aber ein höchst interessanter und vielversprechender Auftakt einer wegweisenden TV-Serie.