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Spotlight Drucken E-Mail
Fesselndes Journalisten-Drama mit Starbesetzung Kategorie: Filme - Autor: C. Siegel | M. Spieler - Datum: Donnerstag, 25 Februar 2016
 
Oscar-SPECiAL

 
Spotlight
Originaltitel: Spotlight
Produktionsland/jahr: USA 2015
Bewertung:
Studio/Verleih: Anonymous Content/Open Road Films/Paramount Pictures
Regie: Tom McCarthy
Produzenten: U.a. Blye Pagon Faust, Steve Golin, Nicole Rocklin & Michael Sugar
Drehbuch: Tom McCarthy & Josh Singer
Filmmusik: Howard Shore
Kamera: Masanobu Takayanagi
Schnitt: Tom McArdle
Genre: Drama/Thriller
Kinostart Deutschland: 25. Februar 2016
Kinostart USA: 25. November 2015
Laufzeit: 128 Minuten
Altersfreigabe: FSK ab 0
Trailer: YouTube
Kaufen: Soundtrack
Mit: Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian d'Arcy James, Stanley Tucci, Elena Wohl, Billy Crudup u.a.


Kurzinhalt: Im Juli 2001 erhält der Boston Globe in Marty Baron einen neuen Chef. Als eine seiner ersten Maßnahmen trifft er sich mit Walter "Robby" Robinson, der unter der Artikelserie "Spotlight" ein Team an investigativen Journalisten leitet, die sich für ihre Nachforschungen ausreichend Zeit nehmen, um dann mit ausführlichen Artikeln mit Schlagzeilen-Qualität an die Öffentlichkeit zu gehen. Als er erfährt, dass diese nach dem Abschluss ihres letzten Projekts nach einem neuen Thema suchen, dem sie sich widmen können, schlägt er die Missbrauchsvorwürfe vor, die gegen einige Priester in Boston die Runde machen. Aufgrund der hohen Stellung, welche die katholische Kirche in Boston genießt, widmet man sich dem Thema anfangs nur zögerlich – und stößt zudem fast überall auf eine Wand des Schweigens. Als es Robby und seinem Team dann schließlich gelingt, diese zu durchbrechen, stoßen sie auf einen weitreichenden Skandal, und decken auf, wie jahrzehntelanger Kindesmissbrauch durch katholische Priester in Boston systematisch vertuscht wurde…

Review von Christian Siegel: Szenenbild. Im neuen Jahrtausend rückten zunehmend Vorwürfe von sexuellem Missbrauch an Kindern innerhalb der katholischen Kirche in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Österreich hatte mit Kardinal Groer ja ebenfalls einen prominenten Fall zu diesem Skandal beigetragen. Und auch wenn Einzelfälle zweifellos auch davor immer wieder einmal ans Tageslicht kamen, aber das erste Mal, dass die systematische Vertuschung hinter diesen Fällen an die Öffentlichkeit gelangte, war durch den entsprechenden "Spotlight"-Artikel des Boston Globe, der damals vor allem mit dem Ausmaß der dahinter stehenden Verschwörung die Welt schockierte. Das Journalisten-Drama "Spotlight" bringt nun die Männer und Frauen hinter dieser Recherche ins Rampenlicht, und erweist sich dabei sowohl als Plädoyer für den Printjournalismus (in einer Zeit, als dieser zunehmend unter Druck gerät und das Internet diesen zu verdrängen scheint) als auch als bedeutendes Zeitdokument, dass interessante Hintergrundinformationen und historischen Kontext zur damaligen Schlagzeile liefert, und dieser Leben einhaucht.

Nun mag – bedauerlicherweise – die Tatsache, dass es innerhalb der katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu Fällen von sexuellem Kindesmissbrauch gekommen ist, im Jahr 2016 kaum mehr eine neue Erkenntnis sein. Was mich jedoch bei "Spotlight" durchaus schockierte und mir erst durch diesen Film wieder so richtig ins Bewusstsein gebracht wurde, ist die systematische Vertuschung, die dahinter steht. Zu sehen, wie weitreichend sie ist, und dass sie auch über die katholische Kirche hinaus ihre Kreise an Leuten gezogen hatte, die darüber Bescheid wussten und teilweise sogar gut daran verdienten. Auch Offenbarungen wie das Rehabilitationsprogramm, oder auch, dass "erwischte" Priester nicht etwa irgendwohin verbannt, sondern vielmehr einfach in die nächste Gemeinde geschickt werden, wo sie sich das nächste Opfer aussuchen können, erzürnte mich. Auch auf die Auswirkungen dieser Offenbarungen auf gläubige Menschen, die aus der katholischen Kirche bislang viel Trost in ihrem Leben bezogen, wird nicht vergessen. Und – angesichts des ansonsten sehr positiven Tons gegenüber Journalisten und den Printmedien für mich durchaus überraschend, zugleich jedoch nur umso lobenswerter – auch die Medien werden in die Pflicht genommen. So wird erwähnt, dass die Redaktion des Boston Globe schon früher von den Vorwürfen gehört hat, damals jedoch nicht aktiv wurde. Hätte man damals bereits recherchiert und diesen systematischen Missbrauch ans Tageslicht gebracht – wie viele Opfer wären in weiterer Folge vielleicht verschont worden? Trotz dieser kritischen Untertöne, die immerhin dafür sorgen, dass das Spotlight-Team nicht zu unantastbaren Helden hochstilisiert werden, macht der Film aber auch deutlich, dass Robby und seinem Team für die hier geleistete Arbeit Dank und Anerkennung gebührt.

Szenenbild. Zum Leben erweckt werden sie im vorliegenden Fall durch ein hochkarätiges Star-Ensemble, dass von Michael Keaton angeführt wird, der hier wieder eine sehr gute (wenn auch längst nicht so beeindruckende wie in "Birdman") Leistung zeigt. Auch Rachel McAdams kann mit ihrer Performance hier wieder einmal absolut gefallen. Letztendlich sticht aus dem Ensemble, dass u.a. noch Liev Schreiber, John Slattery, Brian d'Arcy und Stanley Tucci umfasst, in erster Linie Mark Ruffalo hervor, dem es hier zum wiederholten Male gelingt, seine KollegInnen zu überstrahlen und aus dem großen Ensemble hervorzustechen. Für mich ist er der zur Zeit auffälligste Nebendarsteller, dem Hollywood irgendwie – warum auch immer – keine Hauptrollen zuzutrauen scheint. Solange wir dafür mit Leistungen von ihm wie bei "Spotlight" entschädigt werden, kann ich mich darüber allerdings nicht zu laut beschweren. Die Inszenierung von Tom McCarthy ist solide. Zusammen mit seinem Drehbuch-Koautor Josh Singer rollt er die Geschehnisse auf überaus sachlich – aber deshalb nicht weniger erschütternde – Art und Weise auf. Einzig allzu viel Spannung sollte man sich nicht erwarten: "Spotlight" ist dann doch deutlich mehr ruhiges Drama als packender Thriller, und leidet auch ein wenig darunter, dass dem Zuschauer der Ausgang des Geschehens von Anfang an klar sein dürfte. Davon abgesehen hat er mir aber sehr gut gefallen.

Fazit: "Spotlight" ist ein wichtiger und gelungener Film, der sowohl die schockierende, jahrzehntelange Vertuschung von Fällen sexuellen Missbrauchs an Kindern innerhalb der katholischen Kirche als auch das Team an investigativen Journalisten des Boston Globe, welche diese dann schließlich aufdeckten, ins Rampenlicht stellt. Dies macht ihn in meinen Augen zu einem Pflichttermin für alle, die sich entweder für diese Thematik und/oder Journalismus interessieren. Getragen von einem hochkarätigen Ensemble, überzeugt "Spotlight" zudem mit seiner sowohl ausgewogenen als auch sachlichen Betrachtung des Skandals – und schaffte es abseits jedweden Pathos. erst recht, bei mir für Erschütterung und Entrüstung zu sorgen. Die Thriller-Aspekte sind dabei zu vernachlässigen; in erster Linie ist "Spotlight" ein ruhiges, stilles und weitgehend unaufgeregtes Journalisten-Drama, bei dem der "Schrecken" in erster Linie durch den Inhalt, und nicht durch die Inszenierung, entsteht. Wer sich eben damit abfindet, dem steht ein Film ins Haus, der die unfassbare Tragweite des Skandals greifbar macht.

Wertung:8 von 10 Punkten
Christian Siegel


Review von Michael Spieler: Szenenbild. Ich kann natürlich noch nicht für ganz 2016 reden und eigentlich ist der Film ja auch von 2015, aber er ist der beste Film unseres deutschen Kinojahres - bis jetzt. Er wird auch, egal was noch kommt, die Spitzenfilme anführen. Ich hatte Angst, dass "Spotlight" in eine ähnliche Grube fährt, wie seinerzeit "The Company You Keep - Die Akte Grant", der ja auch hochkarätig besetzt war, aber mich überhaupt nicht überzeugen konnte. Ein so komplexes und grundsätzlich erschütterndes Thema in seiner Gänze in zwei Stunden Film zu bekommen ist eine Meisterleistung an sich, eine Andere die Leistung des Ensembles. Die vier plus drei Personen, die den Recherchekern bilden, um den sich hier alles dreht, funktionieren nicht nur unglaublich gut zusammen, sie sind auch glaubwürdig. Sei es der Ressortleiter Walter Robinson, gespielt von Michael Keaton, der damit ringen muss wie er und alte Freunde zu dem Skandal stehen und letztendlich die Verantwortung für jeden abgedruckten Text übernimmt, oder der Redakteur Michael Rezendes, gespielt von Mark Ruffalo, der am liebsten sofort eine nur halb durchrecherchierte Story drucken will, weil ihn das immer wucherndere Ausmaß über den Kopf steigt.

Das Portrait der Spotlight-Redaktion des Boston Globe um die Jahrtausendwende ist rundum gelungen und lässt einen mit dem einen oder anderen Kloß im Hals zurück. Das Thema um Kindesmissbrauch durch Priester der katholischen Kirche, v.a. in sozialen Brennpunkten (so war es zumindest in der Erzdiözese Boston), ist natürlich bekannt und auch hierzulande wurden solche Fälle aufgedeckt, wie sich auch im Abspann von Spotlight lesen lässt. Andererseits zeigt es auch beeindruckend wie investigativer Journalismus wirklich funktioniert, sein sollte und wie ihn sich damals der Boston Globe leistete. Vier Journalisten, die sich ihre Themen selbst suchen und dann so lange wie nötig dafür recherchieren - eben auch mal über ein Jahr - gibt es sicher nicht mehr so häufig und wird von Lesern auch nur noch selten gewürdigt. Tief gehende Korruption, Skandale, Vertuschung - sowas kann man nicht in einen Tweet verpacken. Man kann nur hoffen, dass irgendwer irgendwo solche Journalisten noch fördert und ihnen den Spielraum lässt, um wirklich Entscheidendes zu berichten. Doch zurück zum Film. Tom McCarthy als Regisseur und Tom McArdle im Schnittraum schaffen es hier, ruhig aber bestimmt und in richtigen Dosen, die Arbeit des Teams, die Mauern gegen die sie laufen und die Funken von Informationspuzzleteilen, einzufangen und in eine sinnvolle Ordnung zu bringen. Ja, sie komponieren einen Film, wie eine Naturgewalt. Er zieht sich am Horizont langsam zusammen und seine Wucht ist erst nicht zu erahnen, bis er kurz vor seiner Auflösung steht. Und der Film trifft. Er trifft und macht ungläubig, was im Kontext auch schon wieder fast ironisch ist. Er hat mich bewegt und wird auch euch bewegen und das auch noch einige Zeit, nachdem ihr vom Kinosessel aufgestanden seid. Er ist definitiv kein Bildersnack für Zwischendurch, sondern ein Menu vom Allerfeinsten, doch ganz ohne Pomp. Man wird an die Hand genommen, um die handelnden Figuren, derer es viele gibt - Täter, Opfer, Mitwisser, Anwälte, Polizisten, Journalisten, im Grunde eine ganze Stadt - zu erfassen und ich war auch dankbar dafür. Trotzdem rechnet "Spotlight" mit der Intelligenz der Zuschauer und die reine Fülle war gerade noch zu verarbeiten. Man hat ja nur zwei Stunden und es war in der Tat wirklich fesselnd und nicht abschreckend.

Szenenbild. Liev Schreiber, der - als Marty Barton - die Rolle des neuen Chefredakteurs des Boston Globe übernimmt und der eigentliche Stein des Anstoßes für die Recherchen von Spotlight ist, soll nicht unerwähnt bleiben. Ebenso Rachel Madams und Brian D’Arcy James, die sich in ihren Rollen auf die Opfer- und Tätersuche begeben und sowohl Feingefühl beweisen, als auch im eigenen Umfeld es mit dem Thema nicht leicht haben. Für mich persönlich hat die Kirche, und v.a. die katholische Kirche, in der Erziehung nie eine Rolle gespielt, daher ist mir die starke Verwebung von Gemeinden, wie sie ganz offensichtlich auch in Boston vorhanden war und ist nicht immer so ganz klar und vermutlich ist sie in den deutschen, städtisch geprägten Umfeldern, eh weit weniger sichtbar, als in der süddeutschen Kleinstadt oder den USA. In Boston jedenfalls durchdrang die Kirche und ihre Einrichtungen, so ziemlich jeden Aspekt des Lebens und teure Anwälte wurden sich geleistet, um den Mantel des Schweigens über die "paar faulen Früchte" in der Priesterschaft zu legen. Schließlich ist man wohltätig und "wer will schon einem Priester Handschellen anlegen".

Fazit: Spotlight" schafft es auf gekonnte Weise, tiefgründig und fesselnd, die journalistische Leistung einer kleinen Gruppe von mutigen Journalisten, erneut ins Rampenlicht zu rücken und - in die besten Eigenschaften eines Thrillers verpackt - einem interessierten Publikum darzubieten. Lasst euch vom Ensemble begeistern und wünscht "Spotlight" alle sechs Oscars, für die er nominiert ist. Großartig.

Wertung:10 von 10 Punkten
Michael Spieler
(Bilder © 2016 Paramount Pictures)


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Weiterführende Links:
Oscar-SPECiAL 2016





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