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127 Hours Drucken E-Mail
Das jüngste Meisterwerk von Danny Boyle... Kategorie: Filme - Autor: Christian Siegel - Datum: Sonntag, 27 Februar 2011
 
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127 Hours
(127 Hours, USA 2010)
 
127 Hours
Bewertung:
Studio/Verleih: Fox Searchlight/20th Century Fox
Regie: Danny Boyle
Produzenten: U.a. Danny Boyle, Christian Colson & John Smithson
Drehbuch: Danny Boyle & Simon Beaufoy, nach dem Buch von Aron Ralston
Filmmusik: A.R. Rahman
Kamera: Matthew Libatique
Schnitt: Enrique Chediak & Anthony Dod Mantle
Genre: Drama
Kinostart (Deutschland): 17. Februar 2011
Kinostart (USA): 28. Januar 2011
Laufzeit: 108 Minuten
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren
Trailer: klick
Kaufen: Blu Ray, DVD, Soundtrack, Roman
Mit: James Franco, Kate Mara, Amber Tamblyn u.a.


Kurzinhalt: Aron Ralston ist Abenteurer, Extremsportler und leidenschaftlicher Bergsteiger. An einem schicksalhaften Wochenende verschlägt es ihn zum Blue John Canyon in Utah. Nach einer kurzen Begegnung mit zwei hübschen jungen Frauen, bei der Aron wieder einmal seinen ganzen Charme spielen lässt, passiert ihm während seiner Kletterpartie ein tragisches Unglück: Ein Felsen löst sich direkt unter ihm, er stürzt in eine Felsspalte, und seine rechte Hand ist daraufhin zwischen Canyonwand und Felsen eingeklemmt. Mit nur wenig Wasser im Gepäck und kaum Aussicht auf Rettung – er hat vor seinem Ausflug niemandem gesagt, wo er hin will – beginnt daraufhin eine 127-stündige Tortur. Erst als er dem Tod schon näher scheint als dem Leben, ringt er sich zum Äußersten durch, um sich doch noch zu befreien und den Canyon lebend verlassen zu können…

Anmerkung: Da dieser Film auf realen Ereignissen basiert, setze ich die Geschichte und ihren Ausgang als bekannt voraus, und werde daher im weiteren Verlauf keine Spoiler-Markierungen setzen. Dies nur zur Warnung für alle, die über Aron Ralston’s Leidensweg tatsächlich noch nichts gehört haben sollten und sich den Film völlig unvorbereitet ansehen wollen – in dem Fall solltet ihr am besten erst beim Fazit weiterlesen!

Review: ImageManchmal schreibt die unglaublichsten Geschichten eben doch das Leben. Danny Boyle’s jüngstes Meisterwerk "127 Hours" erzählt die wahre Geschichte von Aron Ralston, der bei einer Wanderung durch den Blue John Canyon in Utah in eine Felsspalte geriet und sich dabei den rechten Unterarm so unglücklich einklemmte, dass er schließlich keine andere Wahl hatte, als ihn sich nach einer 127-stündigen Tortur selbst zu amputieren. Nicht gerade leichte Kost, doch das Ergebnis ist trotz einiger harter Szenen alles andere als ein deprimierender Film. Tatsächlich feiert Danny Boyle hier den Triumph des Lebens und zeigt, zu welchen außerordentlichen Taten wir Menschen in extremen Situationen fähig sind. Demnach fragt man sich beim Verlassen des Kinosaals auch nicht, wie Aron Ralston das nur tun konnte, sondern man denkt, „Wie hätte er es denn nicht tun können“? Aron’s unglaublicher Befreiungsschlag wirkt wie die logische Konsequenz eines unbegreiflichen Dilemmas…

Alle, die befürchten, dass "127 Hours" dadurch dass er überwiegend an einem Schauplatz spielt langweilig werden könnte, sei gesagt: Es besteht kein Grund zur Sorge. Nicht zuletzt dank der recht kurzen Laufzeit sowie einiger klug gewählter und immer wieder eingestreuter Erinnerungen, Visionen und Halluzinationen von Aron, in denen uns Danny Boyle zumindest für kurze Zeit aus der erdrückenden Tristesse des Canyons entfliehen lässt, lockern die Handlung merklich auf, und sorgen für Abwechslung – sowie dafür, dass wir uns noch stärker mit Aron identifizieren, lernen wir ihn doch dadurch nur umso besser kennen. Auch ist der Film trotz der Konzentration auf einen Handlungsort sehr dynamisch inszeniert, und wird zudem durch die gelegentlich eingespielten Videobotschaften von Aron Ralston an seine Verwandten visuell aufgelockert. Generell trägt "127 Hours" eindeutig Danny Boyle’s Handschrift: Vor allem der Einstieg ist ungemein dynamisch und temporeich, wobei die verwendeten Splitscreen-Aufnahmen diesen Effekt sogar noch verstärken. Hier zeigt uns Danny Boyle, wie die meisten von uns ihrem normalen Leben nachgehen, während sich mit Aron Ralston ein einzelnes, außergewöhnliches Individuum auf diese abenteuerliche Reise in den Canyon begibt. Die nachfolgende kurze Subhandlung rund um sein Treffen mit zwei hübschen jungen Damen mag zwar frei erfunden sein, hilft aber dabei, uns Aron vorzustellen und ihn uns trotz seiner Waghalsigkeit vor allem dank der Lebensfreude die er hier ausstrahlt, sympathisch zu machen.

ImageUmso stärker fühlt man mit diesem aktiven, lebenslustigen Menschen mit, als er kurz darauf in seine missliche Lage gerät. Die darauffolgenden Minuten sind von seinen Versuchen, sich zu befreien, sowie der zunehmenden Verzweiflung ob der scheinbaren Ausweglosigkeit seiner Situation geprägt. Seine Gedanken und Gefühle werden uns dabei einerseits durch James Franco’s Mimik und Gestik (dazu später mehr), andererseits durch seine Videobotschaften oder auch durch so geniale und anschauliche Einspielungen wie z.B. verschiedene Werbungen für Erfrischungsgetränke (die uns seinen Durst spürbar machen sollen) vermittelt. Trotz der düsteren Lage, in der sich Aron befindet, ist dieser Teil des Films doch auch nicht frei von Humor, wie z.B. wenn Danny Boyle sein Aufwachen im Canyon mit Bill Withers "Lovely Day" hinterlegt. Auch ein Gollum-artiges Selbstgespräch/Interview von Aron sorgt kurzfristig für Auflockerung – ehe diese in Verzweiflung umschlägt.

Denn: Trotz aller auflockernden Elemente ist dieses Gefühl selbstverständlich jenes, das diesen Teil des Films dominiert. Zumal uns die Halluzinationen und Visionen sowohl die körperliche als auch geistige Anstrengung durch diese Extremsituation anschaulich vermitteln. Eine solche ist es dann auch, die Aron schließlich kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch davon überzeugt, dass er unbedingt weiterleben will – koste es, was es wolle. Die entsprechende, mit einem kurzen Auszug aus Dido’s und A.R. Rahman’s "If I Rise" unterlegte Szene ist ein ungemein kraftvoller, intensiver Moment, der mir – so wie auch einige andere Augenblicke aus "127 Hours" – Gänsehaut beschert hat. Nun folgt die wohl meistdiskutierte Szene des Films: Um sich aus dem Canyon zu befreien, beginnt Aron damit, sich seinen eigenen Unterarm mit einem stumpfen Messer zu amputieren. Es gab im Vorfeld immer wieder Berichte über Menschen, die bei dieser Szene in Ohnmacht fielen, und auch wenn mir persönlich diese Reaktion etwas übertrieben scheint, kann ich sie doch nachvollziehen. Sicher, im Bereich des Tortureporn-Horrors hat man in den letzten Jahren auch schon deutlich schlimmeres gesehen. Der Unterschied zu "127 Hours" ist jedoch, dass diese Handlungen (Gott sei Dank; anders wären diese Filme ja auch beim besten Willen nicht auszuhalten – sofern sie das denn überhaupt sind) frei erfunden sind, während wir uns hier in jeder Sekunde vor Augen halten müssen, dass sich dies tatsächlich so zugetragen hat.

ImageAußerdem ist man in der Stunde zuvor doch langsam aber sicher mit Aron verschmolzen; man steckt mit ihm in diesem Canyon fest, identifiziert sich mit ihm, und fühlt daher in diesem Moment auch mit ihm mit. Daher geht einem diese Szene ungleich näher, als wenn es im x-ten Slasher irgendeinen eindimensionalen, dummen und unsympathischen Teenager erwischt. Danny Boyle findet jedenfalls aus meiner Sicht in diesen Szenen genau die richtige Mischung; weder schreckt er davor zurück, uns die grausigen Details zu zeigen, noch übertreibt er es damit. Dennoch… ich bin sicherlich nicht zimperlich, was Gewalt in Filmen betrifft, aber auch ich fand die Amputations-Szene in "127 Hours" ungemein hart und schwer anzuschauen; sie ging mir wirklich nahe. Vor allem, wenn sich Aron Elle und Speiche bricht oder kurz darauf den Nerv durchtrennt, dürfte dies wohl selbst hartgesottene und abgehärtete Kinobesucher zusammenzucken lassen.

Umso erhebender ist dann schließlich jener Moment, als es Aron endlich gelungen ist, sich vom Felsen zu befreien. Doch die Freude währt nur kurz, denn damit ist seine Tortur noch nicht zu Ende. Nun gilt es, sich mit einer Hand und trotz seiner schlechten körperlichen Verfassung und des Blutverlustes, sich aus der Felsspalte zu befreien, vom Vorsprung abzuseilen und danach so lange durch den Canyon zu wandern, bis er auf andere Menschen trifft. Unterlegt ist diese Sequenz mit Sigur Ros "Festival", das die Stimmung der Szene perfekt einfängt und seine letzten Schritte zurück in die Zivilisation – und damit zu seinem Leben – mitreißend untermalt. Der darauf folgende kurze Epilog macht "127 Hours" dann endgültig zu einem Meisterwerk: So sehen wir, wie Aron, nun mit amputierten Arm aus einem Swimming Pool auftaucht und vor sich – in Anlehnung an eine Vision zuvor – seine Freunde und Familie auf einer Couch sitzen sieht. Diese sowie die darauffolgende Szene, in denen uns in Titeleinblendungen Arons weiteres Schicksal erzählt wird und wir zuletzt ihn, seine Frau und seinen Sohn zu Gesicht bekommen, war für mich ein ungemein emotionaler Moment, in dem ich mit den Tränen zu kämpfen hatte. Ein ungemein bewegender und auch sehr aufmunternder, lebensbejahender Abschluss für einen wunderbaren Film.

ImageIch habe Danny Boyle’s Inszenierung zwar bereits lobend hervorgehoben, möchte jedoch trotzdem noch einmal kurz auf deren Brillanz und Eleganz eingehen. Erneut schafft er einen visuell beeindruckenden, sehr dynamischen und auch stilvollen Film, von dem mir viele Einstellungen in Erinnerung geblieben sind. Eine davon war z.B., wie Aron Ralston in der Felsspalte gefangen um Hilfe schreit, und die Kamera sich immer weiter von ihm entfernt, ehe wir schließlich einen Großteil des Canyons überblicken, und seine Stimme nicht mehr zu hören ist (diese Sequenz war, wenn auch stark beschleunigt, auch schon im Trailer zu bewundern). Damit wird uns auf einem Schlag seine Isolation sowie die Hoffnungslosigkeit seiner Situation erst so richtig bewusst. Auch die zahlreichen Erinnerungen, Traumszenen und Halluzinationen wurden sehr hochkarätig in Szene gesetzt. Beispielhaft sei jener Moment erwähnt, als sich Aron während eines Regensturms offenbar befreien konnte – uns aber dadurch, dass es auf seinem ganzen Rückweg stark regnet auf subtile Weise vermittelt wird, dass es sich dabei nur um einen Traum handeln kann.

Wie schon bei "Slumdog Millionär" ist auch hier wieder A.R. Rahman für die musikalische Untermalung des Geschehens zuständig. Währt man sich während der Introsequenz, die an M.I.A.‘s "Paper Planes" erinnert, noch in einer inoffiziellen Fortsetzung zu Boyle’s vorangegangenem Film, lässt er danach zunehmend seine indischen Wurzeln hinter sich und liefert einen enorm vielschichtigen, abwechslungsreichen und kraftvollen Score ab. Die beachtlichste Leistung des Films erbringt aber ganz klar James Franco, der sich für seine Performance hier einen Oscar wirklich verdient hätte. "127 Hours" ist de facto eine One Man-Show; damit trug er eine unvergleichliche Last auf seinen Schultern, stand und fiel der Film doch mit seiner Leistung; wäre es ihm nicht gelungen, uns Aron sympathisch zu machen und sein Dilemma mitreißend zu vermitteln, wäre "127 Hours" gescheitert. Doch Franco, der bereits in einigen kleineren Rollen (wie z.B. in "Milk") sein großes schauspielerisches Potential aufblitzen ließ, welches ihm in anderen Filmen zu zeigen nicht erlaubt und/oder möglich war (siehe "Spiderman 3"), wächst hier über sich hinaus, und offenbart sich endgültig als eines der größten Talente seiner Generation. Man kann nur hoffen, dass ihm und uns ein ähnliches Schicksal wie beim ähnlich gefeierten Heath Ledger erspart bleibt, und er uns in den nächsten Jahren mit seinen schauspielerischen Leistungen noch viel Freude bereiten wird!

Fazit: ImageWas wie ein schreckliches und ungemein deprimierendes menschliches Drama klingt, wird in den Händen des Regie-Virtuosen Danny Boyle ein ungemein erhebendes, erstaunlich aufmunterndes Erlebnis, und eine Ode an das Leben. Ähnlich wie "Slumdog Millionär" ist er gerade aufgrund der Art und Weise, wie der Protagonist allen Widerständen trotzend dennoch als Sieger hervorgeht, ein unter düsteren Elementen und beklemmender Dramatik versteckter Feel Good-Film mit positiver, lebensbejahender Aussage. Neben Danny Boyle’s dynamischer Inszenierung und A.R. Rahman’s stimmungsvollem Soundtrack ist dies in erster Linie einem triumphal aufspielenden James Franco zu verdanken. Sie alle zusammen ziehen gemeinsam mit dieser unfassbaren Geschichte den Zuschauer unweigerlich in ihren Bann – bis zum dramatischen, in aller Drastik dargebotenem Höhepunkt und dem emotionalen Finale, das einem trotz aller Düsternis zuvor mit einem dankbaren, lebensfreudigen und optimistischen Lächeln in die Welt hinausgehen lässt…

Wertung:10 von 10 Punkten



Christian Siegel
(Bilder © 20th Century Fox)


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Weiterführende Links:
Oscar - SPECiAL 2011
Review zu "Slumdog Millionär"
Review zu "Milk"
Review zu "Spiderman 3"


    



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